It’s the Wirtschaft der Welt, stupid – Wirtschaft

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Als vor einem Jahr Corona ausbrach, wussten es manche schnell ganz genau: Die Globalisierung ist schuld! Sie folgerten aus der Furcht, es werde an Schutzmaterial fehlen, man müsse die deutsche Wirtschaft komplett umkrempeln. Und am besten alles selber produzieren, statt auch zu importieren und exportieren. Ein Jahr später zeigt sich: Ohne Exporte würde die Bundesrepublik so tief im Corona-Loch stecken, dass massenweise Arbeitsplätze wegfielen. Was es braucht, ist ein differenzierter Blick auf die Globalisierung.

Ja, eine Pandemie führt den Menschen vor Augen, dass manche Güter zentraler sind als andere. Es spricht viel dafür, dass der Staat lebenswichtige Medikamente und Schutzgeräte im Auge behält. Im Notfall sollten Lieferungen aus dem eigenen Land oder befreundeten Staaten gesichert sein. Von einer aggressiven Weltmacht wie China abzuhängen, die über die Versorgung nach politischem Kalkül entscheidet, ist keine gute Idee.

Alles selbst produzieren? Das wäre das Ende der deutschen Exportweltmeisterei

Es wäre aber falsch, diese Autarkie auf das Wirtschaften insgesamt auszudehnen. Was geschieht, wenn die Bundesrepublik alle Waren für ihren Bedarf selbst herstellt und ausländische Produkte an der Grenze blockiert? Zum einen zahlt der Konsument für alles, was in Deutschland teurer hergestellt wird, mehr. Mittelschicht und Ärmere müssten auf einiges verzichten, was sie sich heute leisten können. Zum zweiten werden andere Staaten die Importblockade auf gleiche Weise beantworten. Das wäre das Ende der deutschen Exportweltmeisterei.

In so einer Welt, in der das meiste für den Alltagsbedarf regional produziert wird, haben die Menschen Jahrtausende gelebt. Es waren Jahrtausende der Armut. Nur durch Industrialisierung und Handel kam der Westen zu Wohlstand. Das geschah erst in den vergangenen 150 Jahren, eine kurze Zeitspanne der Geschichte. Diesen Fortschritt sollten die Deutschen nicht für eine romantische Verklärung nationalen Wirtschaftens opfern.

Von den Deutschen würde eine Renationalisierung besondere Opfer fordern. Unsere Wirtschaftsleistung besteht fast zur Hälfte aus Exporten. Wie zentral diese Ausfuhren sind, erleben die Bundesbürger in der Pandemie. Nur weil die Industrie exportiert, wächst die Wirtschaft wieder. Die allermeisten Jobs bleiben erhalten. Es ist die Weltwirtschaft, die diese Jobs erhält.

Dies ist eine wertvolle Erkenntnis für ein Land, in dem sich Exportkritik breitmacht. Handelsverträge wie Mercosur mit Südamerika oder TTIP mit den USA werden ohne Differenzierung verdammt. Damit gefährden die Kritiker die Basis unseres Wohlstands. Der frühere US-Präsident Bill Clinton veranschaulichte die Bedeutung der Wirtschaft mit dem Diktum: It’s the economy, stupid. Auf Deutschland bezogen, müsste der Satz lauten: It’s the world economy, stupid. Ohne die Weltwirtschaft wäre Deutschland ein armes Land.

Die Deutschen können asiatischen T-Shirt-Arbeitern mehr zahlen

Das bedeutet nicht, dass eine schrankenlose Globalisierung richtig wäre. Deutsche Fabriken haben gerade Probleme, weil Europa die Herstellung von Chips weitgehend aufgegeben hat und jetzt die Lieferungen von weiter her stocken. Es ist daher zum Beispiel richtig, Europas Chipindustrie mit Staatsgeld zu revitalisieren. Eine solche Industriepolitik sichert nicht nur den Nachschub unverzichtbarer Teile, sie schafft auch gut bezahlte Arbeitsplätze.

Außerdem sollten die Deutschen überlegen, ob sie nicht manche Ware aus dem Ausland zu billig bekommen, weil andere den Preis dafür zahlen. Es müsste ein größeres Thema sein, was alles mit Kinderarbeit oder was sehr klimaschädlich hergestellt wird. Die wohlhabenden Deutschen können es sich auch leisten, asiatischen T-Shirt-Arbeitern und afrikanischen Kaffeepflanzerinnen mehr für ihre Schufterei zu zahlen. Eine gute Globalisierung ist auch verantwortungsvoll.