«Not an Männern» – Fake-Benutzer zocken Mann uff Dating-Tunneleingang ab – ganz legal

Publiziert7. November 2021, 12:45

Leser R. N. bezahlte auf einer Datingplattform 500 Franken, um mit anderen Usern zu chatten. Doch diese waren nicht echt. Das Vorgehen der Webseite sei nicht illegal und käme oft vor, sagt der Konsumentenschutz.

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Viel gechattet, nie getroffen: Leser R. N. meldete sich auf dem Onlinedating-Portal Planet Randy an. Er bezahlte fast 500 Franken, um mit anderen Usern zu chatten.

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Auf der Webseite des Dating-Portals wird darauf aufmerksam gemacht, dass sogenannte Controller im Einsatz seien: Das sind gemäss Planet Randy Scheinaccounts, bestehend aus Studenten, welche auf «amüsante Art und Weise» die User unterhalten sollen. Die Controller sind laut den AGB jedoch nicht als solche gekennzeichnet.

20MAuszüge aus den Chatverläufen von R. N.: Verschiedene User haben immer mit ähnlichen Floskeln geantwortet – und ihn dazu animiert, weiter zu chatten.

Auszüge aus den Chatverläufen von R. N.: Verschiedene User haben immer mit ähnlichen Floskeln geantwortet – und ihn dazu animiert, weiter zu chatten.

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  • R. N. meldete sich auf einer Datingplattform für Männer an.

  • Nach wenigen Tagen hatte er für die Chatfunktion bereits 500 Franken bezahlt.

  • Zu einem Treffen kam es mit keinem User: «Ich denke, das sind Fake-Accounts.»

  • Auf der Webseite wird darauf hingewiesen, dass «Scheinaccounts» im Umlauf sind.

«Ich habe den Männern viele persönliche Nachrichten geschrieben – sobald ich nach einem Treffen fragte, wurde ich stets abgeblockt», erzählt Leser R. N.* Kürzlich meldete sich der 46-Jährige auf der Dating-Webseite Planet Randy an. Sein Ziel war es, andere Männer kennenzulernen: «Ich habe viel gechattet, in der Hoffnung, dass sich ein Date ergeben wird.» Da man auf dem Dating-Portal auch für das Chatten bezahlt, gab er während kurzer Zeit viel Geld aus: «Innerhalb von drei Tagen bezahlte ich fast 500 Franken.»

Irgendwann sei ihm aufgefallen, dass die Männer, mit denen er geschrieben hatte, alle mit ähnlichen Floskeln antworteten, sobald er nach einem Telefonat oder einem Treffen fragte: «Sie sagten, dafür sei es noch zu früh und dass wir erst weiter schreiben müssen – sogar wenn wir bereits tagelang gechattet haben.» Von anderen Dating-Portalen kenne er dieses zurückhaltende Verhalten von Männern nicht.

«Ausserdem fragte ich mich, wie sich diese Jungs Anfang 20 leisten konnten, so viele ‹Randys› – die Währung mit der auf dem Portal bezahlt wird – zu kaufen. Bald hatte ich den Verdacht, dass es sich um Fake-Profile handelt», so N. Danach hörte er auf, mit den Männern zu schreiben. «Ich fühle mich hintergangen – so etwas ist für mich ganz klar betrügerisch.»

Controller sind nicht als solche gekennzeichnet oder wahrnehmbar»

Das Dating-Portal Planet Randy wirbt auf der Website mit Transparenz und Authentizität. «Mitarbeiterinnen checken regelmässig Profile auf deren Echtheit. So kannst du sicher sein, dass du hier echte Männer ansprichst.» Liest man sich aber die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von Planet Randy durch, ergibt sich ein anderes Bild: «Es gibt immer mal wieder einen Mangel an Männern, was dazu führt, dass keine geeigneten Flirtpartner anwesend sind. Um diesen Mangel auszugleichen, setzen wir Controller ein, welche unter anonymen Scheinaccounts Dialoge führen.»

Weiter steht in den AGB, dass die Controller mehrere Identitäten annehmen würden, um Dialoge mit verschiedenen Teilnehmern zu führen: «Diese sind nicht ausdrücklich als Controller gekennzeichnet oder wahrnehmbar. Es ist also möglich, dass ein externer angemeldeter Teilnehmer Dialoge mit einem Controller führt, ohne dass dieser sich als solcher zu erkennen gibt.» Hinter den Controllern würden sich meist Studenten verbergen: «Diese können sich mit den Einnahmen etwas zum Studium dazuverdienen.» Einen Hinweis auf die Controller erhält man als User auch, wenn man sich neu registriert – im letzten Schritt in Form von einer kleinen Box.

«Das ist systematische Kundentäuschung»

«Ein illegales Vorgehen ist hier leider nicht direkt auszumachen», sagt Cécile Thomi, Sprecherin beim Verband für Konsumentenschutz. Es werde nämlich auf das Geschäftsmodell mit den Fake-Teilnehmenden aufmerksam gemacht: «Auch wenn das erst am Schluss des Registrierungsvorganges passiert, wenn man wohl kaum mehr gross in der Lage ist, Kleingedrucktes durchzulesen.»

Beim Konsumentenschutz wisse man, dass Fake-Profile bei diversen Portalen immer wieder Thema seien, so Thomi: «Das ist systematische Kundentäuschung. Dem Betroffenen rate ich, das Profil sofort ganz zu löschen.» Auch wenn es mühsam sei, empfehle sie, sich vor der Registrierung bei solchen Portalen jeweils die AGB durchzulesen.

Ein Strafverfahren sei schwierig oder unmöglich

«Portale dieser Art setzen darauf, dass die betroffenen Nutzer nicht den Rechtsweg beschreiten», sagt Anwalt und IT-Experte Martin Steiger. «Da die Anbieter meist im Ausland sitzen, ist ein Strafverfahren schwierig oder unmöglich.» Für 500 Franken lohne es sich für R. N. nicht, rechtlich dagegen vorzugehen – es sei denn, eine Rechtsschutzversicherung gewähre eine Kostengutsprache: «Es gibt aber gute rechtliche Gründe, zumindest das bezahlte Geld zurückzuverlangen. So gelten in der Schweiz für die Partnerschaftsvermittlung strenge Formvorschriften, welche Online-Portale normalerweise nicht einhalten. Es entsteht deshalb häufig gar nie eine Zahlungsverpflichtung.»

«R. N., empfehle ich, das Profil zu löschen und das Geld bei den Betreibern der Webseite zurückzuverlangen», so Steiger. Bevor man Geld für ein Dating-Portal ausgebe, lohne es sich, Informationen zu sammeln: «Bei vielen Portalen findet man mit einer einfachen Google-Suche Hinweise, dass sie Fake-Profile verwenden.»

*Name der Redaktion bekannt. Planet Randy war für eine Stellungnahme bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

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