Google Cloud: „US-Behörden erhalten von uns keinen Zugriff“ – Wirtschaft

Seinen neuen Job hat Daniel Holz unter erschwerten Bedingungen angetreten: Die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen kennt er bislang nur von Bildschirmen, obwohl er bereits im vergangenen Oktober von SAP zu Google Cloud wechselte. Dort leitet er das Geschäft in der DACH-Region und Nordeuropa. In dieser Position soll er eine Unternehmenssparte zum Erfolg führen, die bislang Milliarden verbrennt – und Kunden davon überzeugen, dass ihre Daten bei Google in guten Händen sind.

SZ: Herr Holz, im Hintergrund unseres Video-Calls sehe ich eine graue Wand. Ist das ein Büro?

Daniel Holz: Tatsächlich. Ich sitze heute im Büro von Google in Frankfurt. Das ist aber erst mein dritter Tag im Büro. Wir verfolgen bei Google einen flexiblen Ansatz für unsere Rückkehr an den Arbeitsplatz und passen uns je nach Bedarf an.

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Daniel Holz, 51, Betriebswirt, ist schon herumgekommen in der IT-Welt. Nach Stationen bei IBM, Siemens-Nixdorf und Oracle kam er zu SAP, wo er bis zum Deutschland-Chef aufstieg. Seit Herbst 2020 ist er nun bei Google.

(Foto: oh)

Sie leiten also seit fast 300 Tagen ein Team, dem sie größtenteils noch nie begegnet sind. Wie funktioniert das, sind Sie schon richtig angekommen?

Während der Pandemie einen neuen Job anzufangen, war eine ganz besondere Erfahrung. Bis heute habe ich die allermeisten Mitarbeiter nur digital kennengelernt. Trotzdem hat es bislang überraschend gut funktioniert.

Arbeit und Freizeit von Millionen Menschen haben sich ins Netz verlagert. Deutschland ist nicht gerade bekannt für rasante Digitalisierung. Was ist Ihr Eindruck: Wie haben Wirtschaft, Staat und Behörden die Pandemie bislang gemeistert?

Ich bin wirklich beeindruckt, wie schnell und radikal unsere Unternehmenskunden alles umgestellt haben. Für uns als Digitalunternehmen ist das noch harmlos, aber auch Firmen mit eigener Fertigung haben es geschafft, ihre Produktion aufrechtzuerhalten. Dieses Klischee von Deutschland als digitalem Entwicklungsland trifft gar nicht zu.

Gilt das genauso für den Staat, etwa mit Blick auf das Gesundheitssystem oder die öffentliche Verwaltung?

Da gibt es definitiv Nachholbedarf. Menschen sind es gewohnt, fast alles mit ihrem Smartphone zu machen, aber für viele Dinge müssen sie immer noch aufs Amt. Es ist gut, dass es diese persönliche Möglichkeit gibt, aber besser wäre es, wenn man die Wahl hätte. Gleichzeitig sehen wir, dass vielen Behörden die Hände gebunden sind. Vorgaben und Gesetze bremsen die Digitalisierung.

Sie sagen, dass manche Vorschriften der Digitalisierung im Wege stehen. Brauchen deutsche Behörden weniger Datenschutz für mehr Innovation?

Die restriktiven Rahmenbedingungen bremsen den Fortschritt an manchen Stellen aus. Vieles, was technisch sinnvoll wäre, darf von der öffentlichen Hand nicht genutzt werden. Deshalb können wir öffentlichen Auftraggebern nur abgespeckte Lösungen anbieten. Ich glaube, wenn man die Vorgaben etwas lockern würde, könnten alle davon profitieren. Deutschland könnte sich da ein Vorbild an skandinavischen Ländern oder Großbritannien nehmen.

Wenn ich meinen Eltern von einer Cloud erzähle, denken die an Dropbox oder den Google Drive. Was unterscheidet diese Dienste für private Kundinnen und Kunden von Google Cloud?

Der erste Aspekt ist die Sicherheit. Unternehmen haben andere Bedürfnisse, weil sie große Mengen an sensiblen und kritischen Daten speichern. Aber Google Cloud ist viel mehr als ein reiner Online-Speicher. Wir bieten eine Plattform und Infrastruktur. Ein Beispiel: Auf dem Marktplatz von Conrad Electronic gibt es rund fünf Millionen Artikel. Wenn ein Kunde den Shop durchsucht, hilft unsere Software, in Echtzeit Empfehlungen zu machen. Das Thema Online-Shopping macht einen weiteren Unterschied deutlich: die Elastizität. Am Black Friday haben Kunden wie Metro oder die Otto Group enorme Ausschläge, sie benötigen gewaltige Rechenpower. Dafür müssen sie bei uns aber nicht das ganze Jahr lang zahlen, sondern nur für diese eine Spitze.

Im Cloud-Geschäft ist Google abgeschlagen Dritter. Wie wollen Sie Amazon und Microsoft jemals einholen?

Seit Thomas Kurian als weltweiter Chef an Bord ist, wachsen wir rasant. Mehrere Trends stimmen uns zuversichtlich. Viele Unternehmen wollen ihre Daten nicht nur in der Cloud speichern, sondern sie analysieren, zusammenführen oder auswerten. Dafür braucht es Machine Learning und Rechenpower, da können wir gut unterstützen. Außerdem basiert unsere Cloud auf offenen Standards und Schnittstellen. Unsere Kunden bekommen keine proprietäre Technik, sondern können mit Software aus der Open-Source-Community arbeiten. Das erleichtert es auch, mehrere Cloud-Anbieter gleichzeitig zu nutzen.

Im vergangenen Jahr hat Google Cloud mehr als fünf Milliarden Dollar Verlust gemacht. Wann und wie werden Sie profitabel?

Wir sind auf einem guten Weg. Man muss am Anfang viel investieren, um die Infrastruktur aufzubauen. Das ist normal, wenn man sich in einem Markt etablieren will. Google Cloud gibt es schon seit 2008, aber wir haben erst in den letzten Jahren angefangen, den Dienst aktiv zu vermarkten. Das Selbstverständnis war: Wenn wir ein gutes Produkt entwickeln, dann läuft das von selbst. Aber man muss auch erklären, was man anzubieten hat. Jetzt haben wir konstant hohe zweistellige Wachstumsraten. Das reicht, um profitabel zu werden.

Wenn Google zu Amazon und Microsoft aufschließt, dominieren drei US-Konzerne eine Branche, die Hunderte Milliarden Dollar umsetzt. Hat es Europa mal wieder verschlafen?

Sagen wir es so: Ich habe in meiner persönlichen Vergangenheit erlebt, wie europäische Anbieter versucht haben, eigene Cloud-Plattformen aufzubauen und global zu skalieren. Aber dafür braucht man enormes Kapital und personelle Ressourcen, die nur wenige Unternehmen haben. Hardware, Rechenzentren, Technologie, Forschung und Entwicklung, das kostet Geld. Und man braucht Software-Entwickler, um alles aktuell zu halten und abzusichern. Die Barriere für den Markteintritt ist gewaltig. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es schwer vorstellbar, dass ein europäisches Unternehmen da mithalten kann.

Google hat in der Vergangenheit beliebte Dienste plötzlich eingestellt. Warum sollten Unternehmen darauf vertrauen, dass Google Cloud langlebiger ist oder nicht plötzlich die Preise anzieht?

Google Cloud ist ein strategisches Geschäftsfeld von Google weltweit. Das bestätigt auch Google-Chef Sundar Pichai immer wieder. Mit unseren Kunden schließen wir kommerzielle Verträge, die uns binden. Wir könnten den Dienst gar nicht einfach abschalten. Und falls wir doch einmal eine Entscheidung treffen, die nicht gefällt, kann uns ein Kunde jederzeit verlassen. Im Gegensatz zu anderen Anbietern verlangen wir dafür keine Gebühren.

Als US-Unternehmen unterliegt Google dem Cloud-Act und muss Ermittlungsbehörden Zugriff auf Daten geben. Vor einem Jahr hat der EuGH entschieden, dass deshalb keine personenbezogenen Daten in die USA übermittelt werden dürfen. Können deutsche Unternehmen Google Cloud nutzen, ohne Bußgelder befürchten zu müssen?

Wir haben eine klare Policy: US-Behörden erhalten von uns keinen Zugriff. Wenn solche Anfragen kommen, dann leiten wir sie an die Kunden weiter. In unseren Transparenzberichten legen wir offen, welche Anfragen es gibt und wie wir damit umgehen. Das kann sich jeder anschauen. Außerdem schützen wir unsere Kunden mit Vertragsklauseln. Damit können sie sicher sein, dass alle Datenschutzstandards eingehalten werden, die in Europa verlangt werden. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit dem Europäischen Datenschutzausschuss und anderen Institutionen zusammen. Nach dem EuGH-Urteil braucht es eine neue Grundlage für den Datenaustausch mit den USA. Ich bin zuversichtlich, dass wir da bald eine praktikable Lösung finden.

Mal unabhängig von EuGH, DSGVO und rechtlichen Fragen: Gibt es Ihrer Meinung nach Daten, die nichts in der Cloud verloren haben? Oder leben wir in zehn Jahren in einer Welt, in der einfach alles irgendwo online gespeichert ist?

Ich glaube, am Ende ist es eine persönliche Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss. Es wird immer Menschen geben, die nicht alles in der Cloud haben wollen. Manche Leute stecken ihr Geld ja auch lieber in den Sparstrumpf unter der Matratze, als es auf ein Konto einzuzahlen. Aber wenn ich mir die Sicherheit anschaue, die wir bieten, dann bin ich zuversichtlich, dass man dort auch sensible Informationen speichern kann, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Nach den aktuellen Ransomware-Attacken ist die Nachfrage sogar noch größer geworden. Unternehmen stellen fest, dass ihre eigenen Datenzentren doch nicht so sicher sind, wie sie dachten. Dann geht man lieber zu einem Anbieter, der 365 Tage im Jahr nichts anderes macht, als über seine Server zu wachen.