Neuerscheinungen der Woche: Neue Alben von Leftfield, White Lung, Sophie Jamieson und Voodoo Jürgens | Nachtmix | Bayern 2 | Radio

White Lung – Premonition

White Lung, das sind Gitarrist Kenneth William, Schlagzeugerin Anne-Marie Vassiliou und Sängerin Mish Barber-Way. Die Band aus Vancouver existiert seit 2006, hat vier Alben veröffentlicht und will sich jetzt nach dem fünften auflösen. „Live fast die young“, White Lung sind dann nur 16 Jahre alt geworden. Zwar haben die Kanadier Punk Rock nicht neu erfunden, aber ihr High Energy-Drive, ihr roher Hochgeschwindigkeits-Punk war immer eine Bank … und wird es auch nach ihrem Ableben bleiben. Bereits 2017 hatten White Lung angefangen, an „Premonition“ zu arbeiten. Eine Pandemie und zwei Schwangerschaften später ist das Album jetzt fertig geworden. Dementsprechend eher ungewöhnlich so mancher Text. „Tomorrow“ ist z.B. ein Song, den Sängerin Barber-Way geschrieben hat, als sie festgestellt hatte, dass sie schwanger war. Oder im eben gehörten „If you’re gone“, da geht es um die Angst, das Schreien eines Kindes, wenn die Mutter weg ist. Keine klassischen Rock’n’Roll-Topics, aber in diesem Umfeld ausgesprochen erfrischend. (7,8 von 10 Punkten)

White Lung – Date Night (Official Video)

Leftfield – This Is What We Do

Leftfield aus London gelten als Pioniere der elektronischen Musik. Ihr „Leftism“-Album aus dem Jahr 1995 ist ein großartiger Dub/Breakbeat/Techno-Hybrid, ein Klassiker. 2002 lösten sich Leftfield auf. Paul Daley und Neil Barnes gingen getrennte Wege. 2010 reanimierte Barnes Leftfield, spielte solo einige Live-Shows und veröffentlichte 2015 ein weiteres Album. Und nun, nach sieben Jahren Pause, erscheint Album Nr. 4 von Leftfield „This Is What We Do“. Neil Barnes hat harte Zeiten hinter sich. Eine schwierige Scheidung, eine Krebserkrankung und nagende Selbstzweifel. Geholfen hat ihm u.a. eine Ausbildung zum Psychotherapeuten und ein Aufenthalt im Studio. Dort ist zusammen mit dem Toningenieur Adam Wren „This is what we do“ entstanden. Ein an manchen Stellen herrlich rückwärtsgewandtes Electronik-Album, ein Paradies für Nostalgiker. Absolut catchy z.B. die Big Beat-Nummer mit Grian Chatten, dem Fontaines DC-Sänger. Ein Dance-Banger a la Underworld, aber natürlich alles andere als innovativ. Dazwischen hat das Album aber auch viele Durchhänger, leider, klingt banal und schrecklich uninspiriert. Laut Platteninfo geht es bei Leftfield 2022 „um Liebe, Akzeptanz, Diversity und Heilung“ – was die Musik nicht unbedingt spannender macht. (6,9 von 10 Punkten)

Leftfield feat Grian Chatten - Full Way Round [Edit] | Bild: Leftfield (via YouTube)

Leftfield feat Grian Chatten – Full Way Round [Edit]

Haftbefehl – Mainpark Baby

Wir kommen zu einem eher seltenen Genre hier in der Musik von Morgen, zum Gangsta Rap. Und da zum neuen Album von Haftbefehl, dessen Rap-Skills schon Kendrick Lamar bewundert hat. Und der auf seinem neuen Album wieder von den mal brachial pumpenden, mal dezent dahinrollenden Beats von Bazazzian unterstützt wird.

Aykut Anhan alias Haftbefehl kommt aus Offenbach, Mainpark. Dieser Mainpark ist eine triste Hochhaussiedlung, Beton-Brutalismus der 1970er Jahre, ein Ghetto wie es in Deutschland viele gibt. Haftbefehl ist dort aufgewachsen und weiß, was es heißt in einem Viertel wie diesem groß zu werden. Folgerichtig geht’s im gleichnamigen Album dann auch vor allem um Drogen, ums Drogen dealen, um Gewalt und um Sex. Wie immer explizit, sehr explizit. Hurensöhne, bitches und pump guns gehören bei Haftbefehl zum langjährigen Inventar. Doch schon der tragisch-aussichtslose Album-Opener lässt aufhorchen. Da singt die Berliner Sängerin Paula Hartmann: „Ich nehme keine Drogen, ich mag nur den Geruch von Koks, ich hab nur einmal zu tief Luft geholt, der gerade Weg, der ist verbogen …“. Gefolgt von Haftbefehl, der den süßen Selbstbetrug mit der Wut einer enttäuschten Generation niederrappt. Hier ist die Realität düster, die Zukunftsaussichten ebenfalls und die Mainpark-Babys flüchten in eine schillernde Scheinwelt. Haftbefehl zeichnet die brutal trostlose Skizze eines postmigrantischen Milieus, in dem es letztendlich um nichts anderes geht als in jedem anderen Milieu auch, nämlich um „Respekt“. Nur schade, dass Haftbefehl Frauen da ausklammert (die tauchen hier nämlich meist nur als Sexobjekt auf). Ansonsten: großes, düsteres Gangsta-Rap-Kino. (7,5 von 10 Punkten)

Haftbefehl - Mainpark Baby - Episode 1/5 - Die braune Tasche | Bild: Azzlackz (via YouTube)

Haftbefehl – Mainpark Baby – Episode 1/5 – Die braune Tasche

A Tribute to Ryuichi Sakamoto – “To the Moon and back” (Compilation)

Dieses Jahr ist der Japaner Ryuichi Sakamoto 70 geworden. Kein Alter für einen Künstler, dessen Musik sowieso schon immer zeitlos klang. Egal ob solo, in unzähligen Filmen oder mit der japanischen Elektropop-Band Yellow Magic Orchestra (mit der Sakamoto nicht nur in Japan gefeiert wurde, sondern sogar in den britischen Charts war). Bevor aber im Januar ganz neues Material erscheint, gibt’s jetzt „To the moon and back“. Ein Tribute-Album mit Reworks bekannter Sakamoto-Stücke – neu eingespielt von Künstler*innen wie dem Cinematic Orchestra, Cornelius, Thundercat, Electric Youth oder auch Alva Noto bzw. Carsten Nicolai, mit dem Sakamoto schon des Öfteren zusammengearbeitet hat, u.a. für den grandios furchterregenden Soundtrack zu „The Revenant“. Alva Noto hat „The sheltering sky“ neubearbeitet, hat Sakamotos Musik zum Bertolucci-Film „Himmel über der Wüste“ noch erweitert, um eine dunkle, geheimnisvolle Elektronik-Ebene. Toll auch die funky Thundercat-Adaption von „Thousand knives“ oder das legendäre „Merry Christmas Mr. Lawrence“, das in der Bearbeitung von Electric Youth zum vibrierenden Dance-Titel mutiert. Alle Musiker*innen durften ihr Lieblingsstück von Sakamoto auswählen und ihm einen eigenen Dreh verpassen. Besonders beeindruckt hat mich aber auch, dass sich hier, obwohl die unterschiedlichsten Namen aufeinandertreffen, die unterschiedlichsten Stücke gewählt wurden, dass sich hier eine gemeinsame Stimmung, eine Stimmung der Weite, der Tiefe durch diese sehr sehr empfehlenswerte Compilation zieht.  (7,9 von 10 Punkten)

Merry Christmas Mr. Lawrence - Electric Youth Remodel |  A Tribute to Ryuichi Sakamoto | Bild: Milan Records USA (via YouTube)

Merry Christmas Mr. Lawrence – Electric Youth Remodel | A Tribute to Ryuichi Sakamoto

Sophie Jamieson – Choosing

Zuerst ist da immer diese unglaublich eindringliche, wie ich finde, wunderschöne, tiefe Stimme. Eine Stimme, die unter die Haut geht. Dazu Gitarre, Bass, Cello, Klavier, Schlagzeug – Sophie Jamieson lässt so Songs entstehen, die intim, introvertiert klingen, um kurz darauf ins Dramatische abzurutschen. Ein plötzliches, befreiendes Gitarren-Crescendo a la Mogwai, ein kurzer heftiger Sturm… und schon ist alles wieder zurück in sanften Singer/Songwriter-Gewässern. Wasser ist auch ein immer wiederkehrendes Thema auf „Choosing“, dem Debütalbum der Londonerin. Als peitschende Regenböe, ruhige, etwas unheimliche Wasseroberfläche oder als überlaufende Badewanne. Es geht ums nicht untergehen, nicht aufgeben, ums auftauchen. Ums Licht am Ende des Tunnels. So gesehen ein sehr positives, hoffnungsvolles Album. Es geht aber auch um die Suche nach Wärme, Liebe und Wahrheit. Und es geht um Alkohol, wie in dem Song „Sink” (Zitat Jamieson:

“This song began as a love letter to alcohol, written from the cusp of falling into addiction. I had begun to trust this tool but I could feel it turning on me, like a bad friend. I knew I was close to losing control over it, and realised that I had to choose whether to fall in or not. This song exists at the brink of choice: whether to abandon yourself, or whether to make the colossal effort to rescue yourself.”). Sophie Jamieson hatte die Wahl, aufgeben und weitertrinken oder auftauchen. Sie hat sich, zu unserem Glück, für letzteres entschieden. (8 von 10 Punkten)

Sophie Jamieson - Downpour (Live at The George Tavern) | Bild: bellaunioninc (via YouTube)

Sophie Jamieson – Downpour (Live at The George Tavern)

Voodoo Jürgens – Wie die Nocht noch jung wor”

Auch Voodoo Jürgens hat sich entschieden. Ursprünglich sah es ja so aus als würde David Öllerer aus Tulln bei Wien Zuckerbäcker werden, später Friedhofsgärtner. Dann aber, seit 2016, Fixstern am Austro-Pop-Himmel. Inklusive Vokuhila und Schlaghosen-Look, dem perfekten Strizzi-Style, der, so der österreichische Standard, an einen Schlagersänger erinnert, der „nach jahrzehntelanger Haftstrafe wegen Erbschleicherei wieder freigekommen ist, aber noch keine Zeit für den Fast-Fashion-Diskonter hatte“. 

Morgen erscheint das dritte Album von Voodoo Jürgens „Wie die Nocht noch jung wor“. Mit neuen Geschichten aus dem Wiener Beisl-Wald, sprich den kleinen Lokalen, die zwar mit Corona und Rauchverbot zu kämpfen haben, die aber, laut Voodoo Jürgens, immer noch existieren bzw. gerade eben noch existiert haben. Auch wenn hier die Gentrifizierung schon schwer wütet. Mit einer Gitarre, die auch von Calexico stammen könnte, das Keyboard kommt dafür direkt aus dem Schoppenstüberl nebenan. Die Musik von Voodoo Jürgens ist voller Twists. Twists auch in den Texten. In „Beses End“ z.B. singt Voodoo Jürgens zuckersüß und freundlich vom tragischen Leben eines depressiven Arbeitslosen, der sich aufgegeben hat, „wie andere einen Brief aufgeben“. Oder er bedient sich bei den berühmten Wiener Chatprotokollen, die im vergangenen Jahr dazu geführt haben, dass die Staatsanwaltschaft gegen Sebastian Kurz ermittelt hat und macht daraus ein rührendes Liebeslied. Es schunkelt und schiebt genüsslich, Tom Waits lässt grüßen. Am Ende dieses wieder sehr gelungenen, weil wunderbar schrägen Albums, steht „Odessa“, ein Trauermarsch, zu Gast ein Saxophonist aus der Ukraine. Auch einen Wiener Strizzi wie Voodoo Jürgens lässt die Weltpolitik eben nicht kalt. (7,8 von 10 Punkten)

Voodoo Jürgens - Federkleid (official Video) | Bild: Voodoo Jürgens (via YouTube)

Voodoo Jürgens – Federkleid (official Video)

Gentleman – Mad World

Zu Gentleman muss man eigentlich nicht mehr viel sagen: der Mann macht schließlich seit 30 Jahren Reggae und ist damit international so erfolgreich wie kein anderer deutscher Reggae-Musiker. 2020 hat der Kölner sein erstes deutschsprachiges Album veröffentlicht, kehrt aber mit „Mad world“ wieder zurück zum altbewährten englisch. Und auch musikalisch hat sich nicht viel verändert. Gentleman liefert perfekt produzierten Roots-Reggae mit extrem poppigen Hooks. Das läuft garantiert wieder ausgezeichnet, in den Charts und auf den großen Festivals. Zumal Gentleman mit dem Titelsong „Mad world“, im Original von Tears for fears, vielen seiner Fans aus der Seele sprechen dürfte. Aber Gentleman wär nicht Gentleman, wenn er es bei einem sorgenvollen Kopfschütteln über die chaotische Weltlage belassen würde. Mit Songs wie „Can’t lock the dance“, „Things will be greater“ oder „Island breeze“ verbreitet er gnadenlos gute Laune. Nicht dass wir die nicht dringend nötig hätten, aber da ist mir „Mad world“ dann tatsächlich teilweise zu kitschig. (6,8 von 10 Punkten)

Gentleman - Fight For No Reason (Official Video) | Bild: Gentleman (via YouTube)

Gentleman – Fight For No Reason (Official Video)

Brendan Benson – Low Key

Auch den begnadeten Songschreiber Brendan Benson hat die Pandemie ausgebremst. Aber jetzt ist auch er, der Jack White-Kumpel und Raconteurs-Mitstreiter, wieder on the track. Und zwar mit seinem achten Album „Low key“. „Low key“ hat alles, was ein Brendan Benson-Album braucht: unwiderstehliche Power-Pop-Hooks, hübsche Americana-Ausflüge, klassischen Alternative-Rock. Und, man will ja nicht zu erwartbar sein: etwas Möchtegern-Rap gibt’s auf „Low key“ auch. Das klingt alles nicht aufregend, aber super sympatisch und grundsolide. Was übrigens auch für die Texte gilt. Ob der 52-jährige Brendan Benson es allerdings schafft, mit diesem schönen, aber unspektakulären Album den Status des ewigen Geheimtipps zu überwinden, wag ich zu bezweifeln. (7,8 von 10 Punkten)

Brendan Benson

Brendan Benson “Ain’t No Good” (official HD video)

SoulRocca – In Good Company

„In Good Company“ von SoulRocca ist ein ganz besonderes Kollabo-Album. Die Basis ruht auf einer Hamburg – München – Achse. Soulrocca, das ist zum einen das Hamburger Duo Soulbrotha, bestehend aus den beiden Hamburger Urgesteinen Boogiedown Base und 12 Finger Dan. Plus der Münchner Produzent Roccwell. Alle drei Soulrocca lieben offensichtlich den guten alten HipHop der 90’s mit coolen Soul-Samples und geschmeidigen Raps. Und sie haben beste Beziehungen zu amerikanischen Hip Hop-Künstlern. „In good company“ ist gespickt mit relativ prominenten Feature-Gästen, darunter J-Live aus New York und M-Dot aus Boston. Zusammen feiern sie hier den Rap der letzten 30 Jahre und haben mit „In good company“ ein sehr elegantes, ja fast klassisches Boom Bap Album geschaffen. Cool. (7,9 von 10 Punkten)

SoulRocca ft. QnC (Q-Ball & Curt Cazal) - Classic Position VIDEO | Bild: Snowgoons (via YouTube)

SoulRocca ft. QnC (Q-Ball & Curt Cazal) – Classic Position VIDEO