In neuem Prunk und mit zwei Top-Solistinnen – Vorarlberger Nachrichtensendung

FELDKIRCH Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass nach der Krise der alte Glanz beim Symphonieorchester Vorarlberg wiederhergestellt ist – der Start in die neue Abo-Saison hat ihn überzeugend erbracht. Das Orchester trumpft in großer Besetzung auf, bestechend sein neuer Chefdirigent Leo McFall, überstrahlt von den Leistungen der beiden Solistinnen, der jungen Trompeterin Selina Ott und der Starpianistin Lilya Zilberstein.

Noch im Frühjahr hatten Pessimisten nicht mehr daran geglaubt, dass das noch einmal etwas werden würde nach den unzähligen Absagen und Verschiebungen durch Corona, die den unerschütterlichen Geschäftsführer Sebastian Hazod und die Musiker wohl ebenso nervten wie das Publikum. Trotzdem hat man nie die Zuversicht auf eine bessere Zukunft verloren. Mit der Sechsten Bruckners AmBach gelang ein zaghafter Versuch, das exzellente Festspielkonzert markierte mit Larcher endgültig die Wiederauferstehung. Das Besondere, das das SOV stets ausgezeichnet hat, sein Spielniveau, seine Klangkultur, seine Ausstrahlung, sind seit damals wieder Normalität.

Sichtlich wohl fühlt sich in diesem hochprofessionellen Umfeld auch der Komponist Herbert Willi, der nach längerer Pause im Land den zahlreichen Aufführungen seines Trompetenkonzertes „Eirene“ in Europa, den USA und vor allem in Asien nun eine weitere vor heimischem Publikum anfügen kann. Und mit etwas Abstand erlebt man das vor 20 Jahren entstandene Werk zum Auftakt wieder wie neu, beeindruckend in seiner archaischen Urtümlichkeit, die etwas von der Stille der Natur ahnen lässt, die den Komponisten in seiner engeren Heimat Montafon umgibt. Solch breiter Lyrik im kompakten Streicherteppich steht als Kontrast der Sog seiner typischen dynamischen Steigerungen und dramatischen Ausbrüche gegenüber, mit glitzernden Klangballungen, der sanfte Swingteil wie mit Augenzwinkern eingefügt. Die Musiker meistern diese klanglich und technisch schwierigen Passagen in einem fabelhaft energetischen Spiel, aufgeladen voller Lust und Leidenschaft. Leo McFall, der das Werk ausgesucht hat, ist niemals auf Effekt bedacht, alles klingt bei ihm natürlich, fügt sich wunderbar organisch ineinander. Die 22-jährige Selina Ott switcht im heiklen Solopart virtuos zwischen der B-Trompete und der kurzen Piccolotrompete für die Höhenflüge hin und her, gibt dem Stück makellos Drive und Dynamik. Ein Meisterwerk, das in seiner positiven Kraft, seiner Ursprünglichkeit neben den Musikern auch das Publikum wieder ganz unmittelbar erreicht.

Zwei Werke der russischen Romantik schließen sich an. Das erste ist Tschaikowskys wenig gespielte Orchesterfantasie „Sturm“, in der er sich programmatisch penibel an eine Erzählung hält. Dennoch ist dieser Sturm entgegen seinem Namen nicht mitreißend, sondern eher ein Stürmchen, wird zum Stimmungs-Durchhänger im Konzert, weil der Komponist seine Einfälle zu dieser Geschichte oft allzu weitläufig ausgebreitet hat und man auch den typischen Tschaikowsky in seiner aufrauschenden Melodik und der Melancholie der tiefen Klarinetten weitgehend vermisst. Das Orchester gibt dennoch sein Bestes, macht daraus mit Konzertmeister Hans-Peter Hofmann und vielen tollen Solisten ein glühend leidenschaftliches Orchesterporträt.

Dafür entschädigt Rachmaninows drittes Klavierkonzert, ein hoch romantisches Virtuosenstück par excellence. Man hätte für die Bewältigung der darin enthaltenen technischen Anforderungen niemand Besseren finden können als die russische Starpianistin Lilya Zilberstein. Manchmal glaubt man, sie spiele vierhändig, bei einer solchen Fülle von extremen Sprüngen, Läufen und Klangkaskaden, die sie scheinbar spielerisch bewältigt, 45 Minuten lang und natürlich auswendig. Das Orchester prunkt mit schwelgerischer Intensität, der Dirigent beweist technische Souveränität und Freude an üppig sinnlicher Klangentfaltung. Große Begeisterung.

Rundfunk: 11. und 18. Oktober, 21 Uhr, Radio Vorarlberg. Nächste SOV-Konzerte: 2. und 3. Oktober, 9. Symphonie v. Mahler unter Kirill Petrenko

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