Jene Dating-App will die Partnersuche vereinfachen – im gleichen Sinne zum Besten von Hochbegabte

DocuSign, Unsplash

Der Markt für Onlinedating und -Apps erlebt in der Corona-Krise einen Boom. Doch die digitale Suche nach einer Beziehung bleibt herausfordernd.

Ein Hamburger Informatiker hat mit „prtnr.me“ eine Dating-App auf den Markt gebracht, die das Nähebedürfnis und die Persönlichkeit potenzieller Partner zu Matching-Kriterien macht.

Integriert ist ein Feature für Mitglieder des Hochbegabtenvereins Mensa – es soll ihnen die Suche nach einem Partner auf „ähnlicher kognitiver Flughöhe“ erleichtern.

Flirt? Match? Oder Crush? Manchmal liegt die Liebe nur einen Swipe entfernt. Die Liebe — oder der Missgriff. Danijel Ilisin, 45, kennt das Spiel. Er hat sich gut informiert über die Welt der Dating-Plattformen und -Apps. Einerseits, weil er selbst immer wieder dort nach der einen Person suchte, die es sein könnte. Andererseits aus Interesse an der Sache: Er ist Softwareentwickler — und seit AOL-Zeiten an Internet-Plattformen interessiert.

„Den Dating-Markt beobachte ich seit 2000“, sagt er. „Das Konzept dahinter fand ich immer schlau.“ Singles könnten online auf viel mehr Kontakte zugreifen als etwa beim Besuch in einer Bar. „Auch das Vorfiltern nach Passung ist großartig.“ Problem nur: Nach der Quantität kommt die Qualität. „Die natürlich ebenfalls sehr wichtige Sache mit der Chemie ist ein anderer Aspekt“ sagt Ilisin. Und die frustrierte ihn zunehmend, je besser er die Plattformen kennenlernte.

„Tinder verwässert das Daten“

Ilisin, ein sportlicher Typ mit vielen Interessen, ist Idealist. Er ist ein Mensch mit guten Ideen, mit Visionen, er kann sich für Dinge begeistern. Spricht er von seinen Erfahrungen bei der Partnersuche, klingt aber Ernüchterung durch. Die Portale begannen zunehmend, ihn zu frustrieren.

Parship oder Friendscout wurden abgelöst von Tinder und den Swipes. „Plötzlich waren alle dort“, erinnert sich Ilisin, der auch schon längere Beziehungen hatte, die auf Portalen ihren Anfang nahmen. „Das Dating wurde mit Tinder schneller und oberflächlicher.“ Eine ernsthafte Beziehung finden? Schwer. „Ich hatte den Eindruck, Tinder verwässert das Daten.“ Registrierte User müssten dort zum Beispiel kaum mehr als ein Foto angeben. „Name, Alter, Foto — auf der Grundlage soll ich beurteilen, ob mir eine Person gefällt oder nicht?“ Für viele Leute okay. Für ihn nicht.

„Nur Foto, Alter, Name? So wird Dating zu einem Massengeschäft“

 „Die Leute wischen sich massenhaft durch Fotos. Viele Männer entwickeln merkwürdige Strategien, um überhaupt ein Match zu bekommen.“ Ein unverbindlicher Spaß, den keiner richtig ernst nehme, findet der Softwareentwickler. Je länger er darüber nachdachte, desto klarer war für ihn: Er wollte eine eigene Dating-App bauen. Eine, die anders ist, modern, clever gemacht, aber erschwinglich.

„Cool wäre eine App, dachte ich, die ein Hybrid aus Parship, Bumble und der US-Plattform OkCupid ist — mit guter Funktionalität und einem Algorithmus, der psychologisch ausgefeilt ist.“

Was er dazu brauchte, hatte Ilisin. Er programmierte schon als Kind und war nach IT-Ausbildung und Informatikstudium zehn Jahre in unterschiedlichen Funktionen als Entwickler und Manager tätig, zuletzt bei BCG Platinion. Weil er lieber autonom arbeitet, machte er sich 2010 selbstständig. Heute studiert er neben der Tätigkeit als Developer noch Psychologie.

Softwarentwickler Danijel Ilisin.

Danijel Ilisin

Online-Dating-Boom in der Pandemie

An Dating-Plattformen und -Apps mangelt es nicht. Von Parship und neu.de über Tinder, Lovoo, neu.de bis zu OKCupid reicht das Angebot. Der Zeitpunkt für Ilisins Entwicklung aber stimmt: Der Online-Dating-Sektor gewinnt in der Pandemie noch an Popularität. Menschen begegnen sich weniger, das Nachtleben ist passé. Fast 7 von 10 Nutzerinnen und Nutzern von Online-Dating-Diensten (67 Prozent) gaben in einer Umfrage an, sich in der Krise auch bei neuen oder anderen digitalen Dating-Diensten angemeldet zu haben.

Jeder dritte Nutzer (35 Prozent) loggt sich seit der Pandemie häufiger bei den Diensten ein als zuvor, ermittelte der Digitalverband Bitkom. 70 Prozent der Nutzer gaben außerdem an, ohne Online-Dating hätten sie während Corona keine neuen Leute kennengelernt.

Der Markt der Dating-Plattformen ist in Bewegung. Im Februar ging Bumble an die Börse. Bei dieser Dating-Plattform von US-Gründerin Whitney Wolfe Herd, die einst das Marketing von Tinder leitete, melden sich die Frauen zuerst bei den Männern. Auch Facebook hat ein neues Feature. Seit dem Herbst können User „Facebook Dating“ in der Facebook-App aktivieren.

„Die Erkenntnisse der Bindungsforschung in einen Algorithmus gießen“

In der Vielfalt der Angebote fehlte Danijel Ilisin vor allem psychologischer Anspruch. Sein Dating-Konzept sollte berücksichtigen, wie Menschen in einer Beziehung mit Emotionen umgehen. Er wusste von Anfang an, was er in sein Konzept integrieren wollte: den ängstlichen, den vermeidenden und den sicher-autonomen Bindungstyp. Die entwarf Amir Levine, ein Psychiater, auf Basis der Bindungstheorie von US-Psychoanalytiker John Bowlby.

Der ängstliche Typ braucht in einer Beziehung demnach viel Nähe und hat Verlustangst. Der vermeidende Typ geht bei aufkommender Nähe auf Abstand. Der sicher-autonome Bindungstyp kann Beziehungen langfristig führen und mit Problemen umgehen. „Levines Buch ‚Attached‘ beschreibt sie empirisch passgenau — das zu lesen, war mein Eureka-Moment,“ sagt Ilisin. „Diese Erkenntnisse wollte ich in einen passenden Matching-Algorithmus gießen.“

Nähebedürfnis und Bindungstyp seien zu wichtig, um sie als Kriterien bei der Wahl eines Dates außen vor zu lassen, findet er. Denn träfen sich Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, komme es zu Konflikten und Trennungen. Also integrierte Ilisin einen wissenschaftlich validierten, aus 36 Fragen bestehenden psychologischen Test. „Wer ihn bei der Registrierung wahrheitsgemäß ausfüllt, ermittelt seinen eigenen Bindungstyp — und sieht bei späteren Matching Scores, wie gut man zum Bindungstyp potenzieller Partner passt.“

Passende

Passende „Matches“ in der App.

Danijel Ilisin, prtnr.me

„Kein Algorithmus setzt einem irgendwen vor die Nase, den man ‚swipen‘ muss“

Drei Monate brauchte Ilisin für die Programmierung der App. Arbeitete am Frontend, erstellte ein Backend mit Datenbank, schuf Schnittstellen für die Übertragung von Informationen auf mobile Endgeräte. Die Entwicklung der iOS-App war Neuland. „Da fing ich bei Null an, brachte es mir autodidaktisch selbst bei.“ Mitte Januar 2021 war dann soweit: Die Dating-App „prtnr.me“ war startklar. Inzwischen kann sie jeder iPhone-Nutzer im App-Store herunterladen, kostenlos.

„Die App ist ein Blend aus Parship und Bumble“, sagt Ilisin. Technische Eigenschaften der Plattform: kein Tracking, verschlüsselte Daten, deutsche Server. Datenschutz ist Ilisin extrem wichtig. Neben dem psychologischen Eingangstest und dem Matching Score ist ein Selbstbeschreibung in Textform Pflicht. „Es gibt auch kein ‚Wegswipen‘ in der App“, sagt Ilisin. „User können aktiv entscheiden, ob sie einen Menschen liken, disliken oder nicht ‚bewerten‘. Sie können ein ‚dislike‘ aber auch wieder zurücknehmen.“ Das sei maximale Freiheit. „Kein Algorithmus setzt einem irgendwen vor die Nase, den man dann ‚swipen‘ muss.“

Inaktive Chats auf prtnr.me laufen nach 99 Stunden automatisch aus. „So kann man bei ernsthaftem Interesse besser dranbleiben, es verhindert Funkstille.“ Ausbleibende Antworten in Chats könnten zahlreiche „tote“ Chats in der Chatübersicht erzeugen. „Das wirkt schnell deprimierend.“

Weitere Matching-Kriterien bei prtnr.me: Kinderwunsch und Ernährung

Andere Kriterien für Matches auf prtnr.me sind Kinderwunsch und Ernährung. „Wünscht sich eine Person Kinder, der oder die andere aber nicht, kann das Sprengstoff bedeuten.“ Ein Match zwischen einem strikten Veganer und einer Person, die das Grillen liebt, sei ebenfalls schwierig, findet Ilisin. „Es gibt bei mir Möglichkeiten, danach zu filtern, damit nicht nachher in einer Partnerschaft so zentrale Themen verhandelt werden müssen.“ Streitpunkte seien sie aber nicht für jeden.

Weitere Kriterien, die die App berücksichtigt, sind Hochsensibilität und Elemente aus der Persönlichkeitsdiagnostik. Außerdem gibt es eine Community: Hier fragt Ilisin die Nutzer nach Feedback, Wünschen an die App oder Bugs. Wer will, kann auf prtnr.me auch mehr als sich im Bild zeigen: sein Haustier, seine Kunst oder Hobbies.

Beispiel für ein Profil auf prtnr.me.

Beispiel für ein Profil auf prtnr.me.

Danijel Ilisin, prtnr.me

Besonderes Feature: Partnersuche für Mitglieder des Hochbegabten-Vereins Mensa

Und es gibt noch ein verstecktes Feature in der Dating-App. Ilisins größte Kritiker waren zum Start auch seine größte Nutzergruppe: Menschen, die wie er hochbegabt und Mitglied im Verein Mensa sind. „Ich wusste, dass viele dort jemand auf ähnlicher kognitiver Flughöhe suchen“, sagt er.

Hochbegabte hätten zwar seiner Meinung nach generell kein größeres Problem als andere, einen Partner zu finden. „Ich glaube aber, dass es für sie schwerer ist, jemand Ähnliches zu finden, mit dem man sich auch noch ungebremst austauschen kann“, sagt Ilisin. Also verbaute er eine Technologie, über die sich verifizierte Mitglieder von Mensa in der App ‚finden‘ können. „Das ist aber für andere weder sichtbar noch nutzbar. Ich wollte keine Plattform nur für Nerds. Jeder soll die App nutzen können.“

Bald will Ilisin die magische Grenze von 1.000 Nutzern knacken. „Das bringt noch mehr Zugkraft.“ Noch sei prtnr.me ein „Underdog“. Geld verdient Danijel Ilisin damit nicht. Bis alles rund läuft, schafft er eine wichtige technische Erweiterung: Die App läuft noch nicht auf Android-Smartphones. „Geschätzte 60 bis 80 Prozent der möglichen User haben kein iPhone und können prtnr.me aktuell noch nicht nutzen.“ Daran arbeitet er gerade noch. Ist das dann geschafft, kann der Frühling kommen.   

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