Nicht nur zu Weihnachten heißt es: Immer feste feiern!

BerlinFrüher war mehr Lametta. Früher, als ich ein Kind war. Meine Mutter schmückte den Baum mit viel Lametta, und so hält sie es noch heute. Silberfarben muss das Lametta sein, natürlich. Denn die glänzenden Metallstreifen sollen Eiszapfen symbolisieren, die im Winterwald von den Ästen hängen. Bei meiner Mutter kommen auch nur silbrige Kugeln an den Weihnachtsbaum. 

In der Familie, die ich selbst gegründet habe, ist das anders. Auf Wunsch meiner Frau dominieren an unserem Baum die Farben Rot und Gold. Auch das Lametta – zu viel darf es nicht sein – glitzert golden.

Zwei Familien, zwei Ansichten über Lametta. Unwichtig? Nein. Über solche vermeintlichen Kleinigkeiten kann ausgiebig debattiert werden. Das zeigt, wie sehr Weihnachten durch Traditionen geprägt ist. Viel oder wenig Lametta? Onkel Klaus einladen oder nicht? Schöne oder nützliche Geschenke? Und sollen die im Internet gekauft werden oder retten wir lieber im Kiez nebenbei noch ein paar Geschäfte vor dem Corona-Aus? 

Alle feiern zur selben Zeit, aber höchst individuell

Weihnachten ist ein besonderes Fest. Keine spontane Party und auch keine dieser Feiern, die nur einmal im Leben stattfinden wie die Jugendweihe oder die Konfirmation. Oder eher seltener wie Hochzeiten zum Beispiel. Weihnachten heißt: Alle Jahre wieder. Alle feiern zur selben Zeit, aber höchst individuell.

Weihnachten ist das große Fest der Familie, zugleich ein großer Stress-Test: die wochenlange Suche nach Geschenken, backen, Tanne kaufen, den Baumständer wiederfinden. Manche sind genervt, weil sie für das Fest sparen müssen, andere debattieren, ob es wirklich die teure Bio-Gans sein muss. Und wenn alles geschafft ist, gibt es in nicht wenigen Familien den alljährlichen Streit am Heiligen Abend. Da stellt sich die erste Frage: Warum machen so viele mit? Und auch eine zweite Frage: Warum feiern die Menschen eigentlich so gern?

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Die Schokowirtschaft meldet: Für dieses Weihnachtsfest wurden 160 Millionen „Hohlfiguren“ hergestellt.

Dazu gibt es eine überraschende Theorie, die das Feiern zu einem sozialen Urknall erklärt, der dabei half, die Menschen zu Gemeinschaftswesen zu machen. Bevor die Theorie erklärt wird, noch ein paar Fakten zum Advent: Viele große Feste haben religiöse Wurzeln, auch das Weihnachtsfest. Christi Geburt steht heutzutage aber oftmals nicht mehr im Mittelpunkt. Weihnachten ist auch das Fest des Marketings und des Kaufens – und das längste Fest der Welt.

Weihnachten fängt im August an, dann beginnen die Gießarbeiten in der zuckerverarbeitenden Industrie. Aus Schokolade werden die zwei Hälften der Weihnachtsmänner gegossen und zusammengefügt. Die Branche meldet in diesem Jahr: Wir haben 160 Millionen „Hohlfiguren“ hergestellt. Ein Rekord, fünf Prozent mehr als im Jahr davor, das auch ein Rekordjahr war. Verbandschef Carsten Bernoth hat eine Erklärung dafür, warum Süßes ausgerechnet in der Pandemie boomt. „In ungewissen Zeiten zeigt sich, dass Süßwaren zu den kleinen Freuden des Alltags gehören.“

In den Läden stehen die wichtigsten Regale immer an den Kassen. Dort gilt die Regel: Wenn die Grill-Utensilien weggeräumt werden, folgen die Nikoläuse. „Damit die Leute nicht zu sehr meckern, warten die Händler meist bis 1. September“, sagt eine Verkäuferin. „Dann ist meteorologischer Herbstbeginn.“

Weitere Zahlen: Die Deutschen kaufen 25 Millionen Weihnachtsbäume, essen 5,3 Millionen Gänse und 86.510 Tonnen Lebkuchen. Laut Umfragen wollen sie für Geschenke im Schnitt 273 Euro pro Person ausgeben. Der große Kaufrausch soll dem Handel 112 Milliarden Euro Umsatz bescheren – etwa 20 Prozent des Jahresumsatzes. Der Alkoholkonsum steigt um 36 Prozent und im Abwasser mancher Stadt wird dreimal mehr Kokain nachgewiesen. Kurz nach Silvester wiegen die Deutschen im Schnitt fast ein Prozent mehr – ein Plus, das die meisten in keiner anderen Woche schaffen.

Tiere feiern nicht

Und fast alle machen mit. Warum nur? Weil das Feiern von Festen eine zutiefst menschliche Angelegenheit ist: Tiere feiern nicht, außer im Trickfilm. Menschen sind soziale Wesen. Die meisten arbeiten lieber in einer Gruppe und leiden im Homeoffice unter der Vereinsamung. Oft versammeln sie sich in Glaubensgemeinschaften. Und viele Menschen fahren nicht gern allein in den Urlaub. Ein Restaurantbesuch gehört für viele zu den kleinen Höhepunkten der Woche oder des Monats. Weihnachten ist der Höhepunkt des Jahres.

Meike Watzlawik, 46, kennt sich aus mit dem menschlichen Zusammenleben. Die Kulturpsychologin ist Professorin an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Berlin. „Gemeinsame Feiern haben für viele Gruppen eine große symbolische Bedeutung, egal, wie groß oder klein die Gruppe ist“, sagt sie. „Eine Feier ist fast immer ein Ritual, und Rituale sind wichtig, denn sie sind für eine Gruppe konstituierend. Sie stellen das Gemeinschaftsgefühl erst her und festigen es mit jeder Feier.“

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Weihnachten ist offiziell das Fest der Liebe und der Familie, aber gerade in Familien kommt es an solchen Tagen oft zum Streit. Das hat Gründe.

Ein Beispiel: Ein Paar feiert nie Weihnachten, doch wenn es Kinder bekommt, erfindet es meist eigene Weihnachtsrituale und stärkt so die neue Familie. „Die meisten Feste haben einen ritualisierten Ablauf“, sagt Watzlawik. „Und der feste Rahmen gibt der Gruppe eine sichere Struktur. Die meisten freuen sich darauf, weil sie wissen, was wann und wo passiert.“

Wer Freunde und Verwandte fragt, stellt fest: Für viele sind Feste eine Flucht aus der Monotonie des Alltags. Endlich sind die Sorgen mal vergessen, die unerledigten Aufträge, der Konflikt mit dem Chef. 

„Wiederkehrende gemeinsame Erlebnisse sind sinnstiftend für eine Gemeinschaft“, sagt Watzlawik. Egal, ob für die Familie beim Weihnachtsfest, für die Gläubigen im Gottesdienst oder für die Fans im Stadion. Das gilt auch für den wöchentlichen Stammtisch, den monatlichen Lesekreis, das jährliche Klassentreffen.

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Argentinische Fußballfans: Viele Menschen suchen das Zusammensein mit Gleichgesinnten und feiern gern mit der Familie. 

Sich zugehörig zu fühlen, ist ein zentrales Motiv der menschlichen Existenz. Familienmitglieder treffen sich, reden und erfahren Neuigkeiten. Und egal, ob die heiter oder traurig sind: Sie lösen Emotionen aus, die die Familie wiederum miteinander teilt. So entstehen gemeinsame Erinnerungen.

Nicht alle brauchen die Feste gleichermaßen. „Es ist wie beim Gottesdienst“, sagt Watzlawik. „Für die einen eine Pflichtübung, und die  andere haben hohe Erwartungen.“ Dies sei ein Grund für Streitigkeiten an den Festtagen. „Gerade Weihnachten ist als Ritual mit starken Emotionen verbunden. Es heißt nicht umsonst das Fest der Liebe, es ist aber mitunter ein Fest des Streits.“

Das Problem dabei ist folgendes: Die meisten reden nicht über ihre Erwartungen, und wenn sie merken, dass andere ihre Erwartungen nicht teilen, kommt Frust auf. „Enttäuschungen entstehen aus nicht erfüllten Erwartungen“, konstatiert Watzlawik.

Und wie steht es mit ausgelasseneren Festen, etwa den Weihnachtsfeiern mit Kollegen? „Auch die haben hohe symbolische Bedeutung“, sagt die Kulturpsychologin. „Die Kollegen feiern sich selbst für das, was sie im Jahr geleistet haben. Sie tun sich gemeinsam etwas Gutes. Das ist sinnstiftend für die Gruppe.“ Anders als in der Arbeitszeit trinken sie Alkohol, sind entspannt und reden nicht nur über Dienstliches. Und sie sagen zu Hause extra Bescheid: „Warte nicht! Es kann spät werden.“

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Auch Weihnachtsfeiern von Firmen folgen meist festen Ritualen: Erst halten die Chefs eine Rede, aber irgendwann wird die Stimmung ausgelassen.

Auch Weihnachtsfeiern – in diesem Jahr pandemiebedingt eher selten – sind ritualisiert: Die Kollegen treffen sich in einem besonderen Restaurant, an einem besonderen Ort. Das Fest beginnt mit der Rede des Chefs. „Aber die ist meist nicht allzu steif“, sagt Watzlawik. „Die Chefs loben meist nicht ihre eigene Leistung, sondern die der Belegschaft. Die Botschaft lautet: Heute dürft ihr richtig feiern – und auch wir feiern euch.“

Dann wird aufgetischt. „Nach dem zweiten Wein wird die Stimmung lockerer und alle durchbrechen gemeinsam die Konventionen, die sonst im Büro gelten“, sagt die Psychologin. Auch das Verhalten der Chefs sei von symbolischer Bedeutung: „Wenn sie teuren Wein spendieren, lautet die Botschaft: Das seid ihr uns wert.“ Wenn sich die Chefs nach einer Weile verabschieden, geben sie die Feier symbolisch frei für den ausgelassenen Teil. „Das sind Formen der Wertschätzung. Sie sollen die Gruppe emotional und sozial zusammenbringen.“ Und wenn die Chefs bleiben? „Dann lösen sie sich aus ihrer Chefrolle, sitzen mit den Mitarbeitern am Tresen und trinken Bier – ganz kumpelhaft. Auf Augenhöhe.“

Das Förmliche verschwindet, die Krawatte auch. Nun ist spontanes Verhalten nicht nur erlaubt, sondern erwünscht: Emotionen, Lachen, Tanzen. Manche wechseln vom Sie zum Du, und beim Karaoke singt der Chef mit.

Ist die Firmenfeier der von allen legitimierte Rahmen für die kleine Grenzüberschreitung? „Ja“, sagt Watzlawik. „Es wird geradezu erwartet, dass alle ganz locker sind.“ Aber alle wissen auch, dass sie den Zustand der Ausgelassenheit danach wieder verlassen. Im Büro regiert am nächsten Morgen wieder das Sie, manche senken peinlich berührt den Blick, weil sie zu viel getrunken oder zu ausgelassen getanzt oder geknutscht haben. All das werden Erinnerungen, die bei der nächsten Feier ausgetauscht werden.

Was war zuerst da? Das Brot oder das Bier?

Gemeinsame Erlebnisse, rituelle Feiern und der Rausch – das sehen einige Forscher als eine Wurzel des menschlichen Zusammenlebens. Noch bevor die Steinzeitmenschen sesshaft wurden und Dörfer bauten, errichteten sie rituelle Kultstätten. Die älteste bislang bekannte wurde ab Mitte der 90er-Jahre auf dem anatolischen Hügel Göbekli Tepe ausgegraben – unter Leitung des deutschen Prähistorikers Klaus Schmidt.

Vor 12.000 Jahren bewegten die Menschen dort riesige Steine für den Tempel. Die Archäologen fanden wannenartige Becken im Felsen, von denen lange niemand wusste, wozu sie dienten. Dann entdeckten Forscher Ablagerungen von Bierstein: In den Becken wurde gebraut. Und es fanden sich viele Tierknochen. Forscher wie der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf vermuten, dass große Feste mit bis zu 1000 Teilnehmern gefeiert wurden, regelrechte Gelage – wohlgemerkt bei Jägern und Sammlern.

Bislang galt, dass die Menschen aus anderen Gründen sesshaft wurden: Ihre Sippen wuchsen und wuchsen, und das gesammelte Wildgetreide reichte nicht mehr, um alle satt zu bekommen. Also ließen sich die Menschen nieder und betrieben Ackerbau, um mehr Brot backen zu können.

dpa/XinHua

Besucher in der archäologischen Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe im Südosten der Türkei.

Vielleicht muss dieser Teil der Geschichte etwas korrigiert werden. Vielleicht hatten unsere Vorfahren wilde Körner gesammelt, die feucht wurden, dann schien die Sonne drauf und mit der natürlichen Hefe in der Luft vergor alles zu einer Art Ur-Bier. Die Vorfahren probierten davon, fanden die Wirkung famos und wiederholten das Prozedere. Der Rausch wurde Teil ihrer rituellen Feste, so wuchs die Schar der Tempelbauer, die mitfeiern wollten. Bald fand sich nicht mehr genügend Wildgetreide, um den großen Durst stillen zu können. Also pflanzten sie die Körner für den rituellen Rausch selbst an.

Vielleicht wurden Jäger und Sammler gar nicht zu Bauern, sondern zu Brauern. Vielleicht war nicht das Brot der Urgrund für unsere Sesshaftigkeit, sondern das Bier. Jedenfalls fehlen wohl archäologische Belege dafür, dass das Brot zuerst da war – und alle Kulturen feierten rituelle und rauschhafte Feste.

Ganz allein im Schlafanzug ein paar Filme schauen

Soweit die Theorie. In der Praxis der Gegenwart werden nun wieder die Christbäume geschmückt, die letzten Geschenke eingepackt und die ersten Gänse in den Ofen geschoben. Aber nicht bei allen. Nicht bei Christa Keil in Friedenau. „Ich höre jetzt immer wieder, was für ein bedauernswertes Geschöpf ich doch bin, weil ich Weihnachten allein feiere“, sagt die 73 Jahre alte Berlinerin. Sie habe Kinder und Enkel und verbinde das Fest mit den schönsten Erinnerungen. Aber im Vorjahr war es anders – coronabedingt. „Ich blieb allein zu Haus und fand es gut. Es gab mir ein warmes, solidarisches Gefühl, weil es vielen so erging.“

In diesem Jahr macht sie es wieder so. Sie bereitet ein paar Leckereien für sich zu, öffnet eine Flasche Wein und schaut im Schlafanzug ein paar Filme. „Ich freue mich drauf“, sagt sie. „All diese gestressten Weihnachtsfamilien tun mir ein wenig leid. Und was beim nächsten Fest sein wird, werde ich dann sehen.“