Lokale Wirtschaft: Rendite zu Händen Regionen

Die Covid-Krise hat gezeigt: Wir müssen endlich nachhaltiger und regionaler wirtschaften. Vielversprechende Ansätze dafür gibt es bereits.

Äpfel und Birnen aus der Region auf einem Wochenmarkt in Freiburg Foto: Daniel Fleig/Eibner/imago-images

Klassische Wirtschaftsförderung sieht oft so aus: Ein Unternehmen will sich vergrößern, also sucht man ein Grundstück. Ein Unternehmen braucht einen Standort, man findet einen. Fortwährend asphaltieren die Kommunen Grünflächen, um weitere Flächen für Gewerbe anzubieten. Mitunter scheint es, als diene der Flächenverbrauch als Arbeitsnachweis für eine gelungene Wirtschaftsförderung. Gleichzeitig stehen be­stehende Gebäude leer oder werden zu wenig genutzt.

Städte und Gemeinden sollten endlich beginnen, die Regionalwirtschaft systematisch zu stärken, etwa durch ein Bündnis für regionale Beschaffung. Neben der Kommunalverwaltung könnten beispielsweise Krankenhäuser, Stadtwerke, Diakonisches Werk oder Universitäten Teil eines solchen Bündnisses sein. Auch größere Unternehmen, die die sich dem Gemeinwohl oder der Region verpflichtet fühlen, ließen sich einbeziehen.

Lokale Wirtschaft stärken heißt auch, Produktion zurückzuholen. In den letzten Jahrzehnten ist das Gegenteil passiert. An der Herstellung einer simplen Tiefkühllasagne sind Dutzende Betriebe und 20 Nationen beteiligt. Es gibt so viele Dinge, die Unternehmen vor Ort herstellen könnten, wenn es beispielsweise gute Strukturen für Direktvermarktung gibt. Doch so etwas kommt nicht von allein.

Hier sollte Politik handeln und Unternehmen fördern, die wieder auf kürzere Wertschöpfungsketten setzen. Es geht dabei nicht darum, Fernseher wieder lokal zu montieren. Gleichwohl ist eine Renaissance der regionalen Produktion erstrebenswert und möglich, besonders bei Lebensmitteln und Kleidung. In den Szenevierteln der urbanen Regionen lässt sich zudem eine gewisse Sehnsucht nach lokalen Produkten spüren, mit denen man sich identifizieren kann, die irgendwie besonders oder gar einmalig sind.

Es gibt im Land eine Vielzahl von Projekten, Ini­tiativen und Konzepten, die noch zu wenig bekannt sind. Die solidarische Landwirtschaft etwa. Das Konzept – es muss nicht nur Bio sein – sichert und schafft Arbeitsplätze und ermöglicht Vielfalt in der Nahversorgung: Die umliegenden Landwirte sind nicht zu Monokultur und Preisdumping gezwungen, sondern profitieren von fairen Preisen, Kundenbindung und Wertschätzung. Zudem bindet die Direktvermarktung Rendite an die Region, verkürzt Wertschöpfungsketten und leistet einen Beitrag zum Klimaschutz. Woran es hakt, sind aktive Förderimpulse aus den Städten und Regionen.

Wegweisend ist das Engagement der Regionalbewegung. In dem Bundesverband vernetzen sich Initiativen, Unternehmen und Politik. Sie tauschen sich darüber aus, wie man die Nahversorgung mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfs ausbauen kann. Es geht aber auch um regionale Finanzdienstleister, regionale erneuerbare Energien und das regionale Handwerk.

Genossenschaften und Stiftungen sind übrigens sehr sinnvoll, um Renditen an die Region zu binden. Anders beim Verkauf von Wohnungsbaugesellschaften an Anleger aus aller Welt, der vor Ort die Mieten steigen lässt, profitieren bei einer Genossenschaft die Be­woh­ne­r:in­nen von den Gewinnen. Ein anderes Beispiel sind Stadtwerke. Einige gehören noch zu 100 Prozent der Kommune. Die Gewinne stützen als Bürgerrendite etwa defizitäre Schwimmbäder oder füllen die Stadtkasse.

Als Alternative zu Essenslieferplattformen, deren Gebühren in andere Regionen fließen und lokale Gastronomie schwächen, könnten diese eine eigene Plattform gründen, am besten genossenschaftlich und ohne Gewinnorientierung. Man kann mit einer App überall bestellen, und Wirte werden nicht abgezockt. In Münster gibt es bereits eine alternative Plattform namens „Münster isst“, mit rund 180 Restaurants. Die Gebühr ist mit 250 Euro im Jahr unschlagbar günstig.

Statt euphorisch jedes Start-up zu feiern, das zwei, drei MitarbeiterInnen hat, lohnt sich ein Blick auf Initiativen, die bereits da sind: Das Repair-Café entwickelt sich womöglich zum professionellen Reparaturbetrieb, erweitert durch Second-Hand-Angebote. Möglich sind auch hypermoderne öffentliche Werkstätten, die zugleich von ambitionierten Laien und Profis genutzt werden, die sich noch keinen eigenen Betrieb leisten können. Solche Orte gibt es in einigen Städten schon.

Mit einer „Wirtschaftsförderung 4.0“ kann auch die Gemeinwohlökonomie von innovativen Technologien profitieren. Carsharing beispielsweise war vor 20 Jahren zumeist eine Ini­tiative von Vereinen, wenig bekannt und mit kompliziertem Buchungssystem. Die Digitalisierung hat es möglich gemacht, dass aus dem ehrenamtlich getragenen Konzept ein großes Business geworden ist. Ideal ist es, wenn der Carsharing-Betrieb den Bürgern gehört.

Reparaturwesen, Sharingkonzepte, urbane Produktion und Nahversorgung sind zudem Orte der Begegnung: Teilen, Tauschen, Schenken, Kooperieren, Selbsthilfe – all dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl, den sozialen Zusammenhalt. Und dort, wo sich Menschen zu Hause fühlen, möchten sie gerne arbeiten und leben, dort findet sich qualifiziertes Personal. Das wirkt zugleich nationalistischen Tendenzen entgegen.

Wir sollten uns öfter fragen, was gut funktioniert, wenn der Export schlecht läuft, wenn die Weltwirtschaft schwächelt. Welche Faktoren stabilisieren unsere Wirtschaftsgesellschaft, was ist krisenfest? Kurzum, es geht um eine wirklich nachhaltige Wirtschaft. Förderungswürdig sind nur enkeltaugliche Geschäftsmodelle. Die „Wirtschaftsförderung 4.0“ entwickelt Strategien, mit denen die Risiken der Globalisierung abgesichert werden können. Eine zukunftsfähige Ökonomie dient dem Gemeinwohl der Stadtgesellschaft, dem guten Leben.

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