Interview mit ZSK: „Drosten ist dieser Punker dieser Wissenschaft“

Belltower.News: Die Pandemie jährt sich zum ersten Mal. Wann war euer letztes Konzert?
Joshi: Im Januar 2020 waren wir noch mit Anti-Flag auf Tour, in Österreich, Tschechien und in der Schweiz. Das sind gute Freunde von uns und das waren wahnsinnig tolle Konzerte. Am 25. Januar 2020 spielten wir das „Rock gegen Rechts“-Festival in der Nähe von Frankfurt am Main. Wir wären im März nach Japan geflogen und hätten in Tokio und Osaka gespielt. Wir waren gefühlt mit einem Bein schon wieder im Flugzeug. Und dann kamen langsam diese Nachrichten von einem neuen Virus und plötzlich war alles vorbei.

Wenn du gewusst hättest, dass dieses Konzert bis auf Weiteres das letzte sein wird, hättest du etwas anders gemacht?
Mich wahrscheinlich ganz krass betrunken.

Was macht eigentlich eine Punkband im Lockdown?
Wir hatten das Glück, dass wir bis zum Sommer 2020 eh nicht so viel geplant hatten. Wir wollten eigentlich ins Studio und in Ruhe die Songs für das neue Album fertig machen. Das war zunächst aufgrund des Lockdowns nicht möglich, also haben wir einfach weiter Songs geschrieben. Ende des Sommers konnten wir dann ins Studio und im Januar 2021 kam endlich das neue Album heraus.

„Ende der Welt“ heißt das neue Album. Wo bleibt dein Optimismus?
Der ergibt sich aus dem Albumcover. Wirklich! Es sehen alle immer nur die Vorderseite, weil die meisten Leute nicht das physische Produkt in den Händen haben. Vorne sieht man ein abstürzendes Flugzeug, man hat das Gefühl, die Welt schmiert auf ganz vielen Ebenen ab: Klimakatastrophe, Rechtsruck, Pandemie und so weiter. Auf der Rückseite sieht man aber eine große Palette mit vielen Kisten, die hoffnungsvollen Sachen symbolisieren. Und die wurden vorher noch mit einem Fallschirm abgeworfen und sind sicher gelandet: Das sind Sachen wie Menschenrechte, Demokratie, Tierrechte, Musik und so weiter. Damit wollen wir sagen: So aussichtslos manches gerade erscheint, passieren doch immer noch gute Sachen. Zum Beispiel die „Black Lives Matter“-Bewegung, dass die AfD bei den letzten Landtagswahlen Stimmen verloren hat, und auch die „Fridays for Future“-Kampagne, vor der ich großen Respekt habe.

Der „Black Lives Matter“-Bewegung habt ihr auf dem neuen Album den Song „No Justice“ gedwidmet. Im Refrain heißt es „No justice, no peace, no racist police“…
Und deshalb haben wir den Song auf Englisch gemacht. Der Titel ist der Slogan der Demos in den USA. Die Bilder von Polizeigewalt dort sind wirklich schockierend. Gleichzeitig ist es auch sehr beeindruckend, wie sich ganze Städte plötzlich zusammenfinden, über alle Spektren und Schichten hinweg, um zu sagen: Es reicht. Wir lassen es nicht mehr zu, dass hier jeden Tag Menschen erschossen werden, nur weil sie die „falsche“ Hautfarbe haben.

Im vergangenen Juli habt ihr „Ich habe Besseres zu tun“ veröffentlicht. Eine Hommage an den Charité-Star Christian Drosten. Eine unwahrscheinliche Ikone für die Punkszene: Warum war es euch wichtig, den Virologen mit einem eigenen Song zu würdigen?
Wir hören seit Beginn der Pandemie seinen Podcast, der wirklich super und informativ ist. Wir haben aber auch mitbekommen, wie krass er von Coronaleugner*innen, Nazis, „Reichsbürger*innen“ und AfD-Fans angefeindet wird. Einfach nur, weil er ein Wissenschaftler ist und schlaue Dinge sagt. Dann kam heraus, dass er selber Gitarre spielt, in einer Band war und in seiner Jugend Punk gehört hat. Nach der Hetzkampagne der Bild gegen Drosten wollten wir ihn unterstützen.

Stagedive im Bremen: Leider nicht besonders pandemiefreundlich.(Quelle: Matthias Zickrow)

Der Presserat hat die Bild-Zeitung inzwischen für ihren Umgang mit dem Virologen gerügt: Weil die Redaktion unsaubere Zitate und unbelegte Behauptungen abdruckte und Drosten kaum Zeit für eine Stellungnahme zu den tendenziösen Vorwürfen gab.
Eine Stunde Zeit hatte Drosten, auf die Anfrage der Bild zu reagieren. Er hat sich verweigert, denn er habe Besseres zu tun, wie er bekanntermaßen erwiderte. Das trauen sich nur die allerwenigsten: So viele Promis und Politiker*innen haben große Angst vor dieser Zeitung, sie haben das Gefühl, dass sie alles mitmachen müssen. Drosten ist der Punk der Wissenschaft. Seitdem schießt die Zeitung ganz krass auf ihn. Das war die Inspiration für unseren Song.

Ihr habt Drosten die Single persönlich überreicht. Gefällt ihm der Song?
Eigentlich hieß es, er sei im Urlaub. Wir wollten ihn auch gar nicht stören. Wir dachten, wir schauen in der Charité vorbei und legen ihm die Platte auf den Schreibtisch. Als wir dort ankamen, kam uns eine Mitarbeiterin mit strahlendem Lächeln entgegen und meinte: da seid ihr, wir haben auf euch gewartet! Sie hatten auf Social Media mitbekommen, dass wir auf dem Weg waren. In dem Moment kam Professor Drosten höchstpersönlich herunter zu uns. Er und sein ganzes Team haben sich total gefreut über den Song. Einfach weil es etwas Positives war, was ihnen den Rücken gestärkt hat. Im Grunde ist das eine Dankeshymne von uns für die ganze Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen.

Nun will Drosten mal mit Ihnen live spielen…
Ich habe ihm erzählt, dass es eine Online-Petition gibt: Da wollen Leute, dass er mit uns das Lied live spielt. Er meinte: ja okay, kann ich machen. Ich dachte, das sei ein Witz. Aber er meinte das ernst: er werde die Akkorde zu Hause üben und wenn die Pandemie vorbei ist, komme er gerne vorbei und spiele mit uns. Ich hoffe, er tritt mit Arztkittel auf.

Die Einhaltung von Hygieneregeln: Ist das überhaupt noch punk?
Es gibt manchmal komische Punker, die uns als „Merkelhuren“ oder „staatstragende Arschlöcher“ beschimpfen. Aber sorry, das ist einfach gesunder Menschenverstand: Ich will nicht, dass Leute sterben. Weder meine Freund*innen noch meine Familie noch Menschen, die ich nicht kenne. Es geht aber nicht nur um Todesfälle: Viele Freund*innen und Crewmitglieder von uns, die sich schon angesteckt haben, leiden immer noch an Langzeitschäden. Sie sind vorher jeden zweiten Tag zehn Kilometer gejoggt, Wochen später schaffen sie gerade einen Kilometer. Es ist alles kein Spaß, es ist ein hochgefährliches Virus. Da muss man sich vernünftig benehmen. Wer findet, dass das nicht „punk“ ist, soll meine Platten nicht mehr kaufen.

Klar gibt es Covid-Skeptiker*innen auch in der eigenen Szene, die gefühlte überwiegende Mehrheit macht jedoch mit: Noch nie haben so viele Punks staatliche Maßnahmen befürwortet…
Das sind nicht unbedingt „staatliche Maßnahmen“. Ich schaue mir an, was sinnvoll ist, und was nicht. Ich habe seit einem Jahr niemanden mehr in die Arme genommen, außer meiner Familie. Wir treffen uns als Band nicht, da brauche ich keinen Staat, der mir das sagt. Aber ich finde es super, wie fast alle Leute aus der linken Szene das verstanden haben und auf Demos mit Abstand und FFP2-Masken laufen.

Antifaschistische Politik ist der Band von Anfang an wichtig gewesen. Seid ihr auch während der Auftrittspause aktiv geblieben?
Wir machen immer noch unsere Kampagne „Kein Bock auf Nazis“, die inzwischen riesengroß geworden ist. Es fordert sehr viel Zeit und Kraft: Wenn nicht Pandemie ist, machen wir im Jahr knapp 100 Festival- und Konzertstände. Aktuell verschicken wir pro Monat knapp 30.000 Aufkleber und anderes Material. Es freut mich total, wie viele junge Leute über diese Kampagne in ein stetiges Engagement gegen Nazis und Rechtsextremismus reinkommen.

Herz für die Sache: 1997 wurde ZSK gegründet, 2007 initiierte die Band die Kampagne „Kein Bock auf Nazis“. (Quelle: Matthias Zickrow)

2007 wurde die Kampagne gestartet. Seit dem ist enorm viel passiert: Die erfolgreichen Blockaden gegen den jährlichen Nazi-Aufmarsch in Dresden auf der einen Seite, aber auch die Selbstenttarnung des NSU und der Einzug einer rechtsradikalen Partei in den Bundestag auf der anderen Seite…
Es hat sich in der Zeit extrem viel geändert: Damals saß die NPD in zwei Landtagen, hinzu kam eine militante Neonazi-Szene. Das waren die größten Probleme. Als wir die Kampagne initiiert haben, fand das Thema aber gar nicht so viel Aufmerksamkeit außerhalb der radikalen Linken und der Punkszene. In den großen Medien war das Thema sogar verpönt und wurde verharmlost.

Wann kam der Wendepunkt?
Mit der Selbstenttarnung des NSU 2011 war plötzlich klar: Die schlimmsten Befürchtungen der radikalen Linken, wie gefährlich Nazis sind, wurden noch weit übertroffen. Und die Sicherheitsbehörden haben alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Inzwischen haben wir einen riesen Rechtsruck mit der AfD und der sogenannten „neuen“ Rechten: Sie haben eine viel größere Strahlkraft als die NPD damals. Und jetzt kommen noch die ganzen Corona-Leugner*innen rund um „Querdenken“, die auch in der rechtsextremen Szene verstrickt und hochgefährlich sind. Heute müssen wir nicht nur auf klassische Nazis schauen, wo früher der Fokus lag, sondern auf ein viel breiteres Feld von Verschwörungsmythen, über Online-Subkulturen, bis hin zu den „neuen Rechten“. Es gibt viel zu tun.

Ein Verdienst der „Kein Bock auf Nazis“-Kampagne ist, dass es mittlerweile für viele Bands nicht nur cool, sondern selbstverständlich ist, klare Kante gegen Rechtsextremismus zu zeigen. Die Kampagne arbeitet mit vielen Künstler*innen zusammen von Deichkind bis Sportfreunde Stiller…
Es war uns wichtig, nicht die x-te Antifa-Kampangne zu sein, die sich nur an linke Aktivist*innen richtet. Die gibt es schon und das ist super, das brauchen wir aber nicht nochmal machen. Unser Ziel war immer, anpolitisierte Jugendliche sowie Leute, die sich noch gar nicht mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandergesetzt haben, zu erreichen. Wir wollen klar machen: Wir feiern gerne mit euch auf diesem Festival. Aber eine Sache muss für alle Konsens sein: Wenn Neonazis und Rassist*innen aufmarschieren, dann stellen wir uns dagegen. Und das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Wir wollen eine nicht-rechte Jugendkultur aktiv fördern.

Und wie erreicht man das?
Das funktioniert nicht, indem jemand sagt, lest doch ein Buch über Rechtsextremismus. Es funktioniert, indem Die Toten Hosen oder Die Broilers auf der Bühne mit antifaschistischen T-Shirts stehen und sagen: Geiler Abend aber Nazis sind Schweine und morgen ist dieser Aufmarsch, geht alle hin. Wir wollen, dass Antifaschismus cool wird und Spaß macht.

Blicken wir zum Schluss auf die Zukunft: Wann ist eure nächste Tour?
Haha. Das fragen sich alle Bands, nicht nur in Deutschland. Das ist, wie in eine Glaskugel gucken zu müssen. Es kommt alles darauf an, wie das mit den Impfungen vorangeht. Und das geht aktuell viel zu langsam. Viele Festivalauftritte sind schon für den Sommer geplant, da bin ich aber skeptisch. Erst im Herbst haben wir wieder Clubshows: Das ist zumindest denkbar. Wenn das aber nicht klappt, haben wir auch schon Ersatztermine für 2022.

Punkkonzerte unter Infektionsschutzauflagen, Pogo tanzen mit Abstand. Geht das?
Das ist alles nicht für uns, das ist uns zu steril. Deshalb haben wir bislang auch keine coronakonformen Konzerte gespielt, auch keine Streaming-Konzerte. Wir brauchen dieses Nahbeieinandersein, diesen Schweiß, dieses gegenseitiges Anschreien.

Kommt Drosten mit auf Tour, wenn es soweit ist?
Zu irgendeinem Konzert wird er kommen. Wir wollen, dass das Konzert ein klassisches Clubkonzert ohne Auflagen ist. Eine Feier zum Ende der Pandemie. Aber er kommt nicht mit auf die ganze Tour. Er hat ja Besseres zu tun.

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