Gendern in welcher Wissenschaft – Jede/r nachher welcher eigenen Façon

Gendern ist der höchste Neueinsteiger in der Hitparade populärer Aufreger 2021. Herausragende Interpretinnen und Interpreten waren Anfang des Jahres Petra Gerster, Claus Kleber und Kolleg*innen, die den Glottisschlag in das Prime Time-Fernsehen einführten. 40 Jahre nach Veröffentlichung der „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“ hatte es die erste Single-Auskopplung dieser Langspielplatte zum Nummer-1-Hit gebracht. Unter dem Banner einer feministischen Linguistik taten sich damals Akademikerinnen und Akademiker zusammen, um das generische Maskulinum zu überwinden. Schon zu Beginn der 1980er-Jahre konnte die Gruppe mediale Achtungserfolge verzeichnen. Aber erst im Spätwinter 2021 gelang der Durchbruch – körbeweise erreichten das ZDF empörte Kommentare.

Schon lange vor dem Erfolg beim breiten Publikum griffen viele Hochschulen weitgehende Vorschläge zum Gendern auf. Teilweise mit bedenklichen Folgen. Im Frühjahr setzte sich ein Lehramtsstudent (und RCDS-Aktivist) an der Universität Kassel gegen einen Punkteabzug für unterlassenes Gendern juristisch zur Wehr. Der Punkteabzug war offiziell gedeckt: „Im Sinne der Lehrfreiheit steht es Lehrenden grundsätzlich frei, die Verwendung geschlechtergerechter Sprache als ein Kriterium bei der Bewertung von Prüfungsleistungen heranzuziehen.“ Bis zu einer abschließenden rechtlichen Prüfung ist dieser Hinweis „offline geschaltet“.

„Benennen“ statt „mitmeinen“?

Mit Regeln, die es erlauben, einen bestimmten Sprachgebrauch zu erzwingen, vollziehen die Universitäten nach, was etwa die Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (bukof) empfiehlt. In einer im Februar verabschiedeten Handreichung wird allen Hochschulen in Deutschland nahelegt, den Genderstern einzuführen. Eine „gendersensible Sprache, die benennt, statt mitmeint“ sei Voraussetzung für den freien Zugang an die Hochschulen und für durchlässige Karrierewege. Sollen wir diese Voraussetzungen nicht mit Macht sichern wollen?

Auch das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit war mit der Frage konfrontiert, wie sich zum Gendern zu positionieren sei. Das im Februar gegründete Netzwerk hat mittlerweile 550 Mitglieder. Die Überführung in einen eingetragenen Verein hat im Juni begonnen. Ich selbst bin Gründungsmitglied des Vereins.

Auffällige Stilblüten

Intern kursierten Berichte von Netzwerkmitgliedern, die sich durch ihre Hochschulverwaltungen in Sachen Gendern gegängelt fanden. Mehrere Netzwerkmitglieder betonten Nachteile von schlechter Verständlichkeit über grammatische und stilistische Probleme bis hin zum Verlust des kulturellen Substrats unserer Gesellschaft. Es stellte sich jedoch heraus, dass andere Mitglieder in ihrer eigenen Forschung und Lehre selbstverständlich Studierende statt Studentinnen und Studenten sagten und schrieben. Diese Mitglieder halten das generische Maskulinum mindestens für unhöflich. Sie sehen darin die Perpetuierung eines unglücklichen Zustands der deutschen Sprache.

Vor 35 Jahren begann ich, beim Eintippen der Texte für ein grünes Kommunalwahlprogramm das Gendern zu üben. Wir waren möglichst konsequent, amüsierten uns aber reinen Herzens über auffällige Stilblüten (Stell‘ bitte die LautsprecherInnen neben die Stellwand!). Es gab hingegen keine Stimme bei der Gründung des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, die an Bezeichnungen wie „Vorsitzender“ oder „Kassenführer“ in der Satzung Anstoß genommen hätte. Ich habe meine persönlichen Präferenzen, aber mit beidem lässt sich leben. Zur Vorsitzenden des Netzwerks wurde übrigens Anfang Juli die Migrationsforscherin Sandra Kostner gewählt.

Zurückhaltung ist gefordert

Die schlichte Wahrheit ist: Es gibt keinen Konsens, wie auf gemischtgeschlechtliche Personengruppen Bezug genommen werden soll. Nicht nur gibt es keinen gesellschaftlichen Konsens. Auch in Sprachwissenschaft, Psychologie oder Ethik hat sich kein überzeugender Fachkonsens gebildet. Viele der vorgeschlagenen Neuerungen sind stilistisch unbefriedigend. Für Menschen, die Texte nur schwer verstehen, sind sie oft eine echte Herausforderung. Natürlich gibt es gute Gründe, die alleinige Herrschaft des generischen Maskulinums kritisch zu sehen. Aber es gibt auch viele gute Gründe gegen alle bisher vorgeschlagenen Alternativen einschließlich des Gendersterns.

Sprache ist für Forschung und Lehre ein zentrales Werkzeug. Wer in die Freiheit der Sprachverwendung eingreift, greift in die Freiheit von Forschung und Lehre ein. Es darf weder einen Zwang zu – noch ein Verbot von – „gendersensiblen“ Sprachformen geben. In dieser Situation ist von Hochschulleitungen und Ministerien Zurückhaltung gefordert. Auch das Vordringen von offiziösen Leitlinien und Handreichungen bereitet Unbehagen. Es kann nicht Sache wissenschaftlicher oder hochschulpolitischer Institutionen sein, in einer offenen Frage Vorschriften zu erlassen.

Gegen jeden Zwang

Interessanterweise hatten die „Hinweise“ der Universität Kassel die Möglichkeit, Punkte für unterlassenes Gendern abzuziehen, mit der Lehrfreiheit der Dozent/innen begründet. Diese Lehrfreiheit findet aber eine Begrenzung im allgemeinen Persönlichkeitsrecht und in der Meinungsfreiheit der Studierenden. Ich darf als Professorin oder als Dozent erwarten, dass die Studierenden meine Lehrmeinung rezipieren und wiedergeben können. Ich darf sie aber nicht bei Strafe einer schlechteren Note zwingen, meine Lehrmeinung „performativ“ zu übernehmen.

Im Netzwerk Wissenschaftsfreiheit kommen sehr unterschiedliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Erfahrungen, Generationen und politischer Einstellungen zusammen. Wir haben uns entschieden, dass gegen jeden Zwang in Sachen Gendern ein jeder und eine jede nach eigener Façon selig werden möge. Angesichts der aktuellen Erfolgswelle von Genderstern und Co. sollten wir nicht schon bald sprichwörtlich an die Herrscher der Hochschulverwaltungen appellieren müssen „Geben Sie Gender(n)freiheit, Sire!“.