Investitionen in die Wirtschaft: “Einer muss in petto sein, mehr auszugeben” – Wirtschaft

Wie kommt eine Wirtschaft wieder ins Laufen? Wie bewältigt man den Strukturwandel? Die Antwort lautet: Investitionen, Investitionen, Investitionen. Das Sondierungspapier und die Koalitionsgespräche sind sich zumindest in dieser Hinsicht einig. Das macht Mut zur Hoffnung.

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Dass sich etwas tun muss, das ist spätestens seit Beginn der Coronakrise jedem klar. Was davor schiefgelaufen ist, darüber wird weniger diskutiert. Dabei leben wir seit 20 Jahren in einer Welt, die mit Marktwirtschaft wenig zu tun hat. Und das liegt nicht am „aufgeblähten Staat“. Nein, vielmehr haben wir die Unternehmen als treibende Kraft verloren, denn seit fast 20 Jahren wird nicht mehr investiert, sondern gespart.

Unternehmen sind keine treibende Kraft mehr

Zum Kern des Problems: In einer Geldwirtschaft, in der die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind, müssen jeglichen Überschüssen Defizite in gleicher Höhe gegenüberstehen. Um somit höhere Einnahmen als Ausgaben zu haben, also, um „zu sparen“, muss ein anderer bereit sein, mehr auszugeben als einzunehmen. Aggregiert man alle Akteure einer Volkswirtschaft, so ergeben sich für jedes Land vier Sektoren: der Staat, die Unternehmen, die privaten Haushalte und das Ausland. Die Frage ist nun: Welcher Sektor übernimmt die Rolle des Investors und gibt mehr aus als er einnimmt? In jeder Theorieschule wird angenommen, dass die Unternehmen diese Funktion übernehmen. Das bedeutet nicht, dass jedes Unternehmen ständig Verluste macht. Das ist unmöglich, denn irgendwann ist das Eigenkapital weg. Es geht darum, dass die Unternehmen auf aggregierter Ebene, das heißt als Sektor, positive Wachstums- und Zukunftsaussichten haben und daraufhin investieren. Wer sich beispielsweise die Zahlen der Start-Ups anschaut, wird feststellen, dass dort immer mehr Geld ausgegeben als eingenommen wird – und das ist bei dynamischem Wachstum völlig in Ordnung.

Früher war das anders: In Zeiten des Wirtschaftswunders wurde investiert

Werfen wir einen Blick auf die Salden der Bundesrepublik, so sehen wir, dass die Investorenrolle der Unternehmen zu Zeiten des Wirtschaftswunders in den 1950er und 1960er Jahren gegeben war. Staat und Haushalte konnten somit ohne Probleme Überschüsse erwirtschaften.

Im Gegensatz dazu stehen die Salden seit 1999 in einem krassen Kontrast. Die Unternehmen haben sich in die Rolle des Sparers begeben, der Staat gesellte sich seit 2011 dazu. Das Schuldenmachen wurde ins Ausland verlagert. In vielen anderen Ländern sehen wir seit der Finanzkrise dasselbe Muster: Die Unternehmen investieren nicht mehr – trotz massiver Steuersenkungen in den letzten 25 Jahren überall. Um wieder zu einer klassischen Marktwirtschaft zu werden, muss der Unternehmenssektor mittel- bis langfristig aus seiner Sparposition geholt und zum Investieren angeregt werden.

Der Staat muss Impulse setzen

Das geht nur über eine dynamische Nachfrage. Firmen werden nämlich nur dann investieren, wenn sie in Zukunft höhere Erträge daraus erwarten. In der gegenwärtigen Lage extremer Unsicherheit und der Notwendigkeit, massive Investitionen mit hohem Risiko zu stemmen, muss der Impuls in erster Linie vom Staat kommen – Schuldenbremse hin oder her. Da die Ausgaben des Staates den Einnahmen des Privatsektors entsprechen, verbessert dies die Wachstumsaussichten der Unternehmen, gibt ihnen Planungssicherheit und regt sie zu Investitionen an, um Kapazitäten auszubauen und ihre Produktionsweise umzustrukturieren.

Löhne müssen gemäß der Inflation steigen

Neben einer expansiven Fiskalpolitik braucht es zudem eine rigide Lohnpolitik. Das heißt, die Löhne müssen steigen gemäß dem Produktivitätswachstum und dem Inflationsziel. Dazu muss die Tarifbindung wieder gestärkt werden. Auf diese Weise wird den Unternehmen signalisiert: Nur wenn ihr investiert und eure Produktivität erhöht, werdet ihr langfristig profitabel sein. Die Aussichten auf höhere Erträge in der Zukunft regen die Unternehmen heute zu mehr Investitionen an.

Um es kurz zu fassen: Damit wir mittelfristig als klassische Marktwirtschaft durchgehen, was sicherlich auch im Sinne der FDP ist, brauchen wir eine klassisch sozialdemokratische Fiskal- und Lohnpolitik. Wenn die Ampel dies begreift, dürfte einer Zukunftskoalition nichts im Wege stehen.

– Der Autor ist als wirtschaftspolitischer Berater für die Vereinten Nationen in Genf tätig.

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