Nachher 33 Jahren: Dieser Dax erfindet sich neu – Wirtschaft

Revolution an der Börse! Der Leitindex der deutschen Börse, der Dax (Deutscher Aktienindex), erfindet sich neu. In Kürze wird aus dem Börsenbarometer mit bislang 30 Unternehmen der „Dax 40“. Der wird größer sein, breiter, gewichtiger.

Grund: Der Dax ist mit 33 Jahren auf dem Buckel noch ein Jungspund, aber schlecht gealtert. Was die Mitgliedschaft angeht, herrschte ein verwirrendes Dauer-Rein-und-Raus. Von den 30 Dax-Gründungsmitgliedern 1988 sind gut die Hälfte heute nicht mehr dabei, darunter einst große Namen.


Die DAX-Entwicklung seit 1987 – Infografik

► Jeder kannte früher die ­Mannesmann-Röhre aus Stahl für Pipelines, für Energie. 1990 stieg der Düsseldorfer Konzern dann ins Telekomgeschäft ein, damals ein Boomgeschäft. Mannesmann, das war plötzlich nicht mehr oller Stahl, sondern cooler Mobilfunk, das war die Zukunft der Telekommunikation made in Germany. Irgendwann zahlte der britische ­Vodafone-Konzern 180 Milliarden Euro für Mannesmann. Es war die teuerste Übernahmeschlacht der Wirtschaftsgeschichte. Das Mannesmann-Stammgeschäft mit den Stahlröhren ging später an die Salzgitter AG.

► Nixdorf, das war die Zukunft des Computers made in Germany. Deutschlands Antwort auf IBM, lange bevor es Apples iPhone gab. Doch nach dem Tod des Gründers Heinz Nixdorf verlor der Technik-Gigant den Anschluss. Der Münchener Mischkonzern Siemens versuchte zu retten („Siemens Nixdorf“), was zu retten war, aber der erhoffte Neustart scheiterte. Aus Nixdorf, Paderborn, wurde nix mehr.

Weitere einst schillernde, heute oft vergessene Namen aus dem Dax: Feldmühle Nobel (Chemie), Hoechst und Schering (beide Pharma), Karstadt und Kaufhof, VEBA (Strom), die einstigen Finanzriesen Commerzbank und Dresdner Bank. Die Preussag (Kohle, Stahl) erfand sich völlig neu, wurde zur TUI (Kreuzfahrten, Pauschalreisen).

Wie reformbedürftig der Dax über die Jahre geworden ist, zeigte spätestens der Fall Wirecard. Der Konzern aus Aschheim bei München war die Zukunft der Bezahlsysteme, jahrelang waren Bilanzen und Geschäftszahlen toll. Am 24. September 2018 folgte der Aufstieg in den Dax, als Wirecard die traditionsreiche Commerzbank einholte. Leider waren die Wirecard-Bücher auch toll gefälscht. Vor einem Jahr flog der Betrug endgültig auf: Pleite! Wirecard war weg aus dem Dax. Nachrücker wurde Delivery Hero, eine Essen-auf-Rädern-Firma, die bis dahin noch nie Geld verdient hatte.

Die entscheidende Frage lautete spätestens mit dem Wirecard-Desaster: DAS also soll die Crème de la Crème der deutschen Wirtschaft sein? Die Elite der Börse? Auweia!

Stichtag für den neuen Dax ist nun der 3. September, ein Freitag. Um 22.00 Uhr deutscher Zeit, dann ist für die Woche Handelsschluss in den USA, wird die Deutsche Börse die Details nennen. Am wichtigsten: Wer steigt auf, wer wird Dax? Top-Kandidaten sind u. a. Airbus (Flugzeuge), Sartorius (Laborausrüster), Symrise (Duftstoffe).


Nach 33 Jahren: Der Dax erfindet sich neu

Foto: BILD

Die mathematisch superkomplizierte Indexformel wird am 20. September angepasst. Wer in den Dax investiert hat (zum Beispiel mit einem ETF) muss NICHTS tun. Die Anpassung erfolgt automatisch. Es wird durch die Neuaufstellung keinen kurzfristigen Kurssprung nach oben oder unten geben.

Bleibt noch die Frage: Ist die Dax-Erweiterung jetzt gut oder schlecht? Die ehrliche Antwort lautet: Weder noch. Der Dax ist in der globalisierten Börsenwelt nicht mehr besonders wichtig. Insgesamt kamen die 30 Dax-Firmen vergangene Woche auf eine Marktkapitalisierung von ungefähr 1,5 Billionen Euro. Der US-Leitindex S&P 500 kommt auf mehr als 30 Billionen Euro, gut das Zwanzigfache. Die deutsche Börsen-Elite ist zusammengenommen weniger wertvoll als ein einzelnes US-Unternehmen wie Apple (gut zwei Billionen Euro) oder Microsoft (gut 1,8 Billionen).

Daran ändert auch die jetzige Neuauflage mit 40 statt 30 Mitgliedern nichts. Die Neuen sind fast alle recht klein.