Nachher Geschäftsschließung kommt nun welcher Hausverkauf: Corona-Weltweite Seuche setzt Weßlinger Musiker Erik Berthold zu

Erik Berthold muss sein Haus in Oberpfaffenhofen verkaufen, in dem unter anderem eine Werkstatt und ein Musikgeschäft untergebracht war.

© Michèle Kirner

Oberpfaffenhofen – Im Sommer 2021 kündigte Erik Berthold an, das Gitarrengeschäft zu schließen. Jetzt verkauft er das Haus an der Gautinger Straße, das er 2006 erstanden und renoviert hat. Der Grund ist die Corona-Pandemie, die dem 57-jährigen Musiker schwer zugesetzt hat.

„Ich musste irgendwann die Reißleine ziehen“, erzählt der Folkmusiker. Seit zwei Jahren fehlten ihm 40.000 Euro im Jahr, sagt er. Denn vom Laden mit regionalen Produkten, der Werkstatt, dem Musikunterricht, dem Kulturbüro und dem Gitarrengeschäft könne er nicht leben. „Das war nie mehr als ein Zubrot.“ Die Rechnungen bezahlten einst die jährlich rund 200 Auftritte. Feste Größen im Terminkalender waren Engagements auf Festivals wie Tollwood oder das Oktoberfest. Hinzu kamen Hochzeiten, Beerdigungen oder Geburtstage. Über den Winter retteten ihn die Touren durch Pubs von München bis Nürnberg. „Die Pubs sind seit bald zwei Jahren geschlossen“, sagt Berthold. Mittlerweilen komme er noch auf maximal 80 Auftritte. „Und es ist kein Ende in Sicht“, sagt er. 

„Im Sommer dachte ich noch: Das wird schon wieder.“ Bis dahin habe ihn die überwältigende Unterstützung vom Acoustic-Corner-Team, von Freunden und Bekannten, von Firmen, Vereinen und vom Wirt vom Gasthof Il Plonner über Wasser gehalten. „Die Veranstalter bezahlten die Gage, obwohl der Auftritt abgesagt war.“ Aufgetreten ist er seither fast nur noch auf Spendenbasis. „In den Hut“, wie er das nennt. Die Francis-Band für Kinder mit Behinderungen musste der Vater von fünf Kindern abgeben. „Ich konnte mir nicht mehr leisten, gegen eine Aufwandsentschädigung zu arbeiten.“ Kurz: Die Kosten liefen weiter und die Einnahmen wurden immer weniger: die Hypothek, die Versicherungen, die Handygebühren und die Miete für das Häuschen in Gauting, wo er jetzt lebt. Beachtlich sei auch der Unterhalt für das 400 Quadratmeter großem Haus mit zwei Wohnungen und den Gewerberäumen, das seit 2007 ein Treffpunkt für Musikliebhaber und Musiker ist.

Wie schaut es mit Hilfen vom Staat aus? Er zuckt mit den Schultern. Die erste Charge von 9.000 Euro habe er noch erhalten. Die zweite beantragte er gar nicht erst. „Mir wurde gesagt, dass ich damit rechnen müsse, diese zurückzuzahlen“, erinnert er sich. Und ohne Steuerberater hätte er den komplizierten Antrag gar nicht stellen können. Also ließ er es bleiben. Stattdessen ging er zeitweise fremd und schleppte auf dem Bau Steine oder verkaufte Gemüse. Kein Dauerzustand, betont er.

Aber Berthold ist krisenerprobt. Bereits 2017 zog er einen Schlussstrich unter die Musikschule, in der er und seine Lehrer phasenweise 450 Schüler unterrichteten. Zwei Jahre später ging er neu aufgestellt wieder an den Start, um vor einem guten halben Jahr endgültig aufzugeben. Nichtsdestotrotz schaut Erik Berthold nach vorne. „Immer wenn eine Tür zugeht, geht woanders eine auf“, ist er überzeugt. Eine Türe öffnete sich jüngst in Österreich, wo er im Sommer in Hotels spielte. Auch die Schweiz könnte ein zukünftiges Arbeitsfeld für den Musiker werden. Ein warmer Regen war die Anfrage von Peter Maffays Tabaluga-Stiftung, wo Berthold – selbst Vater eines Sohnes mit Down-Syndrom – Kinder mit Förderbedarf unterrichtet.

Berthold blickt auf 30 Jahre als Musiker zurück. Jetzt brechen für ihn neue Zeiten an, viel aus der Vergangenheit lässt er zurück. Seit zwei Jahren lebt er von seiner Frau getrennt. Demnächst stellt er sein Haus auf den Markt. Die Gitarren seien schon verkauft und das Piano im Gasthof Il Plonner eingezogen. Dort greift der Sing- and Songwriter auch weiterhin regelmäßig zur Gitarre. „Ich liebe den Landkreis“, sagt er und hofft, dass im Fünfseenland irgendwann „wieder was geht“.

Michèle Kirner