fünfter Kontinent: Dieser mysteriöse Dingo – Spektrum welcher Wissenschaft

Dingos kamen wie die Menschen als Eindringlinge

Als die Vorfahren der Dingos laut Fossilfunden vor vielleicht 4000 Jahren den australischen Kontinent erreichten, zählten Menschen, Fledermäuse (die wahrscheinlich dorthin geflogen waren) sowie von Schiffen geflüchtete Ratten zu den einzigen höheren Säugetieren (Placentalia) des Erdteils. Alle heimischen australischen Säugetiere waren Beuteltiere. Dingos kamen als Eindringlinge – wie die Menschen.

Sämtliche dort lebenden Plazentatiere – also Menschen, Pferde, Kamele, Füchse, Katzen und tatsächlich auch Hunde – gelangten per Boot auf den australischen Kontinent. Vor rund 125 000 Jahren, als der Meeresspiegel niedriger als heute lag, bildeten Neuguinea, das australische Festland sowie Tasmanien einschließlich diverser heutiger Inseln die zusammenhängende Landmasse Sahul. Durch Überflutung der Landbrücken entstand vor etwa 8000 Jahren zwischen Nordaustralien und Neuguinea die Torres-Straße, während bereits vor rund 12 000 Jahren Tasmanien von Südaustralien durch die Bass-Straße abgetrennt wurde. Von jeder der Inseln Südostasiens oder Ozeaniens konnte die Entfernung zum australischen Kontinent nur durch eine bis zu 100 Kilometer lange Seereise überwunden werden – zu weit zum Schwimmen für Mensch oder Hund. Die kürzeste Route hätte in den Norden oder Nordwesten Australiens oder vielleicht zum Vogelkop, einer Halbinsel vor Neuguinea, geführt. Archäologische Funde von den Inseln Südostasiens und Ozeaniens bestätigen, dass die dort lebenden Völker versierte Seefahrer waren, die Küsten- und sogar Hochseegewässer zu nutzen wussten. Eine Seereise hätte sie keinesfalls abgeschreckt. Boote aus Holz oder Naturfasern bleiben als archäologische Befunde nicht besonders gut erhalten, doch dafür sprechen Überreste von Angelhaken, Fischgräten, Krebsen, Muscheln, Schildkröten und gelegentlich auch Meeressäugern eine deutliche Sprache.

© Alamy / imageBROKER / Jürgen & Christine Sohns (Ausschnitt)

Schlanke Gestalten | Die Dingos dieses Rudels auf Phillip Island im australischen Bundesstaat Victoria haben ein sandfarbenes Fell sowie einen schlanken Körper. Geschickt klettern sie auf Bäume, Felsen oder andere Objekte und besitzen einen ungewöhnlich feinen Geruchssinn zum Aufspüren von Beute und Wasser.

Laut Datierung der ältesten Fundstätte Australiens, des im Northern Territory gelegenen Madjedbebe, kam der anatomisch moderne Mensch vor ungefähr 65 000 bis 55 000 Jahren hier an – also noch bevor er Europa und Ostasien von seinem afrikanischen Ursprung aus eroberte. Der australische Kontinent bildete den Endpunkt der ersten größeren territorialen Ausbreitungswelle des Menschen. Die künftigen Australier müssen daher ziemlich bald, nachdem ihre Vorfahren vor vielleicht 70 000 Jahren Afrika verlassen hatten, ihre eigenen Wege gegangen sein, um einen Großteil von Südostasien samt Inseln zu durchqueren, sich dabei geschickt an das Leben am Meer anzupassen und schließlich Australien zu erreichen. Natürlich ahnten die frühzeitlichen Migranten nichts von der Existenz ihres Ziels. Auf alle Fälle führten sie keine Hunde mit sich, da sie sich bereits lange vor der Domestikation der ersten Vierbeiner von anderen Menschenpopulationen getrennt hatten.

Die frühesten bekannten Nachweise von Dingos auf dem australischen Kontinent stammen aus der Madura Cave in der Nullarbor-Ebene nahe der Südküste. Eine Datierung dieser Knochen lieferte ein Alter zwischen 3348 und 3081 Jahren. Wie Jane Balme von der University of Western Australia und ihre Kollegen 2018 vermuteten, hatten die Dingos erst kurz zuvor Australien erreicht, selbst wenn der mutmaßliche Ankunftsort im Norden oder Nordwesten des Kontinents Tausende von Kilometern von der Fossilfundstelle entfernt lag. Demnach verlief die Ausbreitung der Dingos von Nord nach Süd sehr zügig – vergleichbar mit den um 1820 eingeschleppten Katzen, die innerhalb von 70 Jahren den größten Teil Australiens eroberten, oder den echten Haushunden auf Tasmanien, die nach Ankunft der ersten europäischen Siedler zu Beginn des 19. Jahrhunderts in etwa 25 Jahren von einem Ende der Insel zum anderen gelangten.

Laut einigen Theorien über den evolutionären Ursprung der Dingos handelte es sich um Haushunde, die Seeleute von Ozeanien oder den Inseln Südostasiens mitbrachten. Aber warum sollte man einen Dingo oder dessen Vorläufer auf eine Seereise mit unbekanntem Ziel mitnehmen? Vielleicht einfach als Gesellschaft – Dingowelpen sind außergewöhnlich liebenswert – oder weil sie Abfälle fressen und dadurch das Lager sauber halten. Vielleicht auch, um vor Gefahren zu warnen. Dingos bellen nicht, sondern heulen. Artgenossen antworten daraufhin mit ihrem Geheul und bilden so einen gespenstischen Chor, der weithin zu hören ist. Darüber hinaus können die Tiere als nächtliche Wärmekissen und notfalls als Proviant dienen, wenngleich etliche Aborigines die Vorstellung, einen Dingo zu verspeisen, zutiefst verabscheuen. Allerdings lassen sich Dingos äußerst schwer abrichten und besitzen im Gegensatz zu Hunden kein angeborenes Verlangen, dem Menschen zu gefallen. Einige von ihnen sind daher mit ziemlicher Sicherheit davongelaufen.

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Ein weiterer Punkt ist, dass es in Ozeanien oder auf den Inseln Südostasiens kaum Fossilien von Hunden oder anderen Caniden gibt, die älter als 4000 Jahre sind. Woher kamen also die Vorfahren der Dingos? Vermutlich von irgendwoher in Südost- oder Zentralasien, wie genetische Studien nahelegen, aber der endgültige Beweis steht noch aus. Untersuchungen partieller Erbgutsequenzen offenbarten nur wenige Abstammungslinien mütterlicher- (mitochondriale DNA) und väterlicherseits (Y-Chromosom), was auf eine kleine Gründerpopulation hindeutet. Die ersten Studien mit vollständigen Genomen lieferten allerdings 20 Haplotypen, die sich in zwei Kladen gruppierten. Demzufolge kamen die Tiere vermutlich in mehreren Wellen ins Land. Ähnliche Haplotypen lassen sich bei rezenten frei lebenden Hunden in Asien nachweisen. Erschwerend kommt hinzu, dass Haushunde sich äußerst eifrig mit Dingos paaren (und auch mit Wölfen, Kojoten oder Schakalen). Anhand einer Kombination von Mikrosatelliten-DNA lässt sich zwar bei jedem Individuum der Hybridisierungsgrad bestimmen, doch es existiert kein Merkmal, das eindeutig die Frage klärt: Dingo oder Haushund?

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