„meine Wenigkeit bin kein Fan davon, wie Sex in den meisten Filmen inszeniert wird“

Saoirse Ronan, in New York geborene Tochter irischer Eltern, mag erst 27 Jahre alt sein, doch sie gehört schon lange zu den ganz Großen der Filmbranche. Bereits vier Mal war sie für den Oscar nominiert: das erste Mal im Alter von 13 Jahren für die Romanverfilmung „Abbitte“, anschließend auch für „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ und ihre Auftritte in Greta Gerwigs Filmen „Lady Bird“ und „Little Women“. Aktuell steht Ronan nicht nur in London am Almeida Theatre in „The Tragedy of Macbeth“ auf der Bühne, sondern ist gleich zwei Mal auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen. In Wes Andersons „The French Dispatch“ spielt sie eine kleine Gastrolle und im Historiendrama „Ammonite“ neben Kate Winslet die zweite Hauptrolle. Aus Anlass des letzteren sprachen wir mit ihr via Zoom.

Ihr neuer Film „Ammonite“ handelt von zwei Frauen, die es wirklich gegeben hat, die von Kate Winslet gespielte Fossiliensammlerin Mary Anning und die Geologin Charlotte Murchinson. Was hat Sie an diesen Frauen interessiert?

Zunächst einmal muss man vielleicht dazu sagen, dass es die Frauen zwar wirklich gab, aber die Liebesgeschichte, die der Film erzählt, nicht verbürgt ist. Und gerade bei meiner Figur haben wir uns von der Realität entfernt, denn Charlotte war in Wirklichkeit älter als Mary Anning. Aber der springende Punkt ist: das Ganze hätte sich durchaus so zutragen können. Wir würden es heute sowieso nicht wissen, denn die Geschichts- und Wissenschaftsbücher haben sich für solche Frauen im 19. Jahrhundert kaum interessiert. Und genau deswegen fand ich es jetzt so spannend, ihnen einen Film zu widmen.

Anning wurde damals von den Männern ihrer Zunft quasi ignoriert und konnte kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten. Heute gilt sie als wichtiger Name der Paläontologie …

Eben! Aber noch immer kennt kaum jemand diese Frau. Ich selbst hatte nur ein einziges Mal von Mary Anning gehört – und das natürlich nicht in der Schule oder so. Sondern aus dem Mund eines Zehnjährigen, der sich für Fossilien begeisterte, selbst schon im Küstenort Lyme Regis gewesen war, wo wir den Film gedreht haben, und ganz aus dem Häuschen war, dass ich in dieser Geschichte mitspiele. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe es als große Ehre empfunden, Frauen wie ihr nun ein Denkmal setzen zu können. Ich finde es schon bemerkenswert, nun auf der Leinwand zu sehen, wie da eine Frau im viktorianischen Kleid in den Klippen herumklettert und im Matsch nach Versteinerungen gräbt. Das ist kein Anblick, den wir gewohnt sind. Allerding muss ich, um auf Ihre Frage zurückzukommen, auch zugeben, dass es für mich noch einen ganz anderen Impuls gab, für „Ammonite“ zuzusagen.

Nämlich?

Ich war mitten in den Dreharbeiten zum Film „Little Women“, als ich das Drehbuch bekam. Ein riesiges Set mit großem Ensemble, ständig waren Gruppenszenen angesagt und ich spielte eine sehr überschäumende, lebensfrohe Person, die sich kopfüber in alles stürzte, was das Leben zu bieten hat. Deswegen war die Aussicht geradezu ein Geschenk, mit „Ammonite“ quasi das komplette Gegenteil davon zu machen. Ein kleiner, ruhiger und intimer Film, mehr oder weniger eine Zwei-Personen-Nummer, noch dazu mit Kate Winslet – das war genau das, was ich als nächstes machen wollte. Denn ich versuche immer ganz bewusst, mich nicht zu wiederholen. Auch eine Rolle wie Charlotte hatte ich eigentlich noch nie gespielt. Die ist zumindest am Anfang des Films nur die Hülle ihrer selbst, gezeichnet von der Trauer und dem Trauma des Verlusts ihres Kindes. Dieser absolute Gegensatz zur sprudelnden Jo March in „Little March“ reizte mich enorm.

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