Jener Bartgeier kehrt zurück – Spektrum welcher Wissenschaft

Heute weiß man, dass sich Bartgeier als extreme Nahrungsspezialisten zu fast 90 Prozent von Knochen und Knochenmark tot aufgefundener Tiere ernähren. Haben es die anderen in Europa lebenden Geierarten Gänse-, Schmutz- und Mönchsgeier auf das Fleisch toter Tiere abgesehen, kommen die Bartgeier erst, wenn die Verwandten fertig sind. Sie verschlingen ganze Beine abgestürzter Schafe, Ziegen oder Gämsen in einem. Knochenmark hat einen hohen Fettanteil, und auch die Knochen selbst bestehen zu einem Viertel aus organischer Substanz, die die sauren Geiermägen locker verarbeiten können.

Make-up aus Eisenoxid

Ist ein Knochen zu groß zum Verschlucken, tragen die Geier sie hoch über eine Geröllfeld und lassen sie aus bis zu 80 Metern herunterstürzen. Im Trudelflug folgen sie den Knochen, um dann die Splitter aufzusammeln. Diese Eigenart hat ihnen den Beinamen »Knochenbrecher« eingebracht, der auch heute noch in spanischen Namen widerspiegelt.

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© Thomas Krumenacker (Ausschnitt)

Bartgeier im Flug | Die Tiere gehören zu den größten Vögeln Europas und leben vor allem in den Gebirgen von den Pyrenäen bis zur Türkei.

Weil Bartgeier wegen ihrer Nahrungsvorliebe anders als die Verwandten nicht tief in die blutverschmierten Körper toter Tiere eindringen müssen, haben sie auch ein normales Federkleid und nicht den aus Hygienegründen für Geier typischen unbefiederten Hals. Auf Farbe verzichten sie dennoch nicht. Die ursprünglich weißen Gesichts- und Halsfedern werden von den erwachsenen Geiern durch das Eintauchen in eisenoxidhaltigen Schlamm rostrot gefärbt. Lange wurde über die Gründe dafür gerätselt. Geierexperten glauben heute überwiegend, dass die intensive Rottönung eine Art Statussymbol gegenüber Artgenossen darstellt. So könne Überlegenheit signalisiert und Kräfte raubende Kämpfe vermieden werden. Darauf deutet auch hin, dass die Geier die besonders ergiebigen Gebirgsstellen mit tropfender Eisenoxidlösung offenbar vor anderen geheim halten.

Projekt mit guten Erfolgschancen

Vogelschützer und Nationalparkverwaltung haben sich lange überlegt, ob sie den Versuch der Wiederansiedlung der Bartgeier in Deutschland wagen sollen. »In einem Nationalpark haben wir zwar immer das Ziel, die Flora und Fauna zu komplettieren und der Bartgeier ist eine Schlüsselart des des hochalpinen Ökosystems«, sagt Schäffer. Auf der anderen Seite könne eine Einbürgerung nur dann mehr als ein Strohfeuer sein, wenn die Gründe beseitigt seien, die zum Aussterben einer Art geführt hätten. Um das zu klären, gab der LBV eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Darin attestiert der Biologe Toni Wegscheider dem Projekt gute Erfolgsaussichten. Es gebe einen sehr hohen Schalenwildbestand, bei dem ausreichend tote Tiere für die Aas fressenden Geier abfallen würden. Auch die sommerliche Weidetierhaltung in den Almregionen stelle reichhaltig Nahrung bereit, wenn Vieh verendet oder abstürzt.

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Auch andere Schlüsselfaktoren für eine Wiederbesiedlung der deutschen Alpen sieht die Studie als erfüllt an – allen voran die positive Stimmung gegenüber dem Vogel. »Direkte Verfolgung und ähnliche Gefährdungen sind zu vernachlässigen«, glaubt Wegscheider. »Beim Wolf liegen die Nerven blank, auf den Bartgeier freuen sich alle«, erzählt Schäffer von seinen Besuchen.

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© AGAMI stock / Getty Images / iStock (Ausschnitt)

Junger Bartgeier | Bartgeier färben später im Leben ihr Gefieder mit Hilfe von Eisenoxid rostrot. Die Intensität des Farbtons könnte dazu dienen, Nebenbuhler zu imponieren.

Voraussichtlich im Mai ist es so weit. Alles ist exakt durchgeplant: Den ausgewählten Junggeiern werden dann einige Schwungfedern gebleicht, um sie später wiedererkennen zu können, sie erhalten Satellitensender und dann schleppen Vogelschützer die Tiere in Holzkisten über steile Pfade in ihr neues Zuhause und setzen sie in die ausgewählte Felswand. Dort werden sie rund um die Uhr von einem Ornithologenteam bewacht, das in einem Bauwagen in Sichtnähe Quartier bezieht. Täglich werden die Geier bei Sonnenaufgang – für die Vögel nicht sichtbar – mit Knochen versorgt. Drei bis vier Wochen dauert es, bis die Geier durch Trockenübungen die Flugmuskulatur ausreichend gestärkt haben, um den ersten Flug in die Freiheit zu wagen.

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