Kaminkehrermeister denn Glücksbringer z. Hd. kranke Kinder

Meist sind es 5000 Euro pro Kind – je nachdem, welche Wünsche erfüllt werden sollen. Der aus Seeon stammende Kaminkehrermeister hat sich zu einem Glücksbringer entwickelt, der Kindern, die nicht vom Schicksal begünstigt sind, ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Nun besuchten wir den »Ruaß«, wie er allgemein genannt wird, in seinem Haus in Freilassing, wo er mittlerweile lebt.

Dass er nach der Schulzeit eine Kaminkehrerlehre antreten musste, bestimmte der Vater, denn der mit ihm befreundete Seeoner Kaminkehrer Hans Kaiser suchte einen Lehrling. »Ich war todunglücklich und habe an meinem ersten Arbeitstag geweint«, erinnert sich Mußner, denn Traumberuf war das damals keiner. Seine Klassenkameraden wollten Mechaniker, Postler oder Elektriker werden – das waren damals, 1976, angesagte Berufe.

Kaminkehrer wurde sein Traumberuf

»Nach einer Woche war ich dann der glücklichste Mensch auf der Welt«, erzählt er schmunzelnd, denn die Tätigkeit machte ihm viel Spaß. »Ich könnte mir auch heute keinen schöneren Beruf vorstellen. Nach der Lehrzeit arbeitete er als Geselle in Wasserburg, blieb seiner Seeoner Heimat aber treu. Er spielte hier und später beim TSV Altenmarkt Fußball und war ein nur schwer bezwingbarer Torhüter. Dieses Hobby setzte er beim ESV Freilassing fort, als er 1990 den dortigen Kehrbezirk als selbständiger Bezirkskaminkehrermeister zugewiesen bekam. Fünfmal die Woche war er am Sportplatz, und erst als er schon über 40 war, hängte er die Fußballschuhe an den Nagel.

Der Spitzname ist ihm geblieben

Kurz nachdem er den Bezirk übernommen hatte, bekam er auch seinen weithin bekannten Namen verpasst: Am Dreikönigstag 1990 hatte ihn die Freiwillige Feuerwehr zum Weißwurstessen eingeladen. Kommandant Helmut Müller stellte ihn mit den Worten vor: »Das ist der neue Ruaß von Freilassing.« Der Spitzname ist ihm geblieben. Durch Zufall kam er auch zu seinem Engagement für behinderte und kranke Kinder. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Thaddäus ein leidenschaftlicher Angler ist und schon in Kanada, Alaska und Sibirien beim Fischen war. Mehrere Präparate von kapitalen Hechten, Forellen und Lachsen in seinem Haus geben Zeugnis davon. Es war nach einem Preisfischen an einem Baggerweiher bei Freilassing, als er bei einigen Halben Bier mit dem damaligen Bürgermeister Josef Flatscher ins Gespräch kam. Der wollte in seiner Stadt etwas Besonderes zu Silvester organisieren. »Da könnten wir Kaminkehrer einen Umzug machen und Glühwein für einen wohltätigen Zweck ausschenken«, sinnierte Mußner. Gesagt, getan: Er trommelte 30 Berufskollegen zusammen, die sich in den Dienst der guten Sache stellten.

Die Aktion wurde ein überwältigender Erfolg: 20.000 Mark kamen zusammen, mit denen man vier behinderten Kindern Herzenswünsche erfüllte. Die gute Sache nahm Fahrt auf: zwei Jahre später nahmen schon 200 »schwarze Männer« teil und sammelten 68.000 Euro Spenden. 2004 feierte Freilassing den 50. Jahrestag der Stadterhebung. 400 Kaminkehrer folgten der Einladung vom Ruaß, darunter Berufskollegen aus Österreich, Schweden und anderen Ländern. 122.000 Euro kamen für behinderte und krebskranke Kinder zusammen. Unterstützt wurde damit auch das behinderte Kind eines Schornsteinfegers aus Coburg. Und das war die Initialzündung für eine neue Spendenaktion, die bisher mehr als drei Millionen Euro eingebracht hat. Der Coburger gründete die »Glückstour Schornsteinfeger«. Rauchfangkehrer aus ganz Deutschland treffen sich eine Woche vor dem Bundesverbandstag dieses Berufsstands in einer bis zu 1000 Kilometer vom Tagungsort entfernten Stadt und radeln dann in Tagesetappen zur Bundestagung. In jedem Ort, in dem sie übernachten, sammeln sie Geld für den guten Zweck.

Den Ruaß freut das ganz besonders, denn auf dem Bundesverbandstag stiftet er zum Erlös dieser Aktion immer noch das Geld dazu, das er im Laufe des Jahres in Freilassing und Umgebung eingesammelt hat. Dieses Jahr beim Bundesverbandstag in Mainz waren es immerhin 18.000 Euro. Was sind das für Menschen, die ihm das Geld geben? Heuer haben zwei ältere Damen unabhängig voneinander jeweils 1000 Euro beim Ruaß vorbeigebracht; die eine mit dem Kommentar, damit die Erben nicht alles bekommen, die anderem mit dem Hinweis, sie habe ihr Haus verkauft und mehr Geld dafür bekommen, als sie erwartet habe. »Das Vertrauen der Leute beeindruckt mich«, gesteht Mußner. Nicht einmal eine Quittung wollten die Damen haben.

Ein schöner Brauch ist es auch, dass Mußner jedes Jahr an Silvester die Bewohner des Mozartstifts in Mitterfelden besucht und jedem einen Glückspfennig in die Hand drückt. Die Glücksmünzen werden ihm nicht so schnell ausgehen. Als zur Jahrtausendwende die D-Mark dem Euro weichen musste, da beschaffte er sich bei der örtlichen Raiffeisenbank für 1000 Mark Ein-Pfennig-Münzen. »Als ich die heimgefahren habe, musste ich Angst haben, dass mein Auto auseinanderbricht«, erinnert er sich schmunzelnd. Eine weitere Einnahmequelle zum Auffüllen des Spendentopfs: Bei Hochzeiten steht er Spalier, wenn ihn Brautleute anfordern. Wieviel sie dafür spenden, ist für ihn nicht so wichtig. »Hauptsache, es kommt von Herzen«, sagt Thaddäus Mußner.

Er war beim Empfang im Schloss Bellevue

In einer Reihe dicker Ordner hat er seine Aktionen dokumentiert. Da sieht man auch Fotos, auf denen er mit dem damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und dessen Frau Karin plaudert oder eine Aufnahme aus dem Jahr 2010. Da hat ihn der damalige Bundespräsident Horst Köhler zum Empfang für verdiente, ehrenamtlich tätige Mitbürger nach Berlin ins Schloss Bellevue eingeladen. »Ich war der erste Kaminkehrer, der jemals an diesem traditionsreichen Empfang teilnahm«, erzählt der Ruaß stolz.

Vor etlichen Jahren hat ein Herzinfarkt seinem Tatendrang Grenzen gesetzt. Den »Warnschuss« hat er wohl vernommen. Ganz lassen kann es der Ruaß aber noch nicht. Wie sonst könnte man es verstehen, dass er die jetzige Coronalage bedauert, weil deshalb Wohltätigkeitsaktionen um die Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel ausfallen müssen. Aber wenn jemand trotz der außergewöhnlichen Situation etwas spenden will: Der Ruaß kommt gerne als »schwarzer Mann« und holt die Spende persönlich ab. Zu erreichen ist er unter der Telefonnummer 0171/7104204.

-K.O.-