Kultusminister ignorieren zunehmend hohe Inzidenzwerte – trotz Warnungen dieser Wissenschaft („Dann gibt es viele Tote“)

BERLIN. Die Kultusminister haben offenbar den bislang während der Corona-Pandemie geltenden Konsens aufgekündigt, Schutzmaßnahmen an Inzidenzwerte zu binden. Das kann dramatische Folgen für Deutschland haben. Das Robert-Koch-Institut rechnet mit einem Inzidenzwert von 350 unmittelbar nach Ostern.

Die Kultusminister fahren einen riskanten Kurs. Illustration: Shutterstock

Liegt der Inzidenzwert in Deutschland Ostern so hoch wie nie? Das Robert-Koch-Institut hält das für wahrscheinlich. In einer aktuellen Prognose sagt die Bundesbehörde für die Kalenderwoche 15, also vom 12. bis 18. April, einen Wert von 350 Neuansteckungen binnen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner voraus. Die Infektionszahlen steigen bereits jetzt – unter jungen Menschen sogar drastisch. Und die Kultusminister sind offenbar gewillt, die Corona-Seuche ab sofort durch die Schulen laufen zu lassen.

Die Inzidenzwerte in Deutschland steigen bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren seit Mitte Februar – seit den Schul- und Kitaöffnungen in vielen Bundesländern also – „sehr rasant“ an, wie Prof. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, gestern auf einer Pressekonferenz erklärte. Beobachtet würden wieder mehr Kita-Ausbrüche, sogar mehr als vor Weihnachten. In der zweiten Februarhälfte gab es bundesweit 87 Kita-Ausbrüche pro Woche, ergänzte eine RKI-Sprecherin laut „Spiegel“. Und immer öfter, so Wieler, spielt dabei die hochansteckende Corona-Mutation B.1.1.7 eine Rolle.

(1) Natürlich können sich Kinder in Schule selbst testen. Und da man beim Schnelltest Ergebnisse sofort hat werden Cluster sofort isoliert. Bei B117 gilt leider: infiziertes Kind infiziert meistens die ganze Familie! Daher schützt Schultestung sehr stark. https://t.co/rQKpHpZKFU

— Karl Lauterbach (@Karl_Lauterbach) March 13, 2021

„Die ermittelten wöchentlichen Fallzahlen von B.1.1.7 zeigen eine sehr gleichmäßige Wachstumsrate und haben sich in der Zeit von KW 02 bis KW 09 etwa alle 12 Tage verdoppelt. Daher erwartet das RKI, dass die 7-Tages Inzidenz insgesamt ab KW 10 einen deutlich steileren Anstieg zeigen wird“, so heißt es im aktuellen Lagebericht.

„Schulen jetzt zu öffnen ohne Schnelltests wäre daher unverantwortbar“

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigt sich besorgt. „Schulen jetzt zu öffnen ohne Schnelltests wäre daher unverantwortbar. Bei B117 infizieren sich überdurchschnittlich viele Kinder. Eine Explosion der Fallzahlen wäre die Folge, der ein neuer Lockdown dann folgt. Wir dürfen jetzt nicht die Disziplin und den Verstand verlieren“, so schreibt er auf Twitter. Und: „Die Mutation B 117 führt zu mehr Ansteckungen, gerade auch bei Kindern. Die Schulöffnungen vor Ostern und ohne Tests sind daher hochriskant und planlos. Die Schnelltests gehören in die Schulen zuerst, wenn dann noch genug da sind, in die Betriebe, und dann erst in den Aldi Markt.“

Das Problem: Genau das – Schulen jetzt ohne flächendeckende Schnelltests zu öffnen – planen die meisten Bundesländer, und zwar bereits am Montag. Zwar hatte die Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der vergangenen Woche beschlossen, die Schulöffnungen mit regelmäßigen Schnelltests zu begleiten. Kein Bundesland hat das aber bislang organisiert. Allenfalls für Teile der Schülerschaft gibt es, wenn überhaupt, die notwendigen Selbsttests. Die weiterführenden Schulen werden in den meisten Bundesländern nun trotzdem geöffnet.

Die Kultusminister – und damit die Landesregierungen – sind offenbar nicht länger gewillt, auf den Infektionsschutz Rücksicht zu nehmen.

„Ich weise darauf hin, dass der Inzidenzwert alleine auf Dauer nicht die richtige Richtschnur ist“

Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD), Sprecher der SPD-geführten Kultusminister in Deutschland, erklärte gestern, dass er eine Fixierung auf den Inzidenz-Wert für falsch halte. „Wenn es um die weitere Perspektive geht, so will ich darauf hinweisen, dass der Inzidenzwert alleine auf Dauer nicht die richtige Richtschnur ist.“

Vielmehr sei entscheidend, dass keine Menschen mehr schwer krank werden oder sterben, so Rabe. Diese Zahlen müssten auch „in eine kluge Abwägung“ mit eingebunden werden. Eine Infektion bei Jüngeren, so Rabe, sei auch Virologen zufolge anders zu bewerten als eine bei Älteren. „Und die reine Durchschnitts-Inzidenz führt deshalb nicht weiter, um solche wichtigen Fragen zu beantworten.“ Welche Virologen Infektionen bei Jüngeren „anders bewerten als bei Älteren“, sagte er nicht.

Die Meinung ist offenbar Konsens unter den Kultusministern – kein einziger hat bislang erklärt, auf Schulöffnungen angesichts der sich zuspitzenden Lage verzichten zu wollen. Im Gegenteil.

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) zwingt einen Kreis, die weiterführenden Schulen am Montag zu öffnen – obwohl der eigentlich aufgrund hoher Inzidenzwerte darauf hatte verzichten wollen. «Die Entscheidung ist gefallen. Das Schulministerium hat das abgelehnt», erklärte ein Sprecher des betroffenen Kreises Düren. «Wir bedauern das, weil es gute Gründe gibt für den Antrag», erklärte er. Die gibt es in Form von Zahlen: Nach den Daten des RKI vom Freitag liegt die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen im Kreis Düren bei 138,3, in der Stadt Düren sogar bei rund 240.

Die Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) hatte mit Merkel in der vergangenen Woche verabredet, Lockerungen der Schutzmaßnahmen nicht unterhalb eines Inzidenzwertes von 100 vorzusehen. Wie wenig wert diese Zusage war, machte das Land Brandenburg – Sitz der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst (SPD) – deutlich: die Grenze wurde dort kurzerhand nach oben verschoben. Lauterbach: „Das ist mittelgradig unglaublich. Lockerungen werden beschlossen, wie in MPK vereinbart, aber Notbremse wird von 100 auf 200 (!) erhöht. Ist das ernst gemeint? Wenn das alle Bundesländer machen wird es schwere 3. Welle geben und dann langen Lockdown.“

Wie findig Kultusminister dabei sind, den Beschluss des Bund-Länder-Gipfels zu umgehen, demonstriert aktuell auch Michael Piazolo (Freie Wähler) aus Bayern. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir über die Methode des intensiven Testens auch bei Sieben-Tage-Inzidenzen über 100 mindestens die Grundschulen wieder öffnen können“, so sinnierte er öffentlich in dieser Woche – und machte die Idee dann auch gleich konkret: Er kündigte allen Ernstes einen „Tag des offenen Klassenzimmers“ für Grundschulklassen in Corona-Hotspots an. Die Kinder sollen an einem Tag die Möglichkeit bekommen, sich im Klassenzimmer zu treffen. Lediglich mit einer Einschränkung: in Regionen mit einer Inzidenz über 300, so Piazolo, „wohl eher nicht“.

„Wenn sich ganz viele junge Menschen infizieren, dann sind die Intensivstationen trotzdem wieder voll“

Prof. Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité, hat genau diese Situation vorhergesehen – und gewarnt. Im Januar erklärte er in einem Interview mit dem „Spiegel“: „Wenn die alten Menschen und vielleicht auch ein Teil der Risikogruppen geimpft sein werden, wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden. Und dann werden sich innerhalb kurzer Zeit noch viel mehr Leute infizieren, als wir uns das jetzt überhaupt vorstellen können. Dann haben wir Fallzahlen nicht mehr von 20.000 oder 30.000, sondern im schlimmsten Fall von 100.000 pro Tag. Das sind dann zwar eher jüngere Leute, die seltener schwere Verläufe haben als ältere. Aber wenn sich ganz viele junge Menschen infizieren, dann sind die Intensivstationen trotzdem wieder voll, und es gibt trotzdem viele Tote. Nur dass es jüngere Menschen trifft.“ News4teachers / mit Material der dpa

Mit Anlauf: Wie uns die Kultusminister in die Katastrophe steuern

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