Nachdem Übergriff hinauf Ukraine: Hessische Wirtschaft sorgsam zusätzlich Russland-Sanktionen | hessenschau.de

Den russischen Einmarsch in der Ukraine quittiert die EU mit wirtschaftlichen Sanktionen. Diese könnten allerdings auch für die heimische Wirtschaft Folgen haben. Hessische Unternehmen sind nicht nur über steigende Gaspreise besorgt.

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Sanktionen der EU gegen Russland haben auch Folgen für hessische Wirtschaft


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Drohende Lieferstopps, Ausschluss von Bankgeschäften: Die angekündigten Sanktionen der EU gegen Russland würde auch Bernd Schlichterle aus Nordhessen zu spüren bekommen. Sein Unternehmen Kahl + Schlichterle mit Sitz in Burgwald (Waldeck-Frankenberg) exportiert Getränkemaschinen. Ein wichtiger Handelspartner ist Russland.

Eine Maschine zum Beispiel sollte eigentlich gerade nach Russland gehen. Den Kaufvertrag hatte eine russische Brauerei vor Monaten unterschrieben und 150.000 Euro Anzahlung geleistet – doch jetzt stehe in den Sternen, ob die Maschine jemals ankommen werde, sagt Schlichterle.

Kopfschmerzen bereitet ihm unter anderem der Transport: Da der Automat zum Reinigen, Befüllen und Verschließen von PET-Flaschen vier Meter breit sei, müsse er als Schwertransport angemeldet werden. Dazu braucht das Unternehmen eine Sondergenehmigung, die es nun womöglich nicht mehr bekommt. Außerdem befürchtet Schlichterle, dass die Brauerei über die russischen Banken nicht mehr in der Lage sein werde, die zweite Hälfte des Geldes zu überweisen.

Mehrere hundert Unternehmen betroffen

Die hessischen Industrie- und Handelskammern teilen Schlichterles Sorgen. Die Eskalation in der Ukraine sei “problematisch” für die Wirtschaft, sagte der Geschäftsführer des Hessischen Industrie- und Handelskammertags (HIHK), Frank Aletter, am Freitag. Politisch seien die Sanktionen zwar angebracht, doch für die Unternehmen hätten sie negative Folgen. Möglich seien etwa Engpässe bei einzelnen Waren und der Energieversorgung sowie steigende Preise.

Laut Wirtschaftsministerium gingen im Jahr 2020 1,6 Prozent aller hessischen Exporte nach Russland, vor allem chemische Erzeugnisse, Medikamente, Maschinen und Fahrzeuge. Russische Erzeugnisse machten 3,6 Prozent der Importe aus – gemessen am Importvolumen liegt Russland damit auf Rang zehn. Dabei waren Dreiviertel der russischen Importe aus dem Sektor Energie und Rohstoffe. Mehr als die Hälfte des Gases, das in Hessen verwendet werde, stammt nach Aussage eines Ministeriumssprechers aus Russland. Beim Erdöl seien es deutschlandweit 42 Prozent.

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Wie viele Firmen in Hessen von den Sanktionen betroffen sein könnten, lässt sich schwer schätzen. Laut HIHK könnten es mehrere hundert sein. Rund 70 von ihnen sind im Raum Fulda ansässig, weitere 300 zwischen Kassel und Marburg. Die IHK Frankfurt zählte rund 300 Unternehmen mit Beziehungen zu Russland und weitere 200 mit Beziehungen zur Ukraine, die nach Aussage eines Sprechers nun nicht nur um ihre Geschäftskunden, sondern auch um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort bangen.

Hessischer Gaskonzern an Nordstream 2 beteiligt

Der Anteil der Unternehmen, die voll vom Geschäft mit Russland abhängig seien, ist dem Wirtschaftsministerium zufolge zu vernachlässigen. “Fast alle” hätten genügend andere Handelspartner. Auch Kahl + Schlichterle liefert in andere Länder. Doch für die “etlichen” Anlagenteile und Maschinen, die er bisher in Russland verkaufen konnte, müsse die Firma nun alternative Märkte erschließen, sagt Bernd Schlichterle. “Wir müssen schauen, wie wir den Wegfall kompensieren.”

Erdgasförderanlage des Kasseler Öl- und Gaskonzerns Wintershall

Der Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea mit Sitz in Kassel reagierte ebenfalls bestürzt auf den russischen Militäreinsatz. Das Unternehmen ist seit mehr als 30 Jahren in Russland tätig, viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen laut Konzernchef Mario Mehren aus Russland oder der Ukraine. Für Wintershall Dea sei die Eskalation “ein harter Schlag”, sagte Mehren, dessen Folgen noch nicht absehbar seien. Der Konzern ist mit einem Darlehen von 730 Millionen Euro an der Finanzierung der umstrittenen Pipeline Nord Stream 2 beteiligt. Deren Genehmigungsverfahren hatte die Bundesregierung aufgrund der Lage in der Ukraine ausgesetzt.

Auch andere hessische Firmen pflegten bislang gute Beziehungen nach Russland. So beschäftigt etwa das Darmstädter Pharmaunternehmen Merck nach eigenen Angaben rund 400 Mitarbeiter in Russland, die Zusammenarbeit datiere bis circa 1900 zurück. Noch vor wenigen Monaten hatte der frühere Russlanddirektor von Merck, Matthias Wernicke, “eine Menge Potenzial” in der deutsch-russischen Pharma-Zusammenarbeit gesehen. Eine hr-Anfrage zur aktuellen Situation ließ Merck am Freitag unbeantwortet.

“Gasvorräte reichen”

In der Energiebranche gab es – trotz der Befürchtung, Russland könnte die Gaslieferungen kürzen – am Freitag zunächst Entwarnung. So teilte ein Sprecher des Darmstädter Energieunternehmens Entega mit, die Gasspeicher seien voll genug, um die mehr als 200.000 Kunden bis zum Jahresende beliefern zu können. Auch mit Strom habe sich das Unternehmen schon vor der militärischen Eskalation in der Ukraine ausreichend eingedeckt, um gut durch das Jahr zu kommen.

Künftig brauche es seitens der Politik allerdings Alternativen, um sich unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu machen, sagte der Sprecher. Wie sich die Preise für Strom und Gas in den kommenden Monaten entwickeln werden, darüber wolle man bei der Entega nicht spekulieren. “Wir mussten in den letzten Tagen ja feststellen, dass sich die Entwicklungen nicht gut vorhersehen lassen.”

Andere Versorger wie das Frankfurter Unternehmen Mainova beobachteten die Lage in der Ukraine ebenfalls genau. Die städtischen Werke in Kassel verwiesen auf den für sie zuständigen Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Dessen Hauptvorsitzende, Kerstin Andreae, hatte am Mittwoch ebenfalls mitgeteilt, dass sich die Menschen über kalte Wohnungen zunächst keine Sorgen zu machen brauchten. Bei Engpässen hätten die privaten Haushalte Vorrang vor der Industrie, zudem gebe es einen Solidaritätspakt mit anderen europäischen Ländern.

Notfallpläne bei den Banken

Während sich die Lage an den Börsen am Freitag etwas stabilisierte und der DAX in Frankfurt im frühen Handel zulegte, bereiteten sich die Banken auf einen Ausschluss Russlands aus den europäischen Finanzmärkten vor. Vom Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift wurde Russland zwar am Donnerstag nicht ausgeschlossen, das steht aber weiter als Maßnahme im Raum. Die russische Sberbank, die auch eine Niederlassung in Frankfurt hat, teilte mit, sie habe sich “auf alles vorbereitet, um die Vermögen der Kunden zu schützen und weiterhin funktionsfähig zu bleiben.”

Sanktionen gegen russische Banken könnten aber auch heimische Geldinstitute treffen. Laut Bundesbank belaufen sich die offenen Forderungen der deutschen Banken durch Kredite an Russland auf sechs Milliarden Euro. Die Deutsche Bank mit Sitz in Frankfurt beschäftigt in Russland und der Ukraine zudem mehr als 1.500 Mitarbeiter. “Wir haben uns auf verschiedene Szenarien vorbereitet und Notfallpläne entwickelt”, teilte die Bank mit.

Sanktionen verabschiedet

Die EU hatte sich am Donnerstag auf ein Sanktionspaket geeinigt, das am Freitag formell vom Ministerrat verabschiedet werden sollte. Die Sanktionen richten laut Gipfelerklärung unter anderem gegen den russischen Finanz-, Energie- und Transportsektor, die Visa-Vergabe sowie eine Reihe “russischer Einzelpersonen”. Auch Präsident Wladimir Putin selbst könnte betroffen sein.

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