Gleiten war gestriger Tag, die Zukunft heißt Wissenschaft (nd neuzeitlich)

Der Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH, Philipp Bouteiller (l.), hat am 5. August den symbolischen Schlüssel für den ehemaligen Flughafen Berlin-Tegel aus den Händen von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) übernommen.

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Knapp zehn Kilogramm dürfte der riesige Schlüssel wiegen, den Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Donnerstag vor dem ehemaligen Flughafen-Hauptterminal an den Chef der Tegel Projekt GmbH, Philipp Bouteiller, übergeben hat. Er steht symbolisch für rund 60 000 Schlüssel, die der Objektentwickler für die insgesamt 59 Gebäude erhält, die er vom Land übernimmt.

Die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) hatte das Tegeler Airportgelände mit seinen insgesamt 130 Gebäuden und Anlagen am Vortag an die Eigentümer, den Bund und das Land Berlin, zurückgegeben. Seit Donnerstag ist Tegel Projekt nun offiziell dafür zuständig. Zum Bestand zählen neben den Bauten gut 42 Kilometer Wasserleitungen, je rund zehn Kilometer Strom- und Wärme-Kälte-Netze, die komplette Kommunikations- und Betriebstechnik mit Aufzügen, Lüftungs- und Schließsystemen. Übernommen wurden auch Feuerschutz-, Blitzschutz- und Notstromanlagen sowie die Beleuchtung.

Mit der symbolischen Schlüsselübergabe startet zugleich die Nachnutzung des einstigen Westberliner City-Flughafens Berlin-Tegel, der am 4. November 2020 den Betrieb einstellte und am 4. Mai 2021 endgültig geschlossen wurde. Und es beginnt die Zukunft für »Berlin TXL – The Urban Tech Republic & Schumacher Quartier«.

Einzigartiges Entwicklungspotenzial

Es sei einer der seltenen Fälle, in denen Berlin noch einmal eine Fläche für echte Stadtentwicklung im Wortsinn zur Verfügung stehe, sagte Michael Müller. Und auch Sebastian Scheel (Linke), Senator für Stadtentwicklung und Wohnen sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Tegel Projekt GmbH, verwies auf das große Potenzial, das sich dem Land Berlin mit diesem Standort biete. »Eine solche Fläche wird es in europäischen Großstädten und Hauptstädten nicht noch einmal geben.«

Laut Projektgesellschaft entsteht auf dem 500 Hektar großen Areal über einen Zeitraum von voraussichtlich 20 Jahren nicht nur ein vollkommen neuer Stadtteil, sondern Berlins Modell für die Stadt von morgen: ein klimaneutrales, autoarmes und wassersensibles Wohnquartier für mehr als 10 000 Menschen und ein auf urbane Technologien spezialisierter Forschungs- und Industriepark mit Hochschulcampus. Auf einer Fläche von 150 Hektar werde Landschaftsraum der »Tegeler Stadtheide« zu einem riesigen grünen Freizeit- und Erholungsraum gestaltet. Die Senatsverwaltung für Umwelt habe diese Aufgabe Grün Berlin übertragen.

Die öffentlich und unter Bürgerbeteiligung geführte Diskussion über die Zukunft des Geländes, das mit dem geplanten Flughafenneubau in Schönefeld frei würde, begann 2008. Sie mündete in einen Masterplan, auf dessen Grundlage Tegel Projekt das Gesamtkonzept entwickelte. Dabei habe man letztlich sogar davon profitiert, dass sich der neue Hauptstadtflughafen um volle neun Jahre verzögert hat, räumte Bouteiller ein.

Mit der Urban Tech Republic entstehe ein großer Wirtschaftsstandort rund um den künftigen Campus der Beuth Hochschule für Technik, an dem Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam Berlin forschen werden, sagte Senator Scheel. Mit dem Schumacher Quartier werde dann das größte neue Stadtquartier Berlins geschaffen. »Es soll maßstabbildend sein dafür, was in der Zukunft in den Städten, in Metropolen und großen Ballungsräumen gebraucht wird«, sagte er und verweist auf die Klimaresilienz. Man plane eine Schwammstadt, die Niederschläge auffangen und speichern soll, ein konzeptionell neues Stadtquartier der erneuerbaren Energien. Und es werde das weltgrößte Quartier in Holzbauweise, für das Holz aus Berlins Umland verwendet werden soll.

Der Tegel-Projekt-Chef kündigte für 2027 den Umzug der Beuth-Hochschule in das ehemalige Hauptterminalgebäude an. Im gleichen Jahr soll auch die Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienst-Akademie aus dem ehemaligen Kasernengelände in Reinickendorf in die Flughafenhangars von Tegel verlegt werden. Wie Scheel informierte, seien bereits die ersten Bebauungspläne beschlossen und damit die planerischen Voraussetzungen die Unterbringung der Beuth-Hochschule und der Unternehmen geschaffen worden.

Kampfmittelsucher wurden fündig

Bereits im Mai 2021 hat die Tegel Projekt GmbH mit der Kampfmittelräumung im Bereich der künftigen zentralen Baustellenzufahrt am Kurt-Schumacher-Damm, östlich der Start- und Landebahnen, begonnen. Diese rund 22 000 Quadratmeter große Fläche ist bereits zu 80 Prozent beräumt, erklärte das Unternehmen am Donnerstag. Für 17 600 Quadratmeter sei die Kampfmittelfreigabe erteilt worden.

Insgesamt 350 Stück sprengfähige Munition mit einem Gesamtgewicht von knapp 900 Kilogramm sowie fast 30 000 Kilogramm Munitionsschrott seien bei der Sondierung bislang gefunden worden. Gesichert worden seien Granaten, Brandbomben und Handgranaten. Der überwiegende Teil wurde auf dem Sprengplatz Grunewald entschärft.