Fluchtroute reichlich Weißrussland: Wie Hilfsorganisationen und Aktivisten Geflüchteten im polnischen Randgebiet helfen

Fluchtroute über Belarus

Wie Hilfsorganisationen und Aktivisten Geflüchteten im polnischen Grenzgebiet helfen

Jana Cavojska via www.imago-images.de

Audio: Inforadio | 17.11.2021 | Jan Pallokat | Bild: Jana Cavojska via www.imago-images.de

Mindestens neun tote Menschen sind nach offiziellen Angaben in Polen nahe der belarussischen Grenze gefunden worden. Oft dringen Meldungen nach Berlin und Brandenburg, dass polnische Behörden Geflüchtete zurück über die Grenze drängen würden. Im Grenzgebiet sind aber auch viele Aktivisten und Hilfsorganisationen aktiv.

Rettungsaktion am Sonntagabend in Topczykaly, einige Kilometer landeinwärts von der belarusisch-polnische Grenze entfernt: Eine Hilfsorganisation hat zwei syrische Brüder im Wald entdeckt, 39 und 41 Jahre alt, kaum noch in der Lage, den ihre Namen zu sagen. Helfer umhüllen die unterkühlten Männer mit wärmenden Rettungsdecken. Auf den Aufnahmen sieht man einen von ihnen auf einer Trage mit geschlossenen Augen, der Puls scheint schwach. Ein Kamerateam der Agentur Reuters filmte das Geschehen: Für die vielen Reporter aus aller Welt sind die Freiwilligen die Brücke zu den Flüchtigen im Wald, die sich verstecken, ständig auf der Hut, entdeckt zu werden, kaum jemandem trauen.

Eine Aktivistin sagt den Reuters-Reportern: “Wir haben zwei Männer im Wald gefunden in sehr kritischem Zustand. Sie konnten nicht mit uns reden, also haben wir einen Krankenwagen gerufen.” Der Wagen fährt vor. Die Männer werden in den Wagen geladen und kommen ins Krankenhaus, verspricht ein Rettungssanitäter, um dann – wieder bei Kräften – regelmäßig zurück nach Belarus gebracht zu werden.

Aktivistin versorgt Geflüchtete mit warmen Sachen

Von der Praxis der Rückweisungen, inzwischen auch offiziell eingestanden, weiß die Welt auch durch über Aktivisten, die das Schicksal der Menschen aus dem Wald oft nachverfolgen, Kontakt halten. Magdalena Lukczak etwa von der “Grenzgruppe” organsiert von einem kleinen Hotel in Grenznähe aus Hilfe. Sie eilt mit warmen Socken, Wasser oder Essen in die Wälder, wenn sie einen Tip bekommt. Oftmals versucht sie, mit Hilfe von Anwälten doch irgendwie ein Asylverfahren einleiten zu lassen, um Rückweisungen zu verhindern. Manchmal klappt das sogar etwa bei Menschen aus dem Bürgerkriegsland Syrien.

“Menschen von außerhalb, die diese Menschen wie eine Masse sehen, verstehen die konkreten Geschichten nicht und lassen sich alles einreden, etwa dass sie gefährlich seien, Sozialgeld wollten”, sagt Magdalena Lukczak. “Wenn man aber hier ist, sieht man, dass es noch schlimmer ist, als man es sich vorstellen kann. […] Niemand will Sozialgeld, alle wollen nur überleben, in ein sicheres Land”, so Lukczak weiter.

Polnische Nationalisten machen gegen Geflüchtete mobil

Die Krise um Migration im hohen Nordosten Polens mobilisiert: Nationalisten schließen sich in Internet-Gruppen zusammen, um zu diskutieren, wie die Staatsgrenze gegen “Eindringlinge” am besten zu verteidigen sei. Andere wiederum chatten angesichts der Menschen in den Wäldern, wie man helfen kann. Tenor sei, dass man muss doch was tun müsse“.

Michalowo hilft wo es kann

Gerade der dünnbesiedelte Nordosten, durch Lukaschenkos Politik, sein Land zur Schleuserautobahn zu machen, plötzlich in einen Mittelpunkt der Weltpolitik geraten, erlebt eine Welle der Hilfsbereitschaft – etwa in Michalowo. Der Ort wurde landesweit bekannt wegen der “Kinder von Michalowo”. Das waren Kinder hinter dem Zaun eines Grenzschutzpostens, die eines Tages “verschwanden”, also auch “zurückgeführt“ wurden an die Grenze, wie die Pushback-Praxis offiziell heißt. Das war ein Super-Gau im Ringen um die Meinungs- und Emotionshoheit für die polnische Regierung. In Michalowo gingen reihenweise Sachspenden ein, die Stadt ließ eine Feuerwache als Wärmestube umrüsten.

Vizebürgermeister Konrad Sikora sagt: “Für die Medien begann die Krise mit den Bildern von Migrantengruppen an der Grenze, für uns früher, denn erste Migranten kamen schon eher und haben von unseren Einwohnern Hilfe bekommen. Wir appellierten auch an die Leute, zu helfen. […] Als das Wetter schlechter wurde und uns klar wurde, dass die Leute da draußen frieren, haben wir sofort unsere Feuerwache hergerichtet. […] In Michalowo haben wir eine Tradition vieler Konfessionen und von Multikulti. Hier haben Juden, Deutsche, Protestanten, Katholiken gewohnt – bis heute leben sie miteinander. Hier schaut niemand böse auf den anderen. Vielleicht unterscheiden wir uns durch Multikulti vom Rest Polens, für uns ist das normal.”

Auch die Orthodoxie spielt in dieser Region eine Rolle. Viele Familien selbst haben Erfahrungen mit Verfolgung und Flucht. Neben Anwohnern gibt es aber auch überregionale Gruppen, die mit Freiwilligen unterwegs sind, wie die “Ärzte an der Grenze“, die einen ganzen Rettungswagen im Einsatz hatten. Nach Angriffen auf Autos der Gruppe haben sie aufgehört. Aber es gibt schon eine neue Medizinerinitiative, die nun ihrerseits bereitsteht, Erste Hilfe zu leisten. Die Gruppe heißt “Polnische Internationale Hilfe“ und ist eine der größten Nichtregierungsorganisationen im Land.

Sendung: Inforadio, 17.11.2021

Mit Material von Jan Pallokat

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