Ist AstraZeneca gefährlich? Dasjenige sind die wissenschaftlichen Hintergründe


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Das Bundesgesundheitsministerium hat mitgeteilt, dass in Deutschland vorerst nicht mehr mit AstraZeneca geimpft wird. Dabei wurde auf eine aktuelle Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts zu notwendigen weiteren Untersuchungen verwiesen.

Mehrere Länder hatten zuvor aufgrund von Meldungen über einzelne Fälle von Blutgerinnseln nach der Impfung jene mit dem Vakzin von AstraZeneca/Oxford vorübergehend ausgesetzt.

Zunächst hatte die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) keine Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen den Thrombosen und der Impfung gesehen.

Die Impfungen mit AstraZeneca werden in Deutschland vorerst gestoppt. Das Bundesgesundheitsministerium teilte am Montag mit, dass das Vakzin erstmal nicht mehr zum Impfen genutzt werde. Dabei wurde auf eine aktuelle Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) zu notwendigen weiteren Untersuchungen verwiesen.

Grund ist ein möglicherweise erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln und Thrombosen der Hirnvenen im Zusammenhang mit dem Wirkstoff. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde dann entscheiden, „ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken“. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte auf einer Pressekonferenz dazu, dass es wichtig sei, der fachlichen Empfehlung des PEI zu folgen, um das Vertrauen in der Bevölkerung zu erhalten.

Zuvor hatten mehrere Länder wie Dänemark, Norwegen, Bulgarien, Island, Thailand, die Niederlande, Irland und Italien beschlossen, die Impfung bis zum 29. März zu stoppen. Es waren vereinzelt Fälle von Blutgerinnseln nach der Impfung aufgetreten, einige davon führten zum Tod der Betroffenen. 

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat den Impfstopp für das Präparat von AstraZeneca als „großen Fehler“ bezeichnet. „Das schafft nur große Verunsicherung und Misstrauen in einer Situation, in der es auf jede Impfung ankommt“, sagte Lauterbach der „Rheinischen Post“ (Dienstag). Besser sei eine Prüfung bei laufenden Impfungen. „Ich kenne keine Analysen, die ein Aussetzen rechtfertigen würden“, sagte der SPD-Politiker und Epidemiologe. Das Risiko einer Thrombose läge „in der Größenordnung von 1 zu 100.000 oder weniger“ und scheine im Vergleich zu Ungeimpften nicht erhöht zu sein.

Gesundheitsminister Spahn sprach von sieben Fällen von Hirnthrombosen bei 1,6 Millionen Impfungen

Das Pharmakovigilance Risk Assessement Committee, welches bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) für die Bewertung und Sicherheit von Humanarzneimitteln verantwortlich ist, hatte zunächst gesagt, dass es keinen Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Risikosignal und der Impfung gäbe. Dies meldete in der vergangenen Woche die EMA. 

Die Anzahl der bisher gemeldeten Fälle im europäischen Wirtschaftsraum stelle keine Häufung gegenüber dem Vorkommen in der Gesamtbevölkerung dar. Gesundheitsminister Spahn sprach von sieben Fällen von Hirnthrombosen bei 1,6 Millionen Impfungen.

Sogenannte Thromboembolien treten in Deutschland jedes Jahr circa ein bis dreimal pro 1.000 Personen auf. Sie sind daher ein sehr häufiges Ereignis, auch bei jungen Menschen. Hinzu kommen rund elf Millionen geimpfte Briten, die den Impfstoff bisher bekommen habe, die aber nach dem Brexit nicht mehr im Sicherheitssystem der EMA erfasst werden. In den Studien zu dem Impfstoff sind nach Auskunft der Entwickler Blutgerinnungsstörungen bisher nicht als unerwünschte Nebenwirkungen aufgetreten.

„…keine Hinweise, dass der Todesfall in Dänemark mit dem Impfstoff von Oxford/AstraZeneca in kausaler Verbindung steht“

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte am Freitag dazu gesagt, dass Meldungen wie diese sehr ernst genommen würden. Gleichzeitig sei aber wichtig zu betonen, dass nur eine Prüfung durch Experten klären könne, ab es sich bei auftretenden Problemen wie den Thrombosen tatsächlich um einen ursächlichen Zusammenhang handle — oder nur um einen zeitlichen.

Auch das in Deutschland als oberste Bundesbehörde für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut hatte in einer vorläufigen Bewertung gesagt, es gebe bislang „keine Hinweise, dass der Todesfall in Dänemark mit dem Impfstoff von Oxford/AstraZeneca in kausaler Verbindung steht. In Übereinstimmung mit der EMA überwiegt aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts der Nutzen der Impfung die bekannten Risiken.“

Die aufgetretenen Ereignisse werden weiterhin auf mögliche Ursachen hin intensiv untersucht. Fest steht, dass eine Corona-Infektion selbst das Risiko für eine solche Thrombose drastisch erhöht. Rund 15 Prozent der Infizierten erleiden eine solche Thrombose. 

Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Charité in Berlin hatte in der vergangenen Woche zu unterbrochenen Impfungen gesagt: „Die ergriffenen Maßnahmen sind selbstverständlich als Vorsichtsmaßnahmen zu verstehen. Allerdings zeigte sich bislang auch nach Gabe von vielen Millionen Impfdosen des AstraZeneca-Impfstoffs zum Beispiel in Großbritannien keine Häufung von thrombotischen Ereignissen unter den Geimpften. Daher ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen eher nicht zu erwarten.“

Es sei wichtig und richtig, dass allen Ereignissen sehr sorgfältig nachgegangen wird. Das geschehe ja auch durch die zuständigen Behörden. Er sehe aber aktuell keinen Grund zur Sorge. „Aktuell erscheint es mir nicht zielführend über mögliche Pathomechanismen zu spekulieren, da ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und thromboembolischen Ereignissen nicht wahrscheinlich ist“, sagt er.

Schaden durch Aussetzen der Impfkampagne sei größer

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen an der München Klinik Schwabing erklärt: „Wenige, wenn auch als Einzelfälle immer bedauerliche Zwischenfälle im Rahmen der Vakzinierung mit dem Impfstoff der Firma AstraZeneca, AZD1222, sorgen derzeit für öffentliche Aufregung oder Verunsicherung: eine geimpfte Person starb zehn Tage nach Impfung an multiplen Thrombosen, eine andere Person erlitt eine Lungenembolie nach der Impfung, von der sie sich derzeit erholt. Zwei weitere Fällen von thromboembolischen Ereignissen mit einer spezifischen Impfstofflieferung dieser Vakzine (ABV5300) wurden bis zum 9. März 2021 berichtet.“

Trotzdem, sagt Wendtner, sei bereits jetzt Schaden gesetzt — „nicht durch den Impfstoff selbst, sondern durch eine Aussetzung der Impfkampagne in einigen europäischen Ländern wie Dänemark und Norwegen.“

Der Blick sollte sich seiner Meinung nach ins Vereinigte Königreich richten: 22 Millionen Menschen seien dort geimpft, viele davon mit dem Impfstoff von Oxford/AstraZeneca. Das Vakzin wirke so gut, dass Großbritannien dank dieses Serums inzwischen weniger Neuinfektionen und Patienten im Krankenhaus registriert habe — und hoffentlich bald aus der Pandemie herausfinden werde.

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