Neue Waldstrategie: Dilemma zwischen Schutz des Klimas und Wirtschaft

Die Waldfläche in der EU beläuft sich auf rund 44 Prozent, etwa 182 Mio. Hektar. Davon sind rund vier Millionen Hektar in Österreich. Laut dem Landwirtschaftsministerium erwirtschaften die Unternehmen der Forst- und Holzwirtschaft 11,3 Mrd. Euro, mehr als drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung – kein Wunder also, dass erbittert gerungen wird, wenn das Thema Wald und seine Bewirtschaftung zur Disposition stehen.

Am Freitag wurde in Brüssel die neue EU-Forststrategie präsentiert, die dabei helfen soll, die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen. Die Wälder auf europäischem Boden sollen „in Qualität und Quantität“ aufgewertet werden. In den kommenden neun Jahren sollen in der EU drei Milliarden neue Bäume gepflanzt werden – „den richtigen Baum am richtigen Platz zum richtigen Zweck“, wie es heißt.

Gelder für Waldbesitzer und -verwalter

Der Schutz von Wäldern soll verstärkt werden, ihre Wiederinstandsetzung und Widerstandsfähigkeit. Zudem soll gefördert werden, wie Wald und Forst abseits der Abholzung Geld abwerfen können, etwa durch Ökotourismus. Auch sollen jene Waldbesitzer und -verwalter finanziell unterstützt werden, die ihre Flächen im Sinne eines intakten Ökosystems erhalten, auch um mögliche wirtschaftliche Verluste auszugleichen. Zudem sollen die letzten verbleibenden Urwälder Europas strenger geschützt werden. Das alles soll durch besseres Monitoring erfasst und überwacht werden.

Man will einerseits Holz als nachhaltiges Produkt fördern und es in die Kreislaufwirtschaft bringen: vom Holzprodukt über seine mögliche Weiterverwendung, das Recycling bis hin zur Nutzung als Bioenergie und der schlussendlichen Entsorgung bzw. Kompostierung. Holzprodukte sollen verstärkt dort zu Einsatz kommen, wo sie klimaschädlichere Materialien ersetzen können, etwa im Bausektor.

Furcht vor Stilllegungen

Gleichzeitig soll die Fähigkeit des Waldes der CO2-Speicherung genutzt werden, um bis 2030 mehr als die Hälfte der Treibhausgasemissionen einzusparen. Forstwirte befürchten nun, dass dafür große Flächen Wald außer Nutzung gestellt bzw. ihre Bewirtschaftung eingeschränkt werden könnte. Bis zu zehn Prozent der Fläche könnten betroffen sein, so die Sorge.


APA/AFP/Georges Gobet

Wald als Lieferant und CO2-Speicher. Über die Verwendung ist ein Streit entbrannt.

Europas Wälder „stehen unter wachsendem Druck“, so Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius. Dieser entstehe „teilweise als Resultat natürlicher Prozesse, aber auch als Folge menschlichen Handels“, etwa durch die steigende Nachfrage nach Biomasse, Verschmutzung, Stadtentwicklung, den Verlust von Biodiversität und nicht zuletzt die Klimakrise. „Es gibt daher dringenden Handlungsbedarf, negative Trends umzukehren“, so Sinkevicius. Dabei sollen alle Faktoren berücksichtigt werden, so das Versprechen: ökologische ebenso wie wirtschaftliche – „alle sollen davon profitieren“, so der Kommissar.

Österreich protestierte

Daran zweifeln aber einige Länder, darunter Österreich, die über viel Waldfläche und eine starke Holzindustrie verfügen. „Die Waldstrategie, wie es Dokumente zeigen, geht rein nur auf den Bereich Ökologisierung, auch zum Teil Außernutzungsstellung von Wäldern und eingeschränkte Nutzung. Wenn man die Wälder in Europa vergleicht, gibt es enorm große Unterschiede zwischen den nördlichen und den südlichen. Hier einheitliche, zentralistische Regeln zu gestalten wird nicht funktionieren“, sagte Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) kürzlich gegenüber dem ORF.

Sie sandte einen Brief an die EU-Kommission, in dem sie sich für eine Überarbeitung aussprach. Elf weitere EU-Staaten unterstützten das Schreiben.

EU-Kommissar Sinkevicius sagte am Freitag zu ORF.at, dass man in dieser Frage eng mit Österreichs Ministerium zusammenarbeite. Eine endgültige Kartierung, welcher Wald in welche Kategorie falle, ob Ur-, Natur- oder Wirtschaftswald, solle Ende des Jahres vorliegen. Köstinger kommt am Montag zu Gesprächen nach Brüssel. Dabei werde man sich austauschen, so Sinkevicius.

Scharfe Kritik von Land- und Forstwirtschaft

Kritik an der Strategie kam am Freitag auch seitens der Landwirtschaftskammer (LKÖ). „Die vorgeschlagenen Maßnahmen schränken die Bewirtschaftung massiv ein und machen sie ökonomisch sinnlos“, so ihr Präsident Josef Moosbrugger in einer Aussendung. „Unsere Forstwirtschaft hat bewiesen, dass sie gleichzeitig nachhaltig wirtschaften, Wertschöpfung erbringen, Tausende Arbeitsplätze sichern und Wertvolles für Gesellschaft und Klimaschutz leisten kann. Ein stillgelegter Wald kann das alles nicht.“ Holz sei im Unterschied zu vielen anderen Sektoren ein klimafreundlicher Wachstumsmarkt. „Es wäre verrückt, gerade diesen zu schwächen.“

Begriffe

  • Forst: Allgemeiner Begriff für bewirtschafteten Wald
  • Urwald: ganz ohne menschliche Eingriffe
  • Naturwald: Entnahme von Holz und forstwirtschaftliche Nutzung untersagt
  • Wirtschaftswald: Nutzung, regelmäßige Holzentnahme und andere Eingriffe in Flora und Fauna

Auch der Waldverband übte scharfe Kritik. Bei der Strategie handle es sich um ein „Belastungspaket für Waldbesitzerinnen und -besitzer. Ganz konkreten Beschränkungen in der Waldbewirtschaftung unter dem Deckmantel des Klima- und Biodiversitätsschutzes stehen völlig inhaltsleere Floskeln zu möglichen Einkommensalternativen gegenüber“, so der Verband via Aussendung. „Von den Mitgliedsstaaten erwarten wir uns eine klare Absage an Maßnahmen, die in ihrer Wirkung einer kalten Enteignung gleichkommen“, so Verbandsobmann Rudolf Rosenstatter.

Ähnliche Worte fand auch der Bauernbund, der in der Forststrategie einen „Irrweg“ sah. „Wirtschaftliche Aspekte der Waldbewirtschaftung werden untergeordnet und bisherige Kompetenzen von den Mitgliedsstaaten in Richtung EU verschoben.“ Nun müsse man „gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten und uns Praktikern den Kurs korrigieren“, so der Bauernbund.

Dilemma auch in Koalition

Die Umweltstiftung WWF Österreich zeigte sich hingegen aus anderen Gründen enttäuscht. „Das Papier erkennt zwar an, dass die Wälder Europas besser geschützt werden müssen, aber ohne verbindliche Schritte aufzuzeigen. Die europäischen Wälder werden weiterhin in erster Linie als Holzlieferanten gesehen, während der Natur- und Artenschutz völlig vernachlässigt werden. Das ist grob fahrlässig“, sagte Arno Aschauer, WWF-Artenschutz-Experte, zur APA. Laut WWF ist in Österreich nur ein Prozent der Waldfläche tatsächlich außer Nutzung gestellt.

Das Dilemma zwischen wirtschaftlicher Nutzung und Klimaschutz wird auch innerhalb der Bundesregierung sichtbar. Köstingers Koalitionspartner, die Grünen, hofften am Donnerstag auf ein Ende der „Kahlschlagwirtschaft“. „Es muss erstrangig darum gehen, Wälder durch die nächsten ‚klimastressigen‘ Jahrzehnte zu bringen“, so Thomas Waitz, EU-Abgeordneter der Grünen. Man müsse verhindern, dass „wichtige CO2-Senken durch die Austrocknung und Erosion des ungeschützten Waldbodens zu wahren CO2-Schleudern“ würden.