Mit jener Jenaer Partnerstadt Wladimir läuft weitestgehend nichts mehr | Jena

Mit der Jenaer Partnerstadt Wladimir läuft fast nichts mehr

15.05.2022, 13:42

| Lesedauer: 4 Minuten

Vorstandsvorsitzender Ivan Nizovtsev (rechts) vom Jenaer Verein Eurowerkstatt und Vorstandsmitglied Evgeni Zakharevich.

Foto: Thomas Stridde

Jena. 
Die Russen im Verein Eurowerkstatt meiden den Besuch ihrer Heimat- und Jenas Partnerstadt. Was sie von der Stimmung in Russland mitbekommen:

Zwischen Deutschland und Russland läuft fast nichts mehr wegen Putins Krieg. – Und so auch nicht zwischen Jena und der russischen Partnerstadt Wladimir. Ivan Nizovtsev (35) ist traurig.

Der seit elf Jahren in Jena lebende junge Mann aus Wladimir ist seit vier Jahren Vorstandsvorsitzender der Eurowerkstatt e. V. Der Verein füllt als Schaltstelle des internationalen Jugendaustausches auch die Quasi-Städtepartnerschaft zwischen Jena und Wladimir mit Leben: Betreut werden junge Leute, die jeweils für ein Jahr im Programm des europäischen Freiwilligendienst als Jenaer entsandt werden oder als Ausländer nach Jena gekommen sind.

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Nizovtsev war 2011 bis 2012 als Praktikant im Jugendzentrum „Eastside“ Nutznießer des Umstandes, dass Jena an der Seite seiner deutschen Partnerstadt Erlangen deren offizielle Städtefreundschaft zu Wladimir seit 2008 offiziell mitnutzte. So habe es im Schnitt zwei, drei junge Leute gegeben, die jeweils vom 1. September an bis zum 30. August des folgenden Jahres in der jeweils anderen Stadt weilten. „Vor Corona“ sei viermal pro Jahr ein Bus mit Schülern aus Wladimir angelandet, denen viel geboten worden sei – vom Einkaufsbummel bis zum Besuch der Gedenkstätte KZ Buchenwald.

„Wir haben nur geweint“

Derzeit würden bei einer Kapazität von 13 Plätzen elf junge Europäer im Eurowerkstatt-Gästehaus in der Löbstedter Straße wohnen, berichtet Ivan Nizovtsev. Keine Russen darunter. „Während Corona wussten wir nicht, wie weiter.“ Die Ankünfte von jungen Leuten aus Visa-pflichtigen Ländern und so auch aus Wladimir seien komplett entfallen. Ivan berichtet von einer jungen Russin aus Wladimir. „2019 hatte sie die Zusage. Dann wurde es zweimal wegen Corona abgeblasen. Und jetzt wird es wegen des Krieges wieder nichts.“

Ivan Nizovtsev weilte zum Beginn des Krieges in der Heimat. Seine Mutter hatte am 21. Februar, drei Tage vor Kriegsausbruch, Geburtstag. Ihren 60.! Auch habe er in jenen Tagen einen jungen Deutschen zur Heimfahrt nach Thüringen drängen müssen, der gerade zum Austausch in Wladimir weilte. Beim Besuch der Partnereinrichtung der Eurowerkstatt in Wladimir, dem „Euroklub“, habe er mit dessen Leiterin Kontakt gehabt, sagt Ivan. „Wir saßen da und haben nur geweint.“ Und wie weiter? Mit dem Euroklub gebe es Live-Schaltungen. Man könne nur abwarten; ein Gruppenaustausch sei geplant gewesen. Jena sei eingeladen zu einer Kunstmesse samt Pleinair-Session im Sommer. Mit seiner Mutter halte er Kontakt per Telefon und WhatsApp. Doch werde das Thema Krieg dabei ausgespart. Beim Chatten mit einem Freund aus Moskau aber habe er geschrieben bekommen, es sei doch „gut, dass das beschissene Land angegriffen wurde“.

Demokratie-Unterricht, Fehlanzeige

Wie ist die Stimmung in Russland zu erklären? Zum Gespräch hat sich Evgeni Zakharevich (24) dazugesetzt, ebenfalls aus Wladimir und Mitglied im Eurowerkstatt-Vorstand. Er sagt, es sei auch diese Haltung verbreitet: Alle sind anscheinend für den Krieg. Also muss ich da mitgehen. „Was da geschieht, ist gespenstisch.“ Man könne auch nicht allen Russen vorwerfen, sich nicht im Internet alternativ zu informieren. „Unsere Eltern können nicht mit dem Darknet umgehen.“ Ivan und Evgeni sagen andererseits: Demokratie-Unterricht – so etwas gebe es in keiner russischen Schule.

Ivan ist Ingenieur für Mikroelektronik. Er hat sich in Jena an weiteren Studien ohne Abschluss versucht, hat bei der Stadt im Internationalen Büro und bei der Somag AG in Göschwitz gearbeitet. Natürlich bleibe er in Deutschland; er wolle in Berlin Fuß fassen und in der Solarenergie-Sparte arbeiten. Sorgen mache er sich um seine Teenager-Cousins. Er wolle sie nach Deutschland holen und vorm Armeedienst bewahren. Evgeni sagt, er besuche um keinen Preis die Heimat. Da drohe die Mobilmachung.