Frust statt Feuerwerk

Marktbreit/Landkreis Kt Der Frust ist Dieter Giffing anzusehen. Das zweite Jahr in Folge gibt es in Deutschland ein Verkaufsverbot für Silvesterfeuerwerk. Der Marktbreiter bleibt auf seinen eingekauften Waren sitzen. Die Entscheidung der Bundesregierung kann er überhaupt nicht nachvollziehen. Er ist nicht der Einzige.

Frage: Ihr Laden ist offen. Kommen überhaupt Leute, um etwas einzukaufen?

Giffing: Sehr spärlich. Feuerwerk der Klasse F1 darf auch weiterhin vertrieben werden. Das sind die kleinen Tischfeuerwerke und Knaller für Kinder. Selbst wenn ich alles verkaufe, was ich davon auf Lager habe, beträgt der Umsatz gerade mal 500 Euro.

Das reicht hinten und vorne nicht.

Giffing: Nein, zum Glück ist das hier nur mein Nebenjob. Wenn ich davon leben müsste, wäre ich längst pleite.

Haben Sie im letzten Jahr eine Förderung der Bundesregierung bekommen?

Giffing: Nein, ich mach’ meine Steuer selbst. Eine Bedingung für die Auszahlungen lautete: Steuerbüro engagieren. Das lohnt sich bei mir gar nicht.

Haben Sie ans Aufgeben gedacht?

Giffing: Klar, ich will für mein Hobby schließlich nicht drauflegen. Im Sommer gab es dann aber ein paar schöne Aufträge. Feuerwerke für Firmen und Hochzeiten komponieren. Eines fand auf Schloss Seehaus statt. Das hat wieder ein wenig Geld in die Kasse gebracht.

Und jetzt wäre die umsatzstärkste Zeit im Jahr?

Giffing: Na ja, mit dem Silvestergeschäft mache ich etwa ein Drittel meines Umsatzes. Der fällt mir im zweiten Jahr in Folge komplett weg. Und am 1. Januar kommen die Rechnungen der Lieferanten. Mal schauen, ob ich die alle aus der Geschäftskasse bezahlen kann.

Ansonsten geht’s ans Eingemachte?

Giffing: Klar, dann muss ich erneut in meine Privatschatulle greifen. Ich bin nur froh, dass mein Vermieter hier in Marktbreit so kulant war und mir die Miete für den Laden für ein paar Monate erlassen hat. Das war mein Rettungsanker. Außerdem gab es ein paar Gewerbetreibende und Kollegen, die bei mir einkaufen. Das sollte reichen, um meine Restschulden von rund 8000 Euro zu begleichen.

Ich dachte, es gibt ein Verkaufsverbot?

Giffing: An Privatkunden schon, Sie sehen ja auch in den Supermärkten keine Ware. An Gewerbetreibende mit einer Erlaubnis oder Handelsgewerbe darf ich verkaufen.

Und die dürfen an Silvester böllern?

Giffing: Feuerwerk der Kategorie 2 darf jeder abbrennen, wenn das auf dem Privatgrundstück oder nicht belebten Plätzen stattfindet. Die Städte und Gemeinden haben da schon entsprechende Reglements getroffen und veröffentlicht.

Das ist doch unlogisch.

Giffing: Unlogisch ist das Verkaufsverbot. Fragen Sie mal die Kollegen an den Grenzen zu Polen, Österreich oder Tschechien, was logisch ist. Auf unserer Seite ist der Verkauf verboten, ein paar Kilometer weiter, über der Grenze, wird alles angeboten. Also fahren die Kunden halt ins Ausland, um ihr Feuerwerk für Silvester zu holen.

Aber sie dürfen es doch gar nicht abbrennen?

Giffing: Es gibt nur ein Verkaufsverbot. Kein Verwendungsverbot.

Die Politik argumentiert damit, dass die Krankenhäuser durch Corona schon ausgelastet genug sind. Verletzungen durch Silvesterfeuerwerke würden die Kliniken zusätzlich belasten.

Giffing: Das Argument ist aus der Luft gegriffen.

Sagt wer?

Giffing: Der Interessenverband der Pyroindustrie (VPI). Und der bezieht sich auf eine Anhörung im Bayerischen Landtag.

Also mal nachgeschaut auf den Seiten der Bayerischen Staatsregierung. Tatsächlich: Am 6. April dieses Jahres wird eine schriftliche Anfrage der Grünen beantwortet. Unter Punkt 2.1 lautete die Frage: Wie viele Personen wurden in der Silvesternacht 2019/2020 durch das Abbrennen von Feuerwerk verletzt? Die Antwort: Soweit polizeilich bekannt, wurden im Erhebungszeitraum insgesamt 25 Personen verletzt. Landkreise und kreisfreie Städte ohne entsprechende Erkenntnisse werden nicht gesondert aufgeführt.

Anruf bei Klaus Gotzen, Geschäftsführer des VPI:

Frage: Haben Sie Verständnis für das Verkaufsverbot der Politik?

Gotzen: Aufgrund des Infektionsgeschehens ist es so nachvollziehbar wie geboten, sinnvolle Maßnahmen zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger zu ergreifen. Nichtsdestotrotz sind wir der Auffassung, dass privates Silvesterfeuerwerk im kleinen Kreis der Familie oder Freunden coronagerecht hätte abgebrannt werden können.

Gibt es schon Insolvenzen in Ihrer Branche?

Gotzen: Es gibt ein paar Betriebe, die das Handtuch geworfen haben.

Von wie vielen Beschäftigten sprechen wir?

Gotzen: In der gesamten Branche sind es in Deutschland rund 3000 Beschäftigte, inklusive Zulieferer.

Und die erleben einen traurigen Jahresübergang.

Gotzen: Es wäre jedenfalls konsequenter, Alkohol an Silvester zu verbieten als Feuerwerk.

Wie kommen Sie darauf?

Gotzen: Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Gerald Gaß, bestätigt, dass die hohen Zahlen an Notfalleinweisungen an Silvester nicht durch Verletzungen beim Feuerwerk stammen, sondern, weil zu viele Menschen zu viel Alkohol trinken und dann in Streit geraten oder sich anderweitig verletzen.

Aber beim Abbrennen von Feuerwerk verletzen sich halt doch immer wieder ein paar Menschen.

Gotzen: Beim sachgemäßen Umgang mit legalem Silvesterfeuerwerk ist die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung eher gering. Hauptursachen für Verletzungen durch Feuerwerkskörper sind die Verwendung von illegaler Pyrotechnik oder selbstgebastelten Artikeln. Aufgrund des Verkaufsverbots könnte sich die Verletzungsgefahr daher sogar erhöhen.

Wieso?

Gotzen: Der Bund Deutscher Kriminalbeamter Sachsen hatte sich bewusst gegen ein Verkaufsverbot ausgesprochen, da man 2020 mit Sorge die Einfuhr von illegalem Feuerwerk aus anderen europäischen Ländern feststellen musste. In einigen Nachbarländern sind zum Beispiel pyrotechnische Gegenstände der Kategorie F3 frei verkäuflich. In Deutschland erfordert diese Art von Feuerwerk eine spezielle Erlaubnis und nachweisbare Befähigung. Bei unsachgemäßer Verwendung besteht eine ernsthafte Verletzungsgefahr.

Herr Giffing, werden Sie an Silvester trotz allem ein Feuerwerk zünden?

Giffing: Ich werde in meinem Garten das machen, was erlaubt ist. Aber der Blick über die Altstadt von Marktbreit wird auch heuer wieder trist sein.

Und die Aussichten aufs neue Jahr?

Giffing: Ich werde auf jeden Fall weitermachen. Es gibt schon ein paar Aufträge für das kommende Jahr und sogar für 2023. Ich kann nur hoffen, dass wir in einem Jahr wieder normal Silvester feiern können.