Managerin in Gottes Namen | Wirtschaft | DW

Das Büro ist geräumig und lichtdurchflutet mit Blick über das grüne Wiedtal im rheinland-pfälzischen Westerwald. Von hier aus leitet Schwester Edith-Maria Magar die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Waldbreitbach. Die 67-Jährige, selbst seit 1977 Ordensschwester, ist seit 2012 Generaloberin und Vorsitzende des gleichnamigen Vereins. Insgesamt hat Schwester Edith-Maria über 300 Mitschwestern und Mitarbeitende unter sich. 

“Ich bin manchmal selbst verwundert, dass ich hier gelandet bin”, sagt die Franziskanerin im Gespräch mit der DW. Damit meint sie nicht nur, dass sie Ordensschwester geworden ist, sondern vor allem, dass sie so viele Leitungs- und Verantwortungsaufgaben bekleiden durfte. Ihre Führungskompetenz hat sie schon oft unter Beweis stellen können: Als Vizepräsidentin des Deutschen Caritasverbandes zum Beispiel, oder als Vorsitzende des Aufsichtsrates der Marienhaus GmbH, mit 13.000 Mitarbeitenden einer der größten christlichen Träger von sozialen Einrichtungen in Deutschland. Neben ihrem Posten als Generaloberin ist sie heute stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Marienhaus Stiftung Neuwied. 

Das Kloster der Franziskanerinnen von Waldbreitbach

Der Mensch im Mittelpunkt 

Wie man berät, wie man Menschen leitet, wie man trotz wirtschaftlichen Drucks seinen Werten treu bleibt, das weiß Schwester Edith-Maria. Ihre Stimme ist besonnen, ihre Wortwahl bedacht. Sie tritt nicht im Habit, sondern im Business-Kostüm auf, um ihren Hals hängt ein großer Kreuzanhänger. Manche nannten sie “die Feel-Good-Managerin”, sagt Schwester Edith-Maria. Sie habe jedoch einfach eine andere Logik als die meisten konventionellen Manager.

Deswegen redet sie auch lieber von Leadership als von Management: “Das stellt mehr den Menschen in den Mittelpunkt.” Und um die Menschen, um die ging es ihr schon immer. Nach dem Abitur entschied sie sich, entgegen der Erwartungen ihres Umfelds, Ordensschwester und Krankenpflegerin zu werden. “Es war einfach eine Berufung”, erzählt Schwester Edith-Maria. Danach arbeitete sie als Schulleiterin und Lehrerin für Pflegepädagogik, studierte nebenbei Soziologie.

“Ein Orden ist nicht zum Selbstzweck da” 

Ihr Talent für Menschen, nicht nur auf der pflegenden, sondern auch auf der leitenden Ebene, wurde schon früh erkannt und gefördert. In Berlin ließ sie sich zur Organisationsberaterin ausbilden. Management begreift sie im Sinne seiner Etymologie, sagt sie, den lateinischen Worten manus für Hand und agere für machen. Sie will gestalten, handeln, formen – sinnstiftend.

Zuwendung und Pflege: Das ist das Credo der Waldbreitbacher Franziskanerinnen

“Ein Orden, genauso wie die Wirtschaft, ist nicht zum Selbstzweck da”, sagt sie, “das Ziel allen Wirtschaftens ist der Mensch.” Deswegen trifft sie Personalentscheidungen individuell, sucht das Gespräch, ruft auch mal einzelne Mitarbeitende an, fragt nach, wie es ihnen geht und meint es nicht als Floskel. Vor jedem Meeting gibt es ein Check-In: Jede darf kurz aussprechen, was sie beschäftigt oder was sie sich wünscht. Eine Methode, die auch in der modernen Unternehmensführung viel genutzt wird.

Aber all das kostet Zeit und damit auch Geld. Wie schafft die Generaloberin das? “Für die Sachen, die mir wichtig sind, nehme ich mir Zeit”, sagt sie. Ihre Tage fangen um acht Uhr an und gehen schonmal bis 21 Uhr, ihre Grenzen kennt sie trotzdem: “Wenn mir die Zeit fehlen würde fürs Gebet oder für die Gemeinschaft, dann wüsste ich, dass was falsch läuft.” 

Gelebte Nachhaltigkeit 

Aber nicht nur Menschen, auch die Natur steht im Zentrum von Schwester Edith-Marias Handeln. Nachhaltigkeit lebte sie in ihrem Arbeitsalltag schon, bevor Schlagworte wie Corporate Social Responsibility zu bekannten Begriffen wurden. Der respektvolle Umgang mit Natur und Umwelt gehört für sie zum franziskanischen Selbstverständnis. Auf den Wiesen des Klosterbergs weidet eine vom Aussterben bedrohte Rinderart, Honig wird auf schonende Weise produziert. Dass sie ein Hybrid- und kein Elektroauto fahren muss, weil die langen Ladezeiten von letzterem nicht mit ihrem engen Terminplan vereinbar wären, ärgert Schwester Edith-Maria Magar. 

Und wie ist das, als Frau in einer Führungsposition in der katholischen Kirche? Durch die Geschlechtertrennung in den Kirchenberufen ist Schwester Edith-Maria nicht an die gläserne Decke gestoßen, die Frauen oftmals daran hindert in Führungspositionen zu kommen. In ihre Stelle als Generaloberin wurde sie demokratisch von ihren Mitschwestern gewählt, in regelmäßigen Abständen muss sie einen Rechenschaftsbericht abgeben, ihre Amtszeit ist auf maximal 12 Jahre begrenzt. Strukturen, die sie sich auch für andere Bereiche in der Kirche wünscht: “Ein System darf nicht von einer Person abhängig werden.” 

Auch wenn sie es liebt, ihre eigene Chefin zu sein, freut sie sich auf die Zeit danach. Ihre Füße wird die aktive und energiegeladene Frau jedoch auch dann bestimmt nicht stillhalten. Sie möchte ihre Nachfolgerin unterstützen wo sie kann und wo es gewünscht ist. Und ansonsten: “Wieder mehr Zeit für die Gemeinschaft haben.”