Kobalt im Ka­si­no: Spekulieren mit den Rohstoffen dieser Zukunft? – Wirtschaft

Serie “Rohstoffe der Zukunft”

Wenn Matthias Rüth nach seinen Rohstoffen schaut, dann muss er erst mal einen alten Weltkriegsbunker aufschließen. Vorbei an zwei Meter dicken Stahlbetonmauern, mitten durch eine wuchtige Tresortür. 50 Zentimeter dick, 4,5 Tonnen schwer. “Wie in Fort Knox”, sagt Rüth, als das Fernsehen einmal zu Gast ist. Denn hinter Rüths Türen lagern Metalle im Wert von Millionen – Gallium, Iridium, Neodym. Eigentlich hatte der Rohstoffhändler seinen Bunker einst als Lagerstätte für Firmen aufgebaut, doch dann fragten auch immer mehr Einzelanleger nach.

In der Zwischenzeit galten Rohstoffe bei Privatinvestoren lange als abgemeldet, doch seit einigen Monaten schauen viele mit großer Begeisterung nach interessanten Metallen abseits des allgegenwärtigen Goldes: Nur ein Jahr nach dem ersten Corona-Schock haben sich viele Notierungen schließlich nicht nur vom ersten Preisverfall erholt, sondern sind in eine Art Rausch übergegangen. So hat der Preis für Kupfer seit Anfang 2020 um 44 Prozent zugelegt, der Preis für das weißglänzende Lithium ist sogar um 77 Prozent angezogen. “Für Industriemetalle könnte damit ein neuer Superzyklus begonnen haben”, sagt Kapitalmarktstratege Ludwig Kemper von der Berenberg Bank.

Vielleicht ist es ein einziger Mann, der derzeit die Rohstoffpreise nach oben jazzt: US-Präsident Joe Biden hat mit seinen Billionen-Investitionen Anleger hellhörig gemacht. Einst als “Sleepy Joe” gescholten, ist aus dem Demokraten für viele Anleger inzwischen der “Billionen-Biden” geworden. Straßen, Brücken, Schienen, all das will der neue Mann im Weißen Haus erneuern. Ohne Rohstoffe, das wissen viele Anleger, dürfte das nicht zu meistern sein.

Doch Biden plant nicht nur den Umbau der Infrastruktur, sondern gleich der gesamten Volkswirtschaft. Viele Milliarden Dollar will er explizit für grüne Infrastruktur ausgeben, zum Beispiel für neue Stromnetze und Ladesäulen. Für E-Auto-Batterien ist Lithium nötig, für Solarpaneele Silizium – und ohne das feuerrote Kupfer kommt keine Stromleitung aus. Während Energierohstoffe wie Kohle oder Öl zunehmend out sein dürften, könnten vor allem Industriemetalle künftig gefragt sein, so die Idee vieler Anleger.

Auch Kupfer ist wieder gefragt

Das silbrig glänzende Lithium ist zum Beispiel fester Bestandteil vieler E-Auto-Batterien. Zehn Kilogramm des leichtesten Metalls der Welt stecken in einer handelsüblichen Autobatterie und treiben die Nachfrage. Schon jetzt wandern 65 Prozent des Lithiumangebots in Batterien, in den vergangenen zehn Jahren hat sich dieser Anteil verdreifacht. “In Europa soll sich der Bedarf an Lithium bis 2030 verachtzehnfachen”, sagt Vermögensverwalter Manfred Rath von der KSW Vermögensverwaltung aus Nürnberg.

Auch am Kupfermarkt ist eine bislang unbekannte Euphorie zu spüren, manche bezeichnen das Metall gar wieder als “rotes Gold”. Da das unscheinbare Kupfer extrem gut leitet, steckt es in fast jedem Kabel oder Leiterplättchen. Während ein klassischer Mittelklasse-Verbrenner nur rund 25 Kilogramm Kupfer enthält, können in einem E-Auto schnell 83 Kilo stecken, auch für Solarstrom ist bis zu zwölfmal mehr Kupfer notwendig als für fossilen Strom. Es sind solche Statistiken, die Anleger buchstäblich elektrisieren.

Neue Windkraftwerke und Solarpaneele, Ladesäulen und Stromnetze könnten Kupfer zum Schlüsselelement der Energiewende machen. Allein die Solar- und Windfirmen dürften bis 2035 ihre Kupfernachfrage mehr als verdoppeln, schätzt die EU-Kommission. Während vor zehn Jahren nur fünf Millionen Tonnen Kupfer im Jahr bestellt wurden, sind es 2020 bereits 25 Millionen Tonnen gewesen. Bis zum Ende der laufenden Dekade dürften drei Millionen Tonnen dazukommen, jedes Jahr. “Das spricht für hohe Kupferpreise”, sagt Anlageexperte Stefan Breintner von der Fondsgesellschaft DJE.

Viele Banker sprechen bereits von einem “Superzyklus”: Nicht nur vier, fünf Jahre könnten die Preise steigen wie in einem normalen Konjunkturaufschwung, sondern sich 20, 30 oder 40 Jahre wie in einer Spirale immer weiter nach oben schrauben. Die Nachfrage nach den Rohstoffen der Zukunft wächst derzeit schließlich rasant – und trifft obendrein oft auf ein angeschlagenes Angebot. Da die Rohstoffpreise in den vergangenen Jahren vor sich hindümpelten, haben sich viele Bergbaukonzerne mit Investitionen auffällig zurückgehalten. Bis neue Abbaustätten tatsächlich Metalle wie Kupfer fördern, kann es Jahre dauern, manchmal bis zu einer Dekade. “Die Folge sind Angebotsdefizite und über Jahre stetig steigende Rohstoffpreise”, sagt Berenberg-Bankier Kemper.

Dass die Wundererzählungen von Rohstoffrekorden und Superzyklen allerdings keine Zwangsläufigkeit sind, zeigt nichts so gut wie die Geschichte der “seltenen Erden”. Hinter dem verlockenden Namen stecken Metalle mit unaussprechlichen Namen wie Praseodym, Terbium oder Neodym, das zum Beispiel extrem magnetisch ist und daher in Windturbinen Anwendung findet.

Als die Preise vor rund zehn Jahren in die Höhe schossen, legten viele Banken Investmentprodukte auf und warben mit den hochschnellenden Kursen. Doch viele der seltenen Erden sind weniger selten, als es der Name nahelegt. Verantwortlich für den Preisrausch war bloß ein Exportstopp der Chinesen, die bei einigen der Seltenen Erden einen dominanten Marktanteil beherrschen. Als die Pekinger Führung ihre Exportregeln später wieder lockerte, kollabierten die Preise, wenige Jahre später stampften viele Banken ihre Anlageprodukte ein – und bescherten den Anlegern mitunter herbe Verluste.

Bislang war bei dieser Anlageform Skepsis angebracht

Verbraucherschützer halten sowieso nicht viel von Spezialrohstoffen, Anleger sollten ihrer Meinung nach allenfalls fünf bis zehn Prozent ihres Depots in Rohstoffe investieren. Die Zahlen stützen ihre Skepsis: So hat Finanzberater Gerd Kommer berechnet, dass Anleger in den vergangenen 51 Jahren mit einem Korb aus 28 Rohstoffen nach Abzug der Inflation jedes Jahr rechnerisch rund 1,1 Prozent Verlust eingefahren hätten.

Wer trotz solcher Warnungen in die vermeintlichen Rohstoffe der Zukunft investieren will, hat mehrere Möglichkeiten. Sogenannte Exchange Traded Commodities (ETCs) sollen dem Preis eines Rohstoffs nahezu eins zu eins folgen. Anbieter wie Wisdom Tree, Xtrackers, BNP Paribas und iShares bieten inzwischen einige solcher Produkte auf Rohstoffe wie Kupfer, Nickel, Palladium oder Platin an.

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Auch wenn das Prinzip einfach klingt, bergen ETCs gleich zwei Fallen. Die meisten Anbieter kaufen die Rohstoffe nicht wirklich tonnenweise an, sondern erwerben sogenannte Rohstoff-Futures. Diese Finanzpapiere geben ihnen das Recht, sich den Rohstoff theoretisch später einmal ausliefern zu lassen. Das Problem: Jeder Future hat eine begrenzte Laufzeit. Laufen die Kupfer-Papiere des ETC zum Beispiel im Dezember aus, muss der Anbieter neue Kupfer-Futures für einen späteren Zeitpunkt kaufen. Liegt der Preis des neuen Futures höher, macht der Anbieter allerdings einen gewissen Verlust, der sich mit der Zeit summieren kann. Zudem sind ETCs rechtlich sogenannte Inhaberschuldverschreibungen. Geht der Anbieter pleite, kann das Geld der Anleger weg sein.

Wer will, kann stattdessen auf aussichtsreiche Firmen setzen, die mit den Rohstoffen der Zukunft zu tun haben. So hat der Anbieter L&G in seinem Produkt “Battery Value Chain ETF” die ganze Produktionskette von E-Auto-Batterien zusammengefasst: Neben Bergbauunternehmen finden sich hier Batteriezellen-Fertiger, aber auch die entsprechenden Autohersteller. So sind unter den größten Positionen zum Beispiel der Lithium-Förderer Pilbara Minerals, der chinesische Batteriehersteller BYD, aber auch E-Auto-Pionier Tesla gelistet.

Als aktiv gemanagten Fonds, können Anleger über den “Robeco Sam Smart Materials” nachdenken. Dieser Fonds will vor allem in Unternehmen investieren, die angesichts der Rohstoffknappheit auf clevere Ideen kommen. So können intelligente Roboter die Abläufe in Fabriken effizienter machen, sodass weniger Rohstoffe vergeudet werden. Andere Unternehmen wiederum recyceln nicht nur PET-Flaschen, sondern selbst Metalle. Und ausgewiesene Vorreiter arbeiten bereits an der Kreislaufwirtschaft, die Materialien viele Male aufbereiten und wieder einsetzen soll.