Kreuzlingen: 2,7 Mio zu Händen Koks und Dirnen



Kreuzlingen

«Eine Midlife-Crisis, die total aus dem Ruder gelaufen ist»: Banker zweigt 2,7 Millionen ab und gibt das Geld für Sex und Kokain aus

Ein 60-Jähriger muss sich vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen wegen gewerbsmässigen Betrugs und Urkundenfälschung verantworten. Der Anlageberater hat zwischen 2014 und 2018 von seinen Kunden rund 2,7 Millionen Franken erschlichen, um seinen ausschweifenden Lebensstil mit Drogen und Prostituierten zu finanzieren. Ihm drohen über vier Jahre Haft.

Ein ehemaliger Bankangestellter muss sich vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen wegen Betrugs und Urkundenfälschung verantworten.

Bild: Donato Caspari

«Hätte ich bei 400’000 Franken aufgehört, wäre die Sache nie ans Licht gekommen.» Doch der Beschuldigte, der sich am Dienstagnachmittag vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen wegen gewerbsmässigen Betrugs und Urkundenfälschung verantworten muss, hat nicht aufgehört. Am Ende hatte der heute 60-Jährige seine Kunden um insgesamt 2,7 Millionen Franken erleichtert.

Angefangen hatte alles am Nachmittag des 31. Januar 2014. Der Beschuldigte arbeitete damals als Anlageberater mit Kaderfunktion bei einer Bank und hatte finanzielle Probleme. So liess er sich im Namen eines Kunden am Schalter 45’000 Franken auszahlen. Auf dem Auszahlungsbeleg, den der Kunde hätte unterschreiben sollen, fälschte er dessen Unterschrift und behielt das Geld für sich.

Nach dem Grund für seine Geldprobleme gefragt, antwortet der Beschuldigte: «Meine Eskapaden.» Er habe regelmässig Prostituierte aufgesucht und Kokain konsumiert.

«Das war der einfachste Weg, um an Geld zu kommen.»

Bis am 18. Juli 2018 wiederholte er das Vorgehen 166-mal und zweigte so insgesamt 2,7 Millionen Franken ab. Er sagt: «Ich war wie in einem Hamsterrad, das rollt und rollt und rollt – und es rollte immer schneller.»

Am Geld eines deutschen Ehepaars vergriffen

Bei seinen Opfern handelte es sich in erster Linie um ein deutsches Ehepaar. Dieses habe er bewusst ausgesucht.

«Das Ehepaar wusste nicht genau, wie viel Geld es auf dem Konto hatte, und es war ihm auch egal.»

Entsprechend hätten sie auch nicht so genau hingeschaut und keine regelmässigen Kontoauszüge gewünscht. Die Auszahlungsbelege, auf denen der Beschuldigte die Unterschrift des Mannes fälschte, kamen in ein Banklager – eine Art Briefkasten in der Bank. Er habe gewusst, dass das Paar die Unterlagen nie abholt. Aufgeflogen war der Betrug viereinhalb Jahre später, als das Ehepaar 2018 seinen Vermögensverwaltungsvertrag mit der Bank kündigte.

Insgesamt hat der Beschuldigte laut Anklageschrift über die Jahre rund 300’000 bis 400’000 Franken für Kokain ausgegeben. Über 900’000 Franken brauchte er zur Deckung seiner Kreditkartenrechnungen. Über die Karten hatte er unter anderem Escort-Dienstleistungen gebucht. Diese wurden in erster Linie von zwei Prostituierten, die im Raum Berlin lebten, erbracht. Mit den Kreditkarten bezahlte der Beschuldigte teilweise auch die Flugkosten der Frauen sowie Hotelkosten im Raum Zürich.

Die Prostituierten beim Hausbau unterstützt

Auch die verbleibenden knapp 1,4 Millionen Franken gab er für sexuelle Dienstleistungen mit den betreffenden Prostituierten aus. Im Schnitt kosteten diese den Beschuldigten 6000 Franken pro Woche. Diese Beträge bezahlte er ihnen jeweils in bar. Ab 2017 unterstützte er die beiden Frauen darüber hinaus mit Darlehen in Höhe von insgesamt rund 414’000 Franken. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, weshalb er das getan hat, sagt er:

«Rückblickend kann ich mir das auch nicht mehr erklären. Es war wohl eine Art Robin-Hood-Effekt.»

Beide Frauen hätten unbedingt ein Haus bauen wollen und er habe ihnen dabei geholfen.

Als dann im Juli 2018 die Wahrheit ans Licht kam, hat der Beschuldigte sofort gestanden. Dazu sagt er: «Ich wollte reinen Tisch machen.» Ihm sei relativ früh klar gewesen, dass er irgendwann auffliegen würde. Das habe ihm auch gesundheitlich zugesetzt. «Ich konnte drei Jahre lang nicht mehr richtig schlafen.»

Heute nehme er keine Drogen mehr und gehe auch nicht mehr zu Prostituierten. Zudem arbeite er seit einiger Zeit wieder in der Finanzbranche. «Weiss ihr Arbeitgeber über ihre Vergangenheit Bescheid?», fragt die Richterin. «Nein», antwortet der Beschuldigte.

Er soll für mehr als vier Jahre ins Gefängnis

Die Staatsanwaltschaft fordert für die Vergehen eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten. Zusätzlich soll er die Kosten des Vorverfahrens in Höhe von knapp 26’000 Franken sowie die Kosten des Hauptverfahrens bezahlen. Die Bank, die für den entstandenen Schaden haften und den Kunden das Geld zurückerstatten musste, macht zudem eine Schadenersatzforderung von 1,46 Millionen Euro, 16’000 US-Dollar und 644’000 Franken geltend.

Die Verteidigung auf der anderen Seite fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten bei einer Probezeit von drei Jahren. Die Schadensersatzforderung der Bank werde anerkannt. Der Verteidiger nennt dies einen tragischen Fall. «Eine Midlife-Crisis, die total aus dem Ruder gelaufen ist.» Sein Mandant habe innert kurzer Zeit seine gesamte Existenz ruiniert.

«Er wird für den Rest seines Lebens Schulden haben. Damit ist er schon fast genug gestraft.»

Hinweis: Das Urteil wird schriftlich eröffnet.

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