Kunst an jener Nahtstelle zur Wissenschaft | Freie Zeitungswesen

Vier Seniorinnen spazieren eine Straße in Liverpool entlang, holen plötzlich aus ihren Handtaschen Steine, mit denen sie Scheiben einer Industriebrache einwerfen. Bei ihrem destruktiven Tun haben sie jede Menge Spaß.

Vier Seniorinnen spazieren eine Straße in Liverpool entlang, holen plötzlich aus ihren Handtaschen Steine, mit denen sie Scheiben einer Industriebrache einwerfen. Bei ihrem destruktiven Tun haben sie jede Menge Spaß.

Das Video mit den randalierenden Briten – die Damen haben etliche Gleichgesinnte – nennt sich “Europleasure International Ltd.: Touch and Go”. Was nach typisch englischem Humor aussieht, hat einen ernsten Hintergrund. Cristina Lucas hat sich mit den Folgen des Strukturwandels der Wirtschaft in der einstigen Industriemetropole beschäftigt. Die Steinewerfer sind frühere Gewerkschafter dieses stillgelegten Unternehmens.

So wie die kaputten Scheiben am Ende den Schriftzug des Untertitels “Anfassen und loslegen” auf englisch ergeben, so sind häufig Textbotschaften in Lucas’ Filmen und Bildern versteckt. Im Video “Der Mensch, der fehlt” erscheinen Schriftzüge nicht nur in der Landschaft des hohen Nordens, sondern sogar in der Haut eines Wals. Den beklemmenden Bildern ist eine Art von Poem unterlegt, das aus Zitaten Dutzender Persönlichkeiten von Bruno Latour bis Donald Trump besteht.

Die Projektionsfläche dieses Films ist Bestandteil einer raumfüllenden Installation. Dazu gehören Mineralien aus dem Bestand des Naturkundemuseums Chemnitz sowie mehrere Gemälde. Was wie abstrakte Malerei der 1950er-Jahre aussieht, ist für die Künstlerin ein chemisches Labor, in dem das halbe Periodensystem der Elemente verarbeitet wird.

Die Zerstörung unserer Existenzgrundlagen ist ein Hauptthema im Werk der Spanierin. Ein anderes, mit ihm eng verwandtes, ist die militärische Gewalt.

Auf drei großen Tafeln im Oberlichtsaal der Kunstsammlungen werden alle Bombenangriffe seit Beginn der Luftfahrt vor reichlich 100Jahren mit Ort, Datum, Täter und – soweit zu ermitteln – Anzahl der zivilen Opfer aufgelistet. Dabei erfolgt fortlaufend ein Eintrag auf der Weltkarte, ganz rechts sind Fotos oder Grafiken zu sehen, die das Geschehen darstellen.

Aus diesem Atlas des Grauens hat Lucas acht regionale Ausschnitte mit einer besonder hohen Dichte an Einschlägen ausgewählt und die Daten als Stickerei auf Stoff ausführen lassen. Mit dieser als typisch weiblich geltenden Technik will sie eine andere Blickweise schaffen als beispielsweise im sehr maskulinen Bild von Picasso, mit dem er auf die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica im spanischen Bürgerkrieg reagiert hat. Die Arbeiten sollen mahnen, doch mit einem Anflug von Resignation sagt die Künstlerin: “Der Mensch lernt nichts dazu, macht immer wieder die gleichen Fehler.”

Cristina Lucas, Jahrgang 1973, lebt in Madrid. Ihre lange Ausstellungsliste reicht von Mexiko bis Spitzbergen. In Deutschland ist sie aber noch Geheimtipp, was sich mit dieser Ausstellung ändern kann. Kuratorin Sabine Maria Schmidt weist darauf hin, dass seit etwa 20 Jahren sich immer mehr Künstlerinnen und Künstler an der Schnittstelle zur Wissenschaft bewegen und Recherchen unternehmen.

Bei Cristina Lucas sind diese besonders aufwändig und umfangreich, werden von ganzen Teams geleistet. Dabei hat sie Berührungspunkte zu diversen Wissenschaftszweigen. Es können Mathematik, Physik und Chemie sein, aber auch die Geistesgeschichte wie in der Untersuchung zu den Manuskripten von Marx’ Hauptwerk “Das Kapital”. Auch wenn die Arbeiten mit hohem intellektuellem Anspruch entstehen, bieten sie eine Fülle an sinnlichen Eindrücken.

Die Ausstellung “Maschine im Stillstand” wird an diesem Samstag um 18.15 Uhr in den Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz eröffnet. Besichtigt werden kann die Schau bis zum 31. Oktober.