Lorraine Daston über die Geschichte der Wissenschaften



So stellte sich der göttliche Raffael die Einheit der großen Geister Griechenlands vor: Seine „Schule von Athen“ entstand im Jahr 1510

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Seit der Aufklärung träumen Wissenschaftler davon, die Zersplitterung ihrer Disziplinen zu überwinden. Aber die Vision einer internationalen Wissenschaftsvereinigung bleibt eine Utopie. Ein Gastbeitrag.

Im Jahr 1895 fällte der große Althistoriker und Philologe Theodor Mommsen anlässlich des alljährlichen Leibniz-Gedenktags vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften ein melancholisches Urteil über den Zustand der Wissenschaften. Obwohl die Wissenschaft, allen voran die deutsche, enorme Fortschritte machte und florierte wie nie zuvor in ihrer Geschichte und selbst Leibniz’ rosigste Vorhersagen für die Berliner Akademie, die er 1700 mitbegründet hatte, übertraf, war Mommsen der Meinung, dass in den dazwischenliegenden zwei Jahrhunderten etwas Wesentliches verloren gegangen sei: „Wenn Leibnizens Akademie als Fortführerin seiner Arbeiten betrachtet werden darf und wenn sie darin ihre rechte Legitimation hat, so können wir uns doch nicht verbergen und müssen uns damit abfinden, daß diese Fortführung, in ihrer Zersplitterung auf mehrere Klassen und innerhalb dieser Klassen auf zahlreiche engere Kreise, ein Surrogat ist, unentbehrlich und wirksam, aber nicht unbedingt gesund. Unser Werk lobt keinen Meister, und wir sind alle Gesellen.“

Für Mommsens renommierte akademische Kollegen, zu denen auch Max Planck und Wilhelm Dilthey gehörten, muss es ziemlich irritierend gewesen sein, zu hören, dass sie alle nur Gesellen seien, aber sie nickten wahrscheinlich zustimmend mit dem Kopf.