Netz: Erziehungsberechtigte die Erlaubnis haben Kids nicht alleinlassen – Region Cham – News

„Meine Kinder gehen digital – und jetzt?“ – zu diesem Thema referierte die Expertin Birgit Zwicknagel bei einem Elternabend.

17. November 2021

15:33 Uhr

Zunächst sensibilisierte Birgit Zwicknagel die Dritt- und Viertklässler im Rahmen eines Online-Workshops, dann folgte zur Thematik ein digitaler Elternabend. Foto: cls

Schorndorf. „Clever ins Netz – das Internet im Grundschul- und Übertrittsalter“. Sowohl die dritte
und vierte Klasse bei einem in den Unterricht eingebundenen Online-Workshop als auch
die Erziehungsberechtigten im Rahmen eines digitalen Elternabends wurden an den Grundschulen
Schorndorf und Untertraubenbach rund um das Thema digitale Medien sensibilisiert.
Als sehr versierte Referentin bei den Onlinevorträgen für die Grundschulen von Schorndorf
und Untertraubenbach fungierte die Medienpädagogin Birgit Zwicknagel vom Verein der
Computermäuse Stamsried. Sie sprach zum Thema „Meine Kinder gehen digital – und jetzt?“.

Leider lassen Eltern ihre Kinder im Internet oft allein, teils mit unabsehbaren Folgen.
Und so seien es oft die Erziehungsberechtigten selbst, die ihren Nachwuchs anonym
Erpressern, Kinderschändern und sogar Mördern im Internet schutzlos ausliefern, so
die engagierte Kämpferin für Datensensibilität. Dabei hätten die Eltern die Aufsichtspflicht
auch in den Sozialen Medien. Es sei keineswegs ein Problem nur in den Ballungsräumen,
sondern genauso auf dem Land: „Kinder, die mit Nacktfotos erpresst werden, gibt es
an jeder Schule!“ Über den Schreibtisch der Initiatorin des Schulungsprogramms „Clever
ins Netz“ sind bereits alle Arten von Straftaten bis hin zum Selbstmord von Kindern
und Jugendlichen aus dem Raum Ostbayern gegangen. „Fälle, die zu verhindern gewesen
wären, wenn die Eltern nur einmal das Handy angeschaut hätten.“

Elternhaftung

Eltern sind bei unter 14-Jährigen aufsichtspflichtig und müssen wissen, welche Fotos,
Videos und Texte ihre Kinder posten und teilen. Von Kinderporno bis IS-Propaganda
gelte wie auf der Baustelle „Eltern haften für ihre Kinder“. Natürlich mache es keinen
Sinn, aus lauter Angst den Umgang mit den neuen Medien gänzlich zu untersagen, sei
doch das Beherrschen der Technik längst Grundvoraussetzung für jeden qualifizierten
Beruf. Und auch in den Schulen stelle die fortschreitende Digitalisierung ein erklärtes
Ziel dar. Deshalb sei unabdingbar, die Kinder auch beim virtuellen Erwachsenwerden
zu begleiten: „Bleiben Sie up to date!“ Diese Aufgabe sei keine leichte, schließlich
gibt es ständig neue Apps, neue Spiele mit eigenen Chats, neue Soziale Netzwerke.
Wenn Eltern nicht mit ihren Kindern über Gewalt im Netz, Pädophile etc. reden möchten,
dann sei ein Handy nicht geeignet. Es gelte mit den Kindern zu üben, bevor etwas passiert,
wenn beim Online-Chatten vom unbekannten Gegenüber unangebrachte Fragen kommen wie
etwa „wo wohnst du“ oder „schickst du mir ein Bild von dir“. Darauf dürften die Antworten
nur „das geht dich nichts an“ oder „nein“ lauten.

Die meisten Grundschulkinder nutzen zwischenzeitlich WhatsApp, obwohl das Portal eigentlich
völlig ungeeignet für Kinder ist. Die Kinder wurden von der medienpädagogischen Beraterin
ermuntert, vor allem die typischen „Quatschchats“ zu unterlassen. Es sei keine Seltenheit,
dass Kinder 300 bis sogar 800 Nachrichten pro Tag bekommen und versenden. In der Regel
sind das Sticker und Blödsinn. Die Kinder fühlen sich oft selbst von der Nachrichtenflut
überfordert und investieren viel Zeit, um alles zu lesen – aus Angst, etwas zu verpassen!
Eltern schauen sich die Chats selten an, nach dem Übertritt oft gar nicht mehr.

Die Kinder wurden von Birgit Zwicknagel darin bestärkt, auch mal alle Geräte, insbesondere
das Handy „abzuschalten“. Es gäbe durchaus Orte und Situationen, wo die lauten, oft
unmöglichen Hinweistöne einer Message, nichts zu suchen hätten. Es gehöre einfach
zum „Handy-Knigge“ dazu, andere mit dem eigenen Handy nicht zu stören. Und abschalten
sei manchmal dringend nötig, weil die Kinder viel zu lange die Medien nutzen. Die
Umfrage in den beiden Grundschulen hat ergeben, dass viele Kinder mehr als dreiStunden
täglich online unterwegs sind, einige sogar über fünf Stunden.

Kindgerechte Filme

Ebenfalls ein ganz wichtiges Thema: Videoportale wie Netflix, YouTube und TikTok.
Die Kinder sehen nach eigenen Angaben ungehindert Filme und Serien, die eigentlich
erst ab einem Alter von 16 oder 18 freigegeben sind. So haben auch in den beiden Grundschulen
Kinder offen zugegeben, bereits „SquidGame“ auf Netflix oder in Auszügen auf YouTube
oder TikTok gesehen zu haben. Diese koreanische Serie ist ab 16 erlaubt und zeichnet
sich durch blutige Gewalt aus. Auch bei Spielen sei es ähnlich, denn auch hier sehen
sich die Kinder Spieleraufzeichnungen an, die erst ab 18 Jahren erlaubt sind. Verrohung,
eine geringere Gewaltschwelle und auch „Negativ-Verhalten“ können die Folge sein.
Viele Kinder berichteten, dass sie danach Angst hatten und nicht mehr gut schlafen
konnten. Hier hat Birgit Zwicknagel die Kinder ermuntert, solche Filme abzuschalten,
auch wenn die Freunde das vielleicht ansehen.

Das Wichtigste im Umgang mit digitalen Medien sei Offenheit zwischen Kindern und Eltern.
Erziehungsberechtigte, die ihre Schützlinge bestrafen, wenn sie Probleme mit dem weltweiten
Netz bekommen, würden alles nur noch schlimmer machen. Jugendliche verlieren dadurch
ihr Vertrauen, werden isoliert und erst recht anfällig für Ausbeutung und Abhängigkeit.
Lehrern falle oft als Erste auf, dass ein Schüler über längere Zeit unausgeschlafen
und zurückgezogen ist.

Zusammen mit der Jugendsozialarbeit und dem Verein der Computermäuse kann dann eine
Lösung gesucht werden. Eltern, die direkt von ihren Kindern angesprochen würden, könnten
sich da beinahe glücklich schätzen. Birgit Zwicknagel, Dozentin für den sicheren Umgang
mit den Neuen Medien und Vorsitzende des Vereins „Computermäuse Stamsried“, stand
den Anwesenden Rede und Antwort. (cls)

Lehrmittelpaket

  • Angebot:

    Die Computermäuse Stamsried bieten ab sofort ein neues Lehrmittelpaket für Grundschulen
    an, verwendbar für alle Jahrgangsstufen 1 bis 4. Darin enthalten sind Videos (mit
    Handpuppen), Erklärvideos (gezeichnete Whiteboards), ein Arbeitsheft und vorgefertigte
    Elternbriefe zu allen Themen. Mehr zu dieser Schullizenz auf www.clever-ins-netz.de.

  • Verein:

    Die Computermäuse sind eine Medienschutz-Initiative für den sicheren Umgang mit den
    Neuen Medien, gegründet 2005. Der Verein ist inzwischen gemeinnützig. Birgit Zwicknagel
    betreut die Initiative aktiv zusammen mit weiteren Mitgliedern. Der Verein hilft Eltern
    und Kindern gleichermaßen schnell, kostenlos und unbürokratisch bei Problemen und
    Fragen rund um die Neuen Medien. (cls)


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