Harting-Brüder nach sich ziehen sich wieder liebevoll! – B.Z. Bundeshauptstadt



Ulrike Krieger

Fünf Jahre lang herrschte zwischen Robert (37) und Christoph Harting (31) Funkstille. Die beiden Olympiasieger-Brüder im Diskuswerfen hatten sich nicht viel zu sagen. Die Risse waren tief. Mit einem gemeinsamen TV-Auftritt im März kam der Versöhnungs-Prozess ins Rollen. Der B.Z. geben die beiden Berliner nun ihr erstes großes Interview als versöhntes Brüder-Paar.

B.Z. Haben Sie wirklich fünf Jahre lang kein Wort miteinander gewechselt?

Robert Harting: Ja leider, seit 2016.

Christoph Harting: Wir haben uns nicht einmal ‚Guten Tag‘ gesagt.

Auch zu Weihnachten dem Fest der Liebe nicht?

Christoph: Nein, wir sind uns aus dem Weg gegangen.

Robert: In diesem Jahr feiern wir zum ersten Mal seit 2016 wieder zusammen.

Wo haben Sie denn Weihnachten gefeiert?

Robert: Ich habe Christoph zu mir nach Hause eingeladen, wir waren mit meiner Frau Julia, unseren Zwillingen, unseren Eltern und Oma Renate zusammen.

Christoph: Ich habe mich sehr darauf gefreut. Es ist vor allem für unsere Eltern eine große Erleichterung, uns jetzt wieder zusammen zu sehen. Sie haben, wie wir alle, unter dieser Situation sehr gelitten. Es ist schon krass, dass ich vier Jahre lang bei keinem Weihnachtsfest dabei gewesen bin.

Wie sah Weihnachten dieses Jahr bei den Hartings aus?

Robert: Heiligabend gab es traditionell Würstchen mit Kartoffelsalat. Am 25. Dezember gab es die Ente mit Rotkohl und Klößen.

Haben Sie sich etwas geschenkt?

Robert: (lacht) Ja, ich habe da mal das Sparschwein geschlachtet. Meine Frau hat für Chris einen Ikea-Gutschein besorgt.

Christoph: Von mir hat Robert ‚Rice Krispies‘ (Frühstücksflocken; d.Red.) bekommen.

Wie haben Sie ihr Zerwürfnis in den Griff bekommen?

Robert: Wir haben uns damals zuerst allein getroffen und fast zwei Stunden geredet und später zusammen mit der Familie. Da durfte jeder am Abendbrot-Tisch seine Sorgen loswerden. Wir haben mit einer gewissen Reife vor allem die Missverständnisse ausgeräumt, an denen ja auch immer Dritte mitgewirkt und auf uns eingewirkt hatten. Und: Wir haben uns vor allem gegenseitig entschuldigt.

Christoph: Zwei, drei Sachen mussten geklärt werden, aber sonst haben wir darauf geachtet, nicht die alten Geschichten auf den Tisch zu bringen. Wir haben einfach alles auf null gestellt, quasi einmal Reset.

Angst, dass es noch mal zum Bruderzwist kommt?

Christoph: Nein. Wir sind beide reifer geworden, und dazu ist es eigentlich ziemlich simpel: Seit wir durch den Sport nicht mehr permanent aufeinanderhängen, gibt es zwischen uns viele Konfliktherde nicht mehr.

Robert: (augenzwinkernd) Ansonsten kann er mich nach wie vor nicht leiden. Früher war das einfach Scheiße. So lange wir zusammen trainiert haben, konnten wir die Sachen durch die Konkurrenz-Situation einfach nie richtig lösen. Jetzt haben wir coole Regeln gefunden und Dinge erkannt.

Welche?

Robert: Ich hatte damals quasi meinen eigenen Weltherrschaftsplan. Ich musste mich an denen rächen, die nicht an mich geglaubt oder mir nichts gegönnt hatten. Dafür hatte ich meine Handlungskonzepte und ein Motivations-Mantra entwickelt. Meine Werte, meine Vorstellungen! Und als Christoph auch als Diskuswerfer nach Berlin kam, sollte er wie ich sein. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass er seinen eigenen Charakter hat.

Christoph: Roberts Weg war null übertragbar auf meinen. Dazu kam die fehlende Reife, wir hatten einfach keine gemeinsame Ebene. Und mit dieser Situation standen wir und unsere Eltern allein da. Wir wussten nicht, was ist die Lösung. Bis wir das erkannt hatten, war schon zu viel Erde verbrannt.

Robert: Ich lasse Christoph jetzt da, wo er ist; in seiner Welt, mit seinen Lebensregeln, und damit fahren wir ganz gut. Dazu lassen wir uns von Dritten nicht mehr reinquatschen.

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Stimmt das, dass Sie sich beide gegenseitig nicht zu ihren Hochzeiten eingeladen haben?

Christoph: Ja und Nein. Ich habe völlig isoliert geheiratet, auch unsere Eltern waren nicht eingeladen. Ich habe niemanden eingeladen. Das hatte also nichts mit Robert zu tun.

Robert: Ich hatte ihn eingeladen. Es gab aber keine Vorgabe, dass er kommen muss.

War und ist es schwer der kleine Bruder von Robert Harting zu sein?

Christoph: Klar, Robert wurde nach WM-Silber 2007 relativ schnell bekannt. Und mit dem steigenden Interesse um ihn wurde auch geguckt: ,Ups da ist ja noch so einer wie der‘. Und wenn man selbst noch in der Findungsphase ist, ist das verdammt schwer. Rückblickend betrachtet denke ich, dass auch Neid eine Rolle gespielt hat.

Was mögen Sie an Ihrem Bruder?

Robert: Die Einfachheit, wie er Dinge entscheidet. Da tue ich mich verdammt schwer. Ich mag sein Selbstbewusstsein und seine gute Rhetorik.

Christoph: Natürlich Roberts sportliche Lebensleistung, seinen unbremsbaren Ehrgeiz. Was er macht, macht er mit Überzeugung, das vermisse ich manchmal an mir. Und ich finde, er ist ein toller, geduldiger Vater.

Wie traurig sind Sie über den Streit und die damit verpasste Zeit? Sie hätten als Olympiasieger-Brüder Geschichte schreiben können…

Robert: Ich denke tatsächlich noch darüber nach.

Christoph: Echt? Ich auch. Vor allem über dieses Unikum, dass ein Brüder-Paar hintereinander in der gleichen Disziplin Olympiasieger wird. Vor allem auch wegen unserer Eltern, die sind so unglaublich stolz darauf, aber wir konnten uns als Brüder 2016 nicht so richtig füreinander freuen.

Robert: Der deutsche Sportkonsument hat neben dem Fußball noch Platz für vier bis fünf Ereignisse, an die er sich gern erinnert. Dazu hätten wir gehören können, doch dadurch, dass wir so zerstritten waren, hat es einfach nicht funktioniert. Das ist extrem schade. Damals hatte ich schon Logos entworfen – wie ‚Hartings United‘.