Immer mehr übergewichtige Kinder, laut Information welcher KKH

In den letzten 10 Jahren ein Plus von 27 Prozent

2010 bis 2020 gab es bei den 6- bis 18-Jährigen bundesweit ein Plus von 27 Prozent. Nach Angaben der Kaufmännischen Krankenkasse erhielten im letzten Jahr mehr als 11.000 Versicherte bis 18 Jahre die Diagnose Adipositas. Jungen sind häufiger betroffen, bei ihnen sei der Anstieg mit 35 Prozent höher als bei Mädchen, die eine Zunahme von 19 Prozent verzeichnen. In diesem Jahr rechnet die Krankenkasse mit einer weiteren Zunahme, bedingt durch den langen coronabedingten Lockdown.

Jeder Siebzehnte leidet an Adipositas – Risiko für Krankheiten sehr hoch

Das Robert Koch-Institut gibt an, dass deutschlandweit etwa sechs Prozent der 3- bis 17-Jährigen unter Adipositas – das bedeutet jeder siebzehnte Heranwachsende ist übergewichtig. Die Risiken sind hoch: Diese Erkrankung kann die Lebensqualität betroffener Kinder und Jugendlicher erheblich mindern. Sie erhöht das Risiko, früh Krankheiten wie Diabetes Typ 2, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs zu entwickeln, die sie bis ins hohe Erwachsenenalter begleiten können.

Ebenso schwer wiegt die mögliche Folge, gehänselt, gemobbt und damit stigmatisiert zu werden. Das kann die seelische Gesundheit junger Menschen gefährden, in der Folge zu Angststörungen oder auch Depressionen und tückischerweise verstärkt zu Essattacken führen.

Warum werden immer mehr Kinder und Jugendliche extrem übergewichtig?

„Zu den Hauptgründen zählt eine falsche, zu fettreiche, kalorienreiche und zuckerhaltige Ernährung“, sagt Dr. Anja, Luci, Ernährungsexpertin der KKH. „In der Alltagshektik bleibt in Familien mitunter wenig Zeit für das Zubereiten gesunder, leichter und ausgewogener Speisen. Gerade auch während der Corona-Pandemie mit Homeschooling und Homeoffice waren das schnelle Nudel-Ketchup-Gericht oder der Griff zur Tiefkühlpizza ein willkommener Notnagel in deutschen Küchen.“

Kinder werden zu Stubenhockern

Die KKH sieht eine weitere Kernursache für den Adipositas-Trend darin, dass Kinder immer mehr zu Stubenhockern werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für Kinder und Jugendliche täglich mindestens 60 Minuten körperliche Aktivität bei moderaten bis hohen Intensitäten. Laut wissenschaftlicher Studien erfüllt weltweit weniger als einer von fünf Heranwachsenden diese Empfehlung.

Die Corona-Pandemie hat diese Situation noch verschärft, denn durch den Wegfall von Schulweg, Schul- und Vereinssport gab es weniger Bewegungsmöglichkeiten. Doch nicht nur für die Corona-Monate gilt, dass sich viele junge Menschen zu wenig bewegen. Immer mehr Kinder sind wegen Rückenproblemen oder motorischen Entwicklungsstörungen in Behandlung – meist Folgen von Bewegungsmangel. Auf der Straße oder im Park tobende Kinder sind ein seltener Anblick geworden, etliche Spielplätze verwaist. Statt an der frischen Luft verbringt der Nachwuchs viele Stunden sitzend vor dem PC, dem Fernseher und mit dem Smartphone in der Hand.
„Ob chatten, posten, daddeln oder Videos ansehen: Digitale Medien sind Verführer, die körperliche Inaktivität forcieren“, so Anja Luci. „Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluss von Werbung für meist kalorienreiche Lebensmittel auf die Nahrungsvorlieben von Kindern.“

Teufelskreis in der eigenen Familie

Das höchste Risiko für Adipositas haben Kinder, deren Eltern übergewichtig sind. Dabei spielt die genetische Veranlagung eher eine untergeordnete Rolle. Vielmehr resultiert kindliches Übergewicht aus der familiären Lebensform und der damit verbundenen Verhaltensprägung. Kinder in sozial schwachen Familien sind häufiger adipös. Und nicht zuletzt kann Stress durch Zoff in der Familie oder mit Gleichaltrigen, Frust sowie Druck in der Schule den unkontrollierten Griff zu Dickmachern wie Chips, Süßigkeiten, Softdrinks oder Pommes befördern.

Wie rauskommen aus dem Teufelskreis Adipositas?

Eltern übergewichtiger und vor allem adipöser Kinder sollten unbedingt ihren Arzt um Rat fragen. Allein schaffen Familien es kaum, den Teufelskreis krankhafter Fettleibigkeit zu durchbrechen. Professionelle Hilfe setzt an mehreren Stellschrauben an. „Neben gezielter Ernährungsumstellung sowie mehr Bewegung in Form von Kraft- und Ausdauersport wird der Fokus dabei auch auf eine stabile psychische Gesundheit gerichtet“, erklärt Expertin Luci. „Nur wenn der Lebensstil umfassend und langfristig verändert wird, kann die Erkrankung dauerhaft überwunden und so die Lebensqualität und vor allem auch die Lebenserwartung junger Menschen deutlich erhöht werden.“

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