«Man weiss, es geht um Sex»

Beatrice Fleischlin und Nina Hellenkemper, mal ehrlich: Haben Sie Ihr Stück «Das Sex Stück» genannt, weil sex sells?
Nina Hellenkemper (lacht):
Eigentlich nicht. Als wir das Thema festgelegt hatten, sind wir spazieren gegangen und haben uns Titel überlegt. «Das Sex Stück» hat uns gut gefallen.
Beatrice Fleischlin: Es ist ja so ein Fadengrad-in-die-Fresse-Titel. Es heisst nicht «Der Garten Eden» oder «Früchte der Verführung», sondern «Das Sex Stück». Der Titel hat etwas Befreiendes: Man weiss, es geht um Sex. Natürlich kommt dann auch die Frage auf, ob das Stück explizite Szenen enthält – das tut es aber nicht.

Worum geht es?
BF: Es wird Texte, Tanz und Livemusik geben. Auf der Bühne sind neun Menschen, die Showparts vorbereitet haben, in denen es um Sex, Sexualität und sexuelle Identität geht – aber auch um die verborgenen und nicht so heissen Seiten, die ja die meisten Menschen kennen. Das ist ein riesiges Spektrum: Sex bedeutet für alle etwas ganz anderes. Viele denken bei Sex zuerst an Geschlechtsverkehr, aber wir möchten dieses Feld wirklich ganz, ganz, ganz weit auffächern und das auf eine lustvolle Art transportieren.

Werden bei Ihnen Zuschauer:innen aufgeklärt?
BF: Sie erfahren vom Mythos des Jungfernhäutchens oder dass die Form und Grösse der Klitoris erst 1998 wiederentdeckt wurde. Wir reden darüber, dass 96 Prozent der Frauen durch reine Penetration nicht zum Orgasmus kommen. Wenn du das laut ausgesprochen auf einer Bühne hörst, hat das möglicherweise schon eine aufklärerische, aber auch eine empowernde Wirkung.

Wer ist denn das Zielpublikum?
NH: Alle!
BF: Alle ab 15.

Was möchten Sie bei den Zuschauer:innen auslösen?
NH: Es wäre schön, wenn man berührt wird – auch weil man sieht, dass man nicht allein ist mit seinen Fragen. In der Sexualität denken viele: Nur ich habe dieses oder jenes Problem. Und aus dieser Verletzlichkeit heraus redet man nicht mit anderen darüber. 

Die Beschreibung von «Das Sex Stück» hat einen deutlich gesellschaftskritischen Anstrich.
BF: Das stimmt. Ich finde schon, dass das Patriarchat die Vorstellung stark beeinflusst, was eine «Frau», ein «Mann» oder eine «Familie» sein soll. Die traditionellen Bilder sind tief in unsere Identitäten eingeschrieben. Ich bin selbst in einem bäuerlichen, katholischen Milieu aufgewachsen und hatte das Glück, mich da über das Theater herauszuarbeiten und andere Lebensrealitäten kennenzulernen.

Durch Ihre Arbeit möchten Sie auch Tabus brechen. Welche?
BF: Nur schon der Umstand, dass wir ein Zelt mitten in der Stadt hinstellen, wo gross «Das Sex Stück» draufsteht, ist ein Tabubruch. Im engeren Sinne brechen wir auf der Bühne aber keine Tabus. Wir wollten ein Stück machen, das für ganz viele Menschen zugänglich ist.

Hat sich die Vorbereitung dieses Stücks anders gestaltet als bei vorherigen Projekten?
BF: Ja, schon, weil es um sehr intime Fragestellungen geht. Wir haben mittels Improvisation eine eigene körperlich-tänzerische Bewegungssprache für die Bühne erarbeitet. Und da wir unsere persönlichen Erfahrungen als «Material» für die Arbeit mitbringen, ist diese Herangehensweise sicher näher, als wenn die Arbeit mit einem festgesetzten Text und vorgeschriebenen Rollen starten würde.

Sind Sie einander dadurch nähergekommen?
NH: Ja. Ich denke, alle haben persönliche Geschichten, die anderen nahegehen.
BF: Wir umkreisen gemeinsam Themen um Sex und Sexualität, da entsteht natürlich Wärme. Bezüglich sexualisierter Gewalt haben wir viel voneinander erfahren. Es gibt einen Moment im Stück, wo dieses Thema aufgegriffen wird – weil es wichtig ist und zur Sprache kommen muss. Es ist erschreckend, wie viele Übergriffsgeschichten es in einer Gruppe von einem Dutzend Menschen gibt.