Italien avanciert vom Schlusslicht Europas zur Konjunkturlokomotive – Wirtschaft

Italien erlebt einen magischen Augenblick. Aus den Fabriken des zweitgrößten europäischen Fertigungslandes von Industriegütern erhebt sich ein Chor der Hurra-Rufe. In vielen Unternehmen jubelt man über einen “phänomenalen Aufschwung”, über “einzigartige Chancen” und “unvorhergesehene Wachstumstreiber”. Wohlgemerkt: Es ist mehr als nur eine Erholung nach dem Absturz im vergangenen Jahr, als die Wirtschaftskraft um 8,9 Prozent einbrach. Der Vertrauensindex der Industrie ist mit 116,3 Punkten auf den höchsten Stand seit seiner Einführung im März 2005 gestiegen.

Das außerordentliche Stimmungshoch resultiert aus einer Traumkonstellation. Italien, das ewige Schlusslicht Europas, avancierte zur Konjunkturlokomotive des Kontinents. In Rom ist Mario Draghi im Amt. Seine stabile Regierung arbeitet ein gewaltiges Aufgabenpensum ab. So konnte das römische Finanzministerium am Freitag frühzeitig die erste Tranche der 191 Milliarden Euro aus dem europäischen Aufbaufonds kassieren. Und aus Tokio kehrte das italienische Olympia-Team mit einer Rekordausbeute von 40 Medaillen ins Land der Fußball-Europameister zurück. Die von manchen schon abgeschriebene Nation zerstört viele Klischees. Wirtschaft, Politik, Sport – plötzlich zieht das Krisenland bewundernde Blicke auf sich. Italien. Ein Sommermärchen.

Noch staunen die Italiener über ihre lang vermisste Leichtigkeit. Das ausgelaugte, verzagte und wütende Land scheint Selbstvertrauen gefasst zu haben. In Europa wächst es am kräftigsten und kickt am erfolgreichsten. In der Leichtathletik stellt es den schnellsten Sprinter, die schnellste 4-mal-100-Meter-Staffel, den besten Hochspringer und die flotteste Geherin. Die Olympia-Erfolge stellten das Selbstbild der Nation auf den Kopf. “Wir sind nicht mehr diejenigen, die keinen Teamgeist haben und desorganisiert sind”, berichtete die Tageszeitung Corriere della Sera. Der italienische Sport habe sich verändert, weil sich das Land gewandelt und sich der modernen Welt angepasst habe. Der Sommer jedenfalls verschaffte Italien ein Aha-Erlebnis: Sieh an, mit Einsatz und Können ist ein Wiederaufstieg möglich.

Auch die Wirtschaft zeigt sich in Hochform. Im zweiten Quartal wuchs sie überraschend stark um 2,7 Prozent. Damit ist Italien bereits nach den ersten sechs Monaten ein Jahreswachstum von mindestens 4,8 Prozent sicher – die beste Ausgangslage in der EU. Ein Plus von knapp 6 Prozent ist 2021 in greifbarer Nähe. Wichtiger noch: Die Forscher gehen von einem tragfähigen Trend aus. Mit einer Wachstumsprognose von 4,4 Prozent für das kommende Jahr rangiert Italien unter den G-20-Ländern an fünfter und unter den G-7-Ländern an zweiter Stelle. Eine Sensation. In der Dekade vor dem Ausbruch der Pandemie wuchs die Wirtschaft im Durchschnitt um 0,4 Prozent.

Das Vertrauen der Unternehmer hängt von einer einzigen Person ab: von Mario Draghi

Jetzt wittern die Unternehmer die Chance zu einem Neustart. Ihre Zuversicht ist für den schwierigen Reset fundamental. Nur: Ein Selbstläufer ist sie nicht. Sie muss fortwährend alimentiert werden. Und das ist ein heikler Punkt, denn bisher hängt das Vertrauen von einer einzigen Person ab: von “Super Mario” Draghi.

Der frühere EZB-Chef verblüfft mit einem formidablen politischen Instinkt. Er nagelt die Parteien in der Realität fest und machte die Pragmatik zum Maß allen Regierungshandelns. Italien lenkte er so auf eine neue Bahn. Zum Abschluss ihrer ersten sechs Monate Amtszeit setzte die Regierung den digitalen Impfpass und die wegweisende Justizreform durch.

Der Reformmarathon steht aber erst am Anfang. Nach der kurzen Sommerpause stehen eine komplexe Steuer- und eine umstrittene Wettbewerbsreform an. In Rom liegt ein Investitionsplan mit 256 Ausgabenkapiteln und 526 Zielvorgaben bereit, die sukzessive bis zum 30. Juni 2026 erfüllt werden müssen, um die EU-Milliarden zu empfangen. Das bedeutet: Nach der fulminanten Solovorstellung, die Draghi mit einer Handvoll Getreuer hingelegt hat, beginnt eine neue Phase. Die Renaissance Italiens lässt sich nicht im Alleingang festigen. In Zigtausenden Amtsstuben muss ein neuer Geist einziehen. Die Flaschenhälse der wirtschaftlichen Entwicklung müssen überall im Land geöffnet werden. Das Ziel ist weit entfernt, doch Italien war nie auf einem besseren Weg dorthin.

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