Julia Schade, Programmleiterin von S. Fischer, ist Frankfurter Gesicht

In den dreißig Jahren, in denen Julia Schade sich professionell mit Büchern beschäftigt, hat sich das Verlagswesen beinahe komplett gewandelt. Manuskripte werden nicht mehr auf Papier, sondern auf dem Kindle gelesen, die Covergestaltung ist wichtiger als der richtige Titel, und noch entscheidender für den Erfolg eines Buches ist dessen Präsenz und die des Autors in den sozialen Netzwerken. Eines allerdings hat sich nicht geändert: Trotz aller Marktforschung bleibt die Einschätzung, welches Buch zum Erfolg führt, ungewiss. Das macht die Sache so spannend, dass die gebürtige Frankfurterin sagt: „Wenn ich in dreißig Jahren vielleicht an drei Tagen ungern zur Arbeit ging, war das viel.“

Dieser Arbeit geht Schade seit dem 1. Juli 2004 an der Hedderichstraße bei den S. Fischer Verlagen nach. Hier ist sie Programmleiterin für Unterhaltung, sowohl für Belletristik als auch für Sachbücher. Rund neunzig Titel im Jahr kommen unter ihrer Verantwortung heraus, lange im Voraus geplant; soeben wurde das Programm für den Herbst 2023 abgeschlossen.

In Hochzeiten werden an der Hedderichstraße dreißig Manuskripte am Tag geprüft. Neu in den digitalisierten Zeiten des Buchwesens ist unter anderem, dass die Verlage auf den Self-Publishing-Seiten nach den Autoren erfolgreicher Titel suchen, um sie dann in ihre Obhut zu nehmen. Natürlich kann Julia Schade längst nicht mehr unbefangen der Lektüre nachgehen: „Ich lese viel zu schnell.“

Tochter eines Fotografen aus dem Holzhausenviertel

Im Holzhausenviertel mit einer jüngeren Schwester als Tochter eines Fotografen aufgewachsen, besuchte die am 16. Mai 1958 geborene Schade das Lessing-Gymnasium, paukte Latein und Griechisch, studierte in Heidelberg aus Neigung Kunstgeschichte, Schwerpunkt 17. Jahrhundert. Ihre Dissertation beschäftigte sich mit einer Kirche in Siena, was einen dreijährigen Florenz-Aufenthalt bedingte. Weil sie sich für Sprache begabter hielt als fürs Sehen, begann sie – „das lag irgendwie nahe“ – bei einem Verlag. Der war auf Reisebücher spezialisiert, Schade lernte dort noch alles analog, vom Bilderformatieren übers Redigieren auf Papier bis zum Marketing.


Julia Schade ist Programmverantwortliche beim S. Fischer Verlag in Frankfurt.
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Bild: Frank Röth

Beim Verlag Gustav Lübbe in Bergisch-Gladbach kümmerte sie sich als Sachbuchlektorin um Titel, in denen es um menschliche Schicksale und deren Bewältigung ging. Der Wechsel nach Augsburg 1996 zu Weltbild war herausfordernd, der bayerische Menschenschlag und Schade passten nicht recht zueinander. Aber die Arbeit dort machte Spaß. Sie bestand unter anderem darin, im Weltbild-Verlag Eigenproduktionen solcher Titel umzusetzen, deren Erfolg sich im Katalog meist schon nach drei Tagen an den Verkaufszahlen abzeichnete.

Fünf Jahre Augsburg reichten, Schade ging zurück zu Lübbe, diesmal als Verlagsleiterin, doch gab sie nach drei Jahren dem Werben aus Frankfurt nach. Ihr Ehrgeiz und auch eine gewisse Sturheit helfen ihr in dem literarisch ambitionierten Verlag Thomas Manns und Alfred Döblins, die Fahne der Unterhaltung hochzuhalten – die Trennung zwischen U und E auch im Verlegerischen gebe es nur in Deutschland, sagt Schade bedauernd.

Die Rückkehr an den Main nach 26 Jahren tat ihr gut. Die Frau, die gern italienisch und französisch kocht, auf Spaziergängen Hörbücher genießt, geht hier ins Kino, ins Theater, in die Oper. Vor allem aber bleibt sie eine hellwache Beobachterin, denn als Buchfrau in der Unterhaltungssparte muss sie des Lebens ganze Fülle zur Kenntnis nehmen. Die Sache bleibt spannend: Am Ende entscheiden immer die Leser.