Flutwein bringt Geld: Ahr-Winzer helfen sich nachher dieser Masse selbst – Wirtschaft

Bad Neuenahr-Ahrweiler – Schlammverschmierte Flaschen – gerettet aus überfluteten Weinkellern. Für die Winzer der Weinanbauregion Ahr in Rheinland-Pfalz stehen sie nach den verheerenden Überschwemmungen im Juli für die Hoffnung auf einen Neuanfang. Ausgerechnet mit „Flutwein“, ihrem schlimmsten Jahrgang …

„Nachdem wir die Flaschen geborgen hatten, mussten wir uns überlegen, was passiert damit – wir können die ja nicht einfach wegwerfen“, sagt die Initiatorin der Initiative „Flutwein“, Linda Kleber.


Foto: flutwein2021/Instagram

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Welle der Hilfsbereitschaft: Mehr als 2 Mio. Euro konnten mit dem Flutwein schon eingenommen werden. Für die von Corona und der Flut gebeutelten WinzerFoto: flutwein2021/Instagram

Die Idee kam ihr, als sie die verschmierten Weinflaschen aus ihrem verwüsteten Restaurant trug – eine nach der anderen. Tausende Flaschen Wein, die in der Region produziert wurden, stehen nun trotz der widrigen Umstände zum Verkauf – so wie sie sind, voller Erde, Schlammspritzer und mit zerrissenen Etiketten – als Symbole der Katastrophe. Es sind Einzelstücke.


Foto: BERND LAUTER/AFP

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Winzerin Linda Kleber (49) von der Initiative „Flutwein“ vor Kisten mit Weinflaschen, die mit Schlamm aus dem Hochwasser in Bad Neuenahr-Ahrweiler bedeckt sindFoto: BERND LAUTER/AFP


Im durch das Hochwasser stark verwüsteten Ahrtal gehen die Aufräumarbeiten weiterFoto: Thomas Frey/dpa

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Flutwein: Im durch das Hochwasser stark verwüsteten Ahrtal gehen die Aufräumarbeiten weiterFoto: Thomas Frey/dpa


Das Restaurant der Winzer Jorg (52) und Linda Kleber (49) in einem denkmalgeschützten Gebäude aus dem Jahr 1581 wurde durch die jüngsten Überschwemmungen stark beschädigtFoto: BERND LAUTER/AFP

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Das Restaurant der Winzer Jorg (52) und Linda Kleber (49) wurde durch die jüngsten Überschwemmungen stark beschädigt. Das denkmalgeschützte Gebäude stammt aus dem Jahr 1581 Foto: BERND LAUTER/AFP

Die Einnahmen nach aktuellem Stand: mehr als 2,2 Millionen Euro! Das gibt „enorme Hoffnung für die ganze Winzerschaft, aber auch für die Gastronomen“, sagt Winzer Peter Kriechel (38). Er selbst hatte rund 200 000 Flaschen Wein in seinem Lager, als in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli die Flut kam. Kriechel ist auch Vorsitzender des lokalen Winzervereins Ahrwein e.V.

„Ich glaube, wir liegen vor einem langen Marathon, der steht uns bevor“, sagt Kriechel. „Wobei Aktionen wie Flutwein helfen, uns einen Kickstart zu geben.“

Das Ahrtal ist bekannt für seinen Spätburgunder, der entlang der steilen Talhänge wächst. Die regionale Wirtschaft ist angewiesen auf den Weinanbau und die Touristen, die deshalb anreisen. „Ohne Wein gibt es das Ahrtal nicht und bestimmt nicht die Ahrtaler Gastronomie“, sagt Jörg Kleber, der Ehemann von „Flutwein“-Initiatorin Linda Kleber.


Der Fluss Ahr fließt durch das Ahrtal an dem zerstörten Ort Marienthal und den Weinbergen vorbei. Massive Regenfälle haben in Rheinland-Pfalz für verheerende Überschwemmungen gesorgtFoto: Philipp von Ditfurth/dpa

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Der Fluss Ahr fließt durch das Ahrtal am zerstörten Ort Marienthal und den Weinbergen vorbei. Massive Regenfälle haben in Rheinland-Pfalz für verheerende Überschwemmungen gesorgtFoto: Philipp von Ditfurth/dpa

Insgesamt zerstörte die Flutkatastrophe, bei der 225 Menschen in Europa starben, davon 187 in Deutschland, zwischen fünf und zehn Prozent der Rebfläche im Ahrtal. Paul Schuhmacher gehört zu jenen, die viel verloren haben.

„Das war kein normales Hochwasser, das war wie ein Tsunami“, erzählt der 63-jährige Winzer. Er flüchtete mit seiner Frau in eine Wohnung in der ersten Etage, bald blieb nur noch die Flucht aufs Dach. Dort harrte das Ehepaar Schuhmacher bis in die frühen Morgenstunden aus.

Und jetzt?

Ob in Ahrweiler selbst in diesem Jahr Wein hergestellt werden kann, ist noch völlig unklar, doch die Winzer aus den Nachbarregionen haben versprochen, mit der Ernte und Herstellung zu helfen.

Angesichts der schlimmsten Naturkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten hat die Bundesregierung bereits Hilfsgelder in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro bereitgestellt. FDP-Chef Lindner beispielsweise befürwortet das Einsetzen eines Sonderbeauftragten für die Hochwassergebiete. Eine koordinierende Rolle an den Schnittstellen von Bund, Ländern und Gemeinden könnte eine „echte Hilfe“ sein und für reibungslose Abläufe sorgen. „Wir haben beim Katastrophenschutz gesehen, dass es genau dort hakt“, sagte Lindner. Zudem könnte ein solcher Koordinator auch der Kopf des Fördermittelmanagements sein und damit die finanzielle Seite des Wiederaufbaus verantworten.


Winzerin Linda Kleber (49), Vorsitzender der örtlichen Winzervereinigung Peter Kriechel (38) und Klebers Ehemann Jörg (52)Foto: BERND LAUTER/AFP

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Winzerin Linda Kleber (49), Vorsitzender der örtlichen Winzervereinigung Peter Kriechel (38) und Klebers Ehemann Jörg (52) Foto: BERND LAUTER/AFP

Das Ahrtal wird trotzdem nie wieder so sein „wie es vorher war. Es werden ganz viele, was man so hört, wegziehen an der Ahr“, meint Schuhmacher. „Sie werden ihre Häuser nicht mehr aufbauen.“

Für das Ehepaar Kleber kommt Weggehen nicht infrage, auch wenn von ihrem Restaurant im Zentrum von Ahrweiler nur noch eine Ruine übrig ist. Küche, Bar, Esszimmer, Garten: Nach den Aufräumarbeiten bleibt im „Kleber’s“ nichts mehr übrig, außer die Wände, an denen eine braune Schlammspur die unvorstellbare Höhe markiert, die die Flut erreichte. Ein halber Hektar seines fünf Hektar großen Weinanbaugebiets ist zerstört. Das Erdgeschoss seines Hauses, wo sich auch seine Straußwirtschaft (Ausschank für den hauseigenen Wein) befand, ist noch überzogen mit einer Schicht aus Schlamm. „Wir hatten einen guten Sommer mit Corona und konnten uns ein bisschen was zur Seite schaffen“, sagt Kleber, der von Beruf Koch ist.

Zwei Jahre Corona waren aber „nichts“ gegen eine Stunde Flut.

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