Hochwasser: »Verhindern, schützen, individuell einrichten« – Spektrum dieser Wissenschaft

Wie geht man mit der Situation um?

Ich denke, dass die Adaption, also die Anpassung an den Klimawandel, wieder stärker in den gesellschaftlichen Diskurs muss. Dass wir nicht nur den Klimawandel verhindern müssen, sondern dass er jetzt schon stattfindet und die Situation verändert. Zum Beispiel werden die Deiche an der Küste bereits mit Klimazuschlag erneuert: Man erweitert die Deichbreite schon so, dass man in zehn Jahren relativ einfach erhöhen könnte.

»Möglicherweise muss man in die Gefahrenkarten ein eigenes Klimaszenario mit aufnehmen«

Denn im Klimawandel sind ebenfalls Unsicherheiten vorhanden. Beim Meeresspiegel reichen Prognosen von 20 Zentimeter bis zwei Meter Anstieg. Deswegen ist es clever, robuste Maßnahmen zu machen, die bei Bedarf erweiterbar sind. Bemerkt man, dass die Prognose doch nicht voll zutraf, und ist mit dem Küstenschutz zufrieden, dann kann man das so lassen. Aber wenn der Meeresspiegel schneller und höher steigt, lässt sich das recht schnell berücksichtigen.

Zum Teil kriegen wir die Anpassung an den Klimawandel also mit vorbeugendem Hochwasserschutz hin. Aber andererseits sind damit auch viele andere Aspekte verbunden. Da ist zum Beispiel das Niedrigwassermanagement, wenn nicht zu viel Wasser da ist, sondern zu wenig wie in den Sommern 2018 und 2019, als die Schifffahrt wegen Niedrigwasser eingestellt werden musste und Kraftwerken das Kühlwasser fehlte.

Hochwasser wiederum kann Talsperren vor Probleme stellen: Jetzt wurden sie zu voll und mussten abgelassen werden. Lasse ich als Betreiber eine größere Reserve für Extremhochwasser, werde ich im heißen Sommer eventuell gefragt, warum die Talsperre denn so leer ist. Deswegen werden uns Hochwasser und Niedrigwasser immer mehr beschäftigen. Die Wasserwirtschaft wird für den Umgang mit dem Klimawandel ganz zentral.

Eine wesentliche Frage ist also, bis zu welchen Punkt Schutzmaßnahmen sinnvoll sind?

Wir müssen natürlich vorbeugenden Hochwasserschutz machen, aber Sie können so viele Maßnahmen machen, wie Sie wollen: Irgendwann werden wieder bei einem Hochwasser Häuser überflutet werden und Menschen betroffen sein. Das muss man ganz klar sagen. Man kann und will sich ja nicht bis zum Ende schützen. Vielleicht könnte man 50 Meter hohe Mauern ans Wattenmeer und an die Flüsse bauen, nur wer möchte das? Es geht darum, die Maßnahmen so zu konzipieren, dass sie ökonomisch, aber auch vor dem Hintergrund der Lebensqualität noch sinnvoll sind.

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Was heißt das konkret?

Wir werden Maßnahmen implementieren müssen, um Hochwasser zu verhindern, zum Beispiel Entsiegelung, Aufforstung, Speicherung oder Raum für die Flüsse. Wir können uns aktiv schützen, mit Deichen und Mauern zum Beispiel. Aber man kann eben auch eine andere Strategie fahren, um sich anzupassen, zum Beispiel Häuser auf Stelzen oder generell eine darauf ausgelegte Bauweise.

Ein ganz wichtiger Aspekt bei den Maßnahmen ist ganz sicherlich die Raumplanung. Sie ist der effektivste Schutz vor Hochwasserkatastrophen. Denn der Fluss oder das Meer sind nicht die Bösen, sondern die Leute bauen dort, wo der Fluss einst ausgeufert ist. Sie haben ihn auch oft verengt. Dabei gibt es historisch gewachsene Städte, in denen der Fluss tatsächlich zuvor sichere Bereiche flutet, aber die Menschen haben sich selbst in den Bereich des Flusses gesetzt.

Heute können wir das nur noch zu einem gewissen Grad ändern, wir wollen und können zum Beispiel Hamburg nicht umsiedeln. In einem gewissen Maß müssen wir das Risiko akzeptieren, das vom Wasser ausgeht. Aber dieses Restrisiko müssen wir managen können. Da brauchen wir Warnsysteme und Notfallpläne, und wir müssen Verhaltensmuster für den Ereignisfall einüben. Ich habe drei Strategien genannt: verhindern, schützen, anpassen.

Luftbild eines Stadtzentrums mit Sakralbau, darübergelegt als hellblaue Fläche die Ausdehung der Überschwemmung, zusätzlich gekennzeichnet mit Strömungspfeilen.Laden…

© Daniel Bachmann (Ausschnitt)

Detailliertes Hochwasssermodell | Hydrodynamische Modelle berechnen aus einer gegebenen Abflussmenge, wie hoch das Wasser in einem Fluss steigt und welche Flächen überschwemmt werden, wenn er über die Ufer tritt. Auf solchen Modellen, die wie hier auch die Strömung des Wassers zeigen, basieren die Hochwassergefahrenkarten.

Eine weitere Strategie könnte jedoch auch sein, das Wiederaufstehen nach einem Ereignis so leicht wie möglich zu machen. Versicherungen und staatliche Wiederaufbauhilfe sind dabei wichtig. Im Endeffekt wird man nicht jedes Ereignis verhindern können. Wenn es nur um ökonomische Werte geht, können wir es uns vielleicht leisten, das wieder neu aufzubauen. Bei der Elbeflut wurde die Bahnstrecke unterspült, und alle fragten sich: Warum baut die Bahn denn ausgerechnet im Gefahrengebiet wieder neu auf? Aber die Bahn sagt ganz klar: Wenn wir das verlegen, kostet das so viel Geld, dass wir die Bahnstrecke dreimal neu aufbauen könnten.

Also muss man gucken, welche Schäden man einpreist?

Das geht natürlich nur bei reinen ökonomischen Schäden. Nicht, wenn es um Menschenleben geht oder auch – da fängt es ja schon bei persönlichen Werten an – das Fotoalbum der Familie oder die Festplatte mit den Kinderfotos zerstört sind. Aber wenn die Leute versichert sind oder es einen Hilfsfond gibt, können die Leute, zumindest ökonomisch gesehen, wieder schneller aufstehen.

Was macht denn die Privatperson, um sich auf Hochwasser vorzubereiten?

Im Wasserhaushaltsgesetz von 2009 steht, dass jede Privatperson auch für die Eigenvorsorge verantwortlich ist. Das ist neu. Vorher war Hochwasserschutz eine rein staatliche Sache beziehungsweise wurde so empfunden. Nun werden auch die Bürgerinnen und Bürger vom Gesetzgeber in die Pflicht genommen. Das wissen viele wahrscheinlich noch gar nicht, aber so steht es im Gesetz – was auch richtig ist.

»Welche Dokumente schnappe ich mir als Erstes? Muss man unbedingt das Kinderfotoalbum im Keller aufbewahren? Wo stelle ich vielleicht mein Auto hin?«

Wie betreibt man nun diese Vorsorge? Als Erstes würde ich in die Hochwassergefahrenkarte gucken. Informationsvorsorge ist ein ganz wichtiger Aspekt. Ein Reporter hatte mich gefragt: Woher soll ich denn wissen, dass ich in Erftstadt von Hochwasser betroffen bin? Da sage ich doch, Moment, das hat Erftstadt doch schon im Namen – den Fluss Erft. Das muss man sich dann schon klarmachen.

Natürlich kann man bei Starkregen auch entfernt vom Fluss betroffen sein. Leider sind die Warnkarten für Starkregenereignisse zum Beispiel an Hanglagen oft noch nicht vorhanden. Aber die Hochwassergefahrenkarten sind der erste Schritt. Dann muss man sich Gedanken machen, was ich im Hochwasserfall mache. Welche Dokumente schnappe ich mir als Erstes? Muss man unbedingt das Kinderfotoalbum im Keller aufbewahren? Wo stelle ich vielleicht mein Auto hin? Vielleicht sollte man das auch einfach besser für die Leute zusammenfassen, zum Beispiel in Form eines analogen oder digitalen Faltblättchens: Wie verhalte ich mich bei Hochwasser? Oder man trainiert ab und an das Verhalten bei Hochwasser in Übungen.

Und letztlich muss man das in einem gewissen Maß mit sich selbst ausmachen; dazu muss man sich der Gefahr natürlich bewusst sein. Das klingt jetzt ein bisschen einfach gedacht für die Opfer, keine Frage, doch man muss das Risiko durch das Wasser bis zu einem gewissen Grad akzeptieren; oder nicht, dann allerdings entsprechende Konsequenzen ziehen. Wenn man aber – im Normalfall – unten am Fluss in den Wiesen steht, dann kann man sich auch sagen: Es ist echt schön, hier zu wohnen. Dafür nehme ich das verbleibende Risiko in Kauf.

Herr Bachmann, herzlichen Dank für das Gespräch.