In Mali floriert dieser Handel mit Damast aus Ostmark und Deutschland. – Kultur

Bamako, an der großen Kreuzung des Viertels Garantibougou: Vor den Ampeln klopfen bettelnde Kinder mit Blechnäpfen an Autoscheiben, Mädchen balancieren Tabletts voller Wasserbeutel oder Sesamkeksen zwischen den Passanten, die Busjungen schreien und schlagen aufs Blech der buntbemalten “Sotrama”-Kleinbusse, um einen Halt zu signalisieren. Ohrenbetäubendes Gehupe, Motorengebrüll, Staubwolken. Afrikanisches Megacity-Chaos. Und mittendrin: Frauen in grellblauen, grellgelben und grellgrünen Kostümen und Turbanen schlendern mit der Lässigkeit geborener Königinnen durch den Tumult. Männer in glänzenden, bestickten Boubous lassen ihre Gebetsketten klackern. Und weil heute Sonntag ist, der Tag der Hochzeiten, wirken selbst die Mofatrauben noch bunter und leuchtender als sonst – als ob sich die Fahrer gegenseitig in einem Wettbewerb um das prachtvollste Kostüm übertrumpfen wollten.

Wie kommt es, dass gerade in Mali, einem der ärmsten Länder der Welt, die Menschen am liebsten in edle Stoffe investieren? Welche Geschichten erzählen die handgeschneiderten Kostüme? Und was hat Deutschland damit zu tun?

Getzner, bitte! In Damast-Fragen gilt die Vorarlberger Firma in Mali als erste Adresse

Das sind die Fragen, die ich mir stelle, als ich das Stoffgeschäft mit den überdimensionalen Schaufenstern an besagter Ampel betrete. Wie ein moderner Supertanker ruht es im archaischen Tumult. Bazin riche, Damast, verkündet die Leuchtreklame – gerahmt von österreichischen und deutschen Flaggen. “Tatsächlich würden viele Malier lieber hungern, als an ihren Kleidern zu sparen”, sagt Soya Bathily, der 35-jährige Ladeninhaber. “Und wer Eindruck schinden will, kauft auf jeden Fall deutsche oder österreichische Stoffe. Die erste Qualität”.

Hinter dem Kontor hat Bathily eine ganze Wand voll glänzender Stoffe. Bazin riche aus Weberei-Betrieben in Gera, Augsburg oder Bludenz, dort wo der dicht gewebte Stoff mit dem typischen reliefartigem Fadenmuster seit vielen Jahrhunderten produziert wird. Dass aber ein Hochlohnland wie Deutschland ausgerechnet nach Westafrika exportiert! Glaubt man Bathily, hat das mit örtlichen Qualitätsstandards zu tun. Einer Liebe zu extravaganten Stoffen und Schnitten, die niemals von der Stange kommen dürfen.

Eine Kundin, eine ältere Dame, die wie sie sagt für eine Hochzeit einkauft, zeigt auf ein rosafarbenes Stoffbündel. Einer der Angestellten holt es mittels einer Leiter aus den Regal, entnimmt es der Plastikhülle, faltet es auf, und lässt es durch die Finger gleiten. Der Glanz stimmt. Das leichte Rascheln auch. Die zwei Qualitätsmerkmale, auf die es in Mali ankommt.

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Für jedes Fest ein Kostüm: Eine Taufe in Mali.

(Foto: Jonathan Fischer)

“Wieviel Meter Getzner darf es sein?” Getzner – das Wort gilt im örtlichen Bamana inzwischen als Synonym für hochwertigen Damast. Die Firma Getzner in Vorarlberg ist seit knapp einem Jahrzehnt Marktführer in Westafrika. Auch die deutschen Firmen HC, Dierig oder Barilux konkurrieren um die Gunst der malischen Kundschaft. “Ich reise jedes Jahr zu Getzner nach Vorarlberg und auf Textilmessen in München und Hamburg”, erklärt Bathily, der wie es sich für einen weltgewandten Geschäftsmann gehört ein Damast-Boubou trägt. “Die Farben auf den Fotos entsprechen oft nicht der Realität. Da ist es besser, alles vor Ort zu prüfen”.

Handelszentrum für Westafrika: An den Stoffen hängt in Mali eine regelrechte Industrie

Bathily ist einer von einem knappen Dutzend Großhändlern aus Bamako, die ihre Ware direkt aus Deutschland und Österreich importieren. Um sie an Hunderte von Boutiquen in ganz Westafrika weiterverkaufen. “Damast ist der Mercedes unter den Stoffen” sagt Bathily. “Und Mali ist das Zentrum des Damasthandels. Geschäftsleute aus Senegal, Burkina Faso oder der Elfenbeinküste reisen hierher, um den Stoff einzukaufen. Oder gleich fertige Kostüme zu bestellen”. Am Bazin hänge eine regelrechte Industrie: Die Importeure, die Marktverkäufer, die Färbereien, die individuelle Designs fertigen, die Werkstätten, die den Damast glänzend klopfen, die Stickereibetriebe und dann noch all die Schneider, die jedem Kunden sein ganz persönliches Design verpassen. “Wir Malier tragen den Bazin nicht nur freitags für den Moscheebesuch”, erzählt Dandara Traore, eine von Bathilys Stammkundinnen, “sondern auch zu allen anderen Festtagen. Wenn du hier zu einer Hochzeit oder Taufe geladen bist, dann brauchst du auf jeden Fall ein neues Kostüm. Eines aus deutschem bazin riche”.

Was afrikanische Haute Couture-Phantasien befeuert, gilt im Westen seit langem als Ladenhüter. Damast: Das steht hierzulande für Omas Servietten, Tischtücher und Bettwäsche. Brav. Und ungefähr so altmodisch wie gehäkelte Tischtelefon-Überzüge. Tatsächlich ist das Know-how der Damastherstellung vor knapp 900 Jahren aus Damaskus – daher der Name – nach Mitteleuropa gelangt. Ein Stoff für gehobene Ansprüche. Gewebt nur aus reinster Baumwolle, extrem dünnen Garnen und in raffinierten Webmustern. Als in den 1970er-Jahren das Geschäft mit der Damast-Bettwäsche zusammenbrach, und günstigere, bunt bedruckte Baumwollwäsche modern wurde, hatten ein paar findige Manager der Firma Getzner die rettende Idee: Warum nicht den afrikanischen Markt beliefern? Nigerianische Kaufleute hatten als erste Kontakte in die ehemalige DDR zu Damastwebereien in Sachsen und Thüringen geknüpft. Andere Hersteller bekamen Wind von der Afrika-Connection. Besonders für Getzner erwies sie sich als Glücksgriff. Heute gehen 98 Prozent der Damast-Produktion in den Export, das Vorarlberger Unternehmen expandiert und ließ zuletzt neue Webereien in der Nähe von Dresden errichten.

Der Trend begann, als Geschichtenerzähler und Sänger in neuen Gewändern auftraten

Der Siegeszug des Damast in Westafrika, erinnert sich Bathily, kam mit der Plötzlichkeit einer Flutwelle. Lange dominierten die bedruckten Wax-Stoffe den Markt. Doch dann zeigten sich immer mehr Griots, die traditionellen Sänger und Geschichtenerzähler Westafrikas, in glänzendem Damast. Politiker, Popstars und Entertainer folgten. Und selbst im Radio besang man leidenschaftlich diesen einen speziellen Stoff – wie etwa die Chanteuse Safi Diabate mit ihrem Song “Nuit de Bazin”. Heute kommt kein Malier mehr um ein Damast-Kostüm herum. Das war einst auch Bathilys Wette. 2014, nach Abschluss seines Jura-Studiums in Tunis, stand er vor der Wahl: Sich als Rechtsanwalt mit einem korrupten System herumschlagen – oder Schönheit zu Geld machen. Bathily eröffnete auf dem zentralen Markt von Bamako sein erstes Stoffgeschäft. Inzwischen hat er zwei weitere Boutiquen eröffnet, der Umsatz sei fantastisch. Vor allem wenn man statt chinesischer Billig-Imitate deutsche Traditions-Namen wie Getzner, Fussenegger, HC oder Dierig anbieten könne.

Mode in Afrika: Pracht aus Deutschland und Österreich: ein blaues Festgewand.Detailansicht öffnen

Pracht aus Deutschland und Österreich: ein blaues Festgewand.

(Foto: Jonathan Fischer)

Die Deutschen und Österreicher brauchen im Gegenzug die Rückmeldung von Großeinkäufern wie Bathily. “Sie richten ihr Farbangebot nach unseren Bestellungen”, sagt der Damast-Kaufmann. Normal koste ein Meter der rund 1,60 Meter breiten Stoffbahn 10 000 Francs. Deutsche Qualität, das bedeute, das die Stoffe auch nach mehrmaligem Waschen ihren Glanz behielten. Dann faltet er ein mit Pflanzenmotiven bunt bedrucktes Tuch auf. “Das ist der teuerste Damast im Angebot. Der Meter für 15 000 Francs.” Das entspricht etwa 23 Euro. Angesichts eines Monatsgehalts von etwa 100 Euro für einen staatlich angestellten Lehrer ein Vermögen. “Manche Leute sparen jahrelang, um dann auf einen Schlag eine Million CFA (über 1500 Euro) für eine Kleiderbestellung auszugeben. Besonders mit den Hochzeiten mache ich viele Geschäfte: Das Brautpaar gibt ein Modell und eine Farbe vor. Und erwartet von den Geladenen, sich entsprechende Uniformen schneidern zu lassen.”

Ist hier Kulturimperialismus am Werk? In Mali betrachtet man den Damast als Rohmaterial

Der Damast-Boom wirft allerdings auch unbequeme Fragen auf: Bereichert sich der Westen womöglich ein weiteres mal am wirtschaftlichen Gefälle zu Afrika? Schaden europäische Stoffe – analog zu den aus der EU exportierten überschüssigen Tomaten oder Gefrier-Hähnchen – dem heimischen Markt? Steckt dahinter gar so etwas wie Kulturimperialismus? Zumindest letztere Frage kann Sale Dembele eindeutig verneinen: “Den Bazin sehen wir als unseren ureigenen malischen Stoff an”, sagt die 50-jährige Betreiberin einer Stoffärberei in Bamakos Stadtteil Badalabougou. “Der weiße Getzner-Damast ist nur das Grundmaterial. Denn die Kunden kommen mit ihren ganz eigenen Vorstellungen, was Farbgebung und Muster betrifft. Am Ende gleicht kein Tuch dem anderen”.

Ein staubiger Platz am Straßenrand, ein halbes Dutzend große Bottiche, ein paar Wäscheleinen: Das ist die ganze Ausstattung von Dembeles Unternehmen. Sie und ihre Schwester beschäftigen ein Dutzend Frauen, die bewehrt mit Gummihandschuhen und Mundschutz große Stoffbündel in die brodelnden, dampfenden Farbbäder eintauchen. Zuvor haben die Färberinnen die Stoffrollen kunstvoll mit Schnüren abgebunden: So entstehen die Batik-ähnlichen Marmorierungen und Muster – wenn gewünscht auch in mehreren kombinierten Farben.

“Durch das Färben und anschließende Bearbeiten gewinnen die Stoffe an Wert”, sagt Dembele, die ihre Färberei in zweiter Generation führt. Sie selbst rührt die Farbtöpfe allerdings nicht mehr an. Die Farbe selbst sei ungiftig, sagt sie, nicht aber das hinzugerührte Fixiermittel. Weil sie sich früher zu wenig gegen die giftigen Dämpfe geschützt habe, sei ihre Gesundheit angeschlagen – Haut- und Lungenbeschwerden, die sie in Paris behandeln lasse. Dembele kann sich das dank ihres florierenden Betriebes leisten. 10 000 CFA pro Meter kostet das Färben. Dafür ist die anschließende Hochglanz-Behandlung im Preis inbegriffen. Ein junger Mann auf dem Mofa übergibt Madame Dembele, die in einem Plastiksessel ihre Geschäfte überwacht, ein Dutzend Plastiktüten. Ein paar Straßen weiter haben zuvor ein paar muskulöse Jungs unter einem Strohdach die gefärbten aber stumpf gewordenen Stoffbahnen bearbeitet. Mit 5 Kilogramm schweren Holzschlegeln auf einem Baumstamm behämmert. Glänzend geklopft. In einem Rhythmus, der wie handgemachter Techno durch das Karree donnert. Stundenlang. Nun geht es zur Qualitätskontrolle. Einzeln reißt die Unternehmerin jede Tüte auf. Behutsam streicht sie über die gefalteten Stoffbahnen. Der Damast glänzt speckig, knirscht zwischen den Fingern, fällt seidig leicht. Sie nickt zufrieden. “Jetzt müssen nur noch die Schneider und Sticker ihre Arbeit machen.”

Wenn es nach Soya Bathily geht, wird sich auch der Rest der Wertschöpfungskette nach Mali verlagern. “Mali ist einer der größten Baumwollproduzenten Afrikas”, sagt der Kaufmann. “Bis in die 70er Jahre hatten wir eine eigene Textilindustrie, produzierten malische Wax-Stoffe”. Dann legten Ersatzteilmangel, Korruption und Handelsschranken den Betrieb lahm. Der Damast-Boom aber könnte nun neue Voraussetzungen schaffen. Bathily jedenfalls hat einen Plan: “Die Webmaschinen für Damast sind zwar sehr teuer. Aber ich verhandele mit einigen Betrieben in Europa über den Kauf gebrauchter Webstühle”. Könnte die Einrichtung einer eigenen Weberei vor Ort mit den deutschen und österreichischen Produkten in den Boutiquen Westafrikas konkurrieren? Noch ist es ein Traum. Am Ende aber werden die westafrikanischen Kunden entscheiden: “Jeder Malier”, sagt Bathily, “erkennt auf den ersten Blick die Qualität eines Stoffes. Und wer es sich leisten kann, wird niemals Zweitklassiges kaufen. Dein Bazin ist deine Visitenkarte.”