False Balance: Kann man welcher Wissenschaft Vertrauen schenken?

Was ist wahr? Wem sollte man glauben? Diese Fragen wurden in der Covid-19-Krise wieder einmal überlebenswichtig. Sollte man Querdenker-Helden wie Wolfgang Wodarg Glauben schenken, die Covid-19 herunterspielten und mit der Grippe verglichen? Oder doch lieber den Warnungen von Christian Drosten? Wer ist glaubwürdiger, der pensionierte Amtsarzt oder der renommierte Experte für Coronaviren? Auch in der Klimakrise wird es zur Schicksalsfrage, was die Gesellschaft glaubt. Ist Klimaschutz eine »Staatsreligion«, wie eine Industrie-Lobbygruppe kürzlich in einer Anzeigenkampagne behauptete, oder schlicht eine wissenschaftlich begründete Notwendigkeit?

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Foto: Astrid Eckert

Stefan Rahmstorf schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über die Klimakrise. Er ist Klima- und Meeresforscher und leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit 2000 ist er zudem Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Paläoklimaforschung, Veränderungen von Meeresströmungen und Meeresspiegel sowie Wetterextreme.

Wer die Bedeutung der Wissenschaft in solchen gesellschaftlichen Debatten richtig einschätzen will, muss dazu die Kultur und Arbeitsweise der Forschung zumindest in Grundzügen verstehen. Die Wissenschaften haben nicht nur den modernen Wohlstand Europas begründet, sondern wesentlich zur Entwicklung der Demokratie beigetragen. Denn das kritische Hinterfragen und Überprüfen von Fakten sind der Herzschlag von Aufklärung und Wissenschaft.

Hier zählt nicht mehr, was ein Herrscher oder eine Priesterkaste verkündet, sondern was auf empirische Belege und Logik gebaut ist. Wissenschaft ist damit das Gegenmodell zu Religion oder Ideologie und eine emanzipatorische, befreiende Kraft. Das besser belegte Argument gewinnt, egal ob es vom Doktoranden oder vom Professor kommt.

Goldstandard »Peer Review«

Die Forschung wird in der Regel in Publikationen in begutachteten Fachjournalen dokumentiert – und zwar mit so vielen Details zum methodischen Vorgehen, dass andere Forschergruppen die Arbeit nicht nur einschätzen, sondern im Prinzip auch wiederholen und überprüfen können (ich spreche hier vor allem über die Praxis in der auf Naturwissenschaften beruhenden Forschung wie Klimaforschung und Medizin).

Mit »begutachtet« meine ich den sogenannten »Peer Review«: Die Fachpublikationen werden von der Fachzeitschrift an meist zwei bis drei unabhängige Fachkollegen geschickt, die die Methodik bewerten und die Publikation ablehnen oder Nachbesserungen verlangen können. Bei manchen Zeitschriften passiert dies öffentlich – jeder kann dort die Gutachterkommentare und Versionen der Fachpublikation einsehen (beispielsweise bei Climate of the Past).


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Die Vielzahl der Zehntausenden Fachjournale erlaubt es zwar letztlich, fast alles irgendwo publiziert zu bekommen – allerdings mit einer deutlichen Hierarchie im Renommee der Zeitschriften. Ganz oben rangieren interdisziplinäre Traditionsjournale wie Nature, Science oder die Proceedings der National Academy of Sciences der USA (PNAS); ganz unten sogenannte »predatory Journals« (etwa: Raubtierzeitschriften), die rein kommerzielle Interessen verfolgen und ohne echten Peer Review jeden Unsinn veröffentlichen, Hauptsache die Autoren bezahlen ein paar Tausend Dollar Publikationsgebühren. Mehr als eine Website braucht man für dieses Geschäftsmodell nicht, und immer wieder erscheinen »Klimaskeptiker«-Thesen in solchen Pseudo-Fachjournalen.

Die Bedeutung einer Studie kann man grob daran abschätzen, wie häufig sie in anderen Studien zitiert wird. Diese moderne Publikationspraxis und das Internet erlauben es Journalisten, aber auch jedem Laien, sehr einfach renommierte Experten in einem Fachgebiet zu identifizieren, die auch tatsächlich anerkannte Forschungsleistungen auf dem Gebiet vorzuweisen haben: in Publikationsdatenbanken wie Web of Science (die Redaktionen hoffentlich fleißig benutzen) oder Google Scholar (einer brauchbaren Gratis-Alternative).

Zwischen Medien- und Fachprominenz gibt es oft einen Kontrast

Zum Beispiel der Eingangsfrage: würden Sie eher Wodarg oder Drosten glauben? Web of Science kennt keine einzige Forschungsarbeit eines Wolfgang Wodarg, doch über 400 von Christian Drosten. Seine Arbeiten wurden in der Fachliteratur letztes Jahr 15.000-mal zitiert – in den Jahren vor Corona um die 1.500-mal im Jahr (was zufällig auch der Zitierrate meiner Arbeiten entspricht). Die Zitierrate von Hendrik Streeck liegt übrigens in den letzten Jahren um die 700 pro Jahr, auch im Jahr 2020, und beruht weit überwiegend auf seinen Arbeiten zu HIV. Die Prominenz von Streeck in manchen deutschen Medien steht damit in Kontrast zur eher geringen Beachtung seiner Covid-19-Forschung in der internationalen Forschergemeinde.

Dass es eine wissenschaftliche Methodik gibt, bedeutet freilich nicht, dass es keine unterschiedlichen Deutungen der Realität durch Forschende gibt. Im Gegenteil: Die Kontroverse ist der Alltag von uns Wissenschaftlern. Allerdings eine produktive Kontroverse, bei der es um Annäherung an die Wahrheit geht und deren Währung Evidenz und gute Sachargumente sind. Dabei gibt es jedoch nicht »für jede Studie eine Gegenstudie« und alles ist beliebig, sondern genau diese offene Debattenkultur ist die Stärke der Wissenschaft: Hypothesen werden dabei intensiv auf Schwächen und sich widersprechende Evidenz abgeklopft. Hypothesen, die diesen Debatten standhalten und breite Unterstützung finden, werden zu belastbaren Erkenntnissen.

So ist es seit rund drei Jahrzehnten mit den Grundaussagen der Klimaforschung über die globale Erwärmung, die durch Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas verursacht wird. Natürlich können diese Erkenntnisse immer wieder auch infrage gestellt werden – Sinn ergibt das aber nur, wenn es überzeugende neue Daten und Argumente dagegen gibt.

Würden Sie Ihre Heizungsanlage von Ihrem Friseur installieren lassen?

In der »Skeptiker«-Scheindebatte in einzelnen Medien findet man diese jedoch nicht; diese Debatte wird mit auf Laien gezielte Scheinargumenten geführt (wie etwa kürzlich von »Welt«-Herausgeber Stefan Aust), die bei Forschern nur Kopfschütteln auslösen. Zwar werden von solchen »Skeptikern« gern auch wissenschaftliche Studien angeführt. Jedoch entweder solche, die im wissenschaftlichen Diskurs als nicht überzeugend oder fehlerhaft durchgefallen sind, oder solche, die dem etablierten Wissensstand gar nicht widersprechen, aber bewusst verzerrt dargestellt werden.

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Immer wieder stellen einige Medien die Aussagen renommierter, unabhängiger Forscher wie gleichwertig den Aussagen von fachfremden Laien oder Interessenvertretern gegenüber. Durch diese falsche Ausgewogenheit entsteht ein verzerrtes Bild von Umstrittenheit auch bei Fragen, die in der Wissenschaft längst geklärt sind. Hand aufs Herz: Würden Sie Ihre Heizungsanlage von Ihrem Friseur installieren lassen, weil er behauptet, Heizungsprofis würden das allesamt völlig falsch machen?

Heute haben wir in der öffentlichen Debatte weniger das Problem, dass Herrscher oder Religion uns vorschreiben, was wir zu denken haben. Vielmehr sind es reiche Interessengruppen und mit ihnen verbündete Medien (etwa das globale Medien-Imperium von Rupert Murdoch), die ihre Ziele durchsetzen, indem sie unliebsame wissenschaftliche Erkenntnisse als unsicher und umstritten darstellen. Dabei ist die Lobby der Vergangenheit (etwa der fossilen Energiewirtschaft) immer stärker und besser mit der Politik verflochten als die der Zukunft. So behindert und verschleppt sie seit Jahrzehnten eine entschlossene Klimapolitik, die bei nüchterner Betrachtung nach dem Erdgipfel in Rio de Janeiro mit der Verabschiedung der Klimarahmenkonvention im Jahr 1992 hätte beginnen müssen.

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Foto: Pia Pritzel / DER SPIEGEL

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Wem also glauben? Und warum? Christian Drosten, weil er ein international erfolgreicher Forscher ist? Oder Wolfgang Wodarg, weil seine Argumente uns sympathischer sind? Uns weniger Angst machen? Scheindebatten machen sich eine menschliche Schwäche zunutze: Wir haben eine Neigung, das zu glauben, was wir allzu gern glauben würden. Der Fachausdruck dafür heißt »motivated reasoning«. Oder schlicht Wunschdenken. Auch wir Forscher sind Menschen und stets in Versuchung, das eigene Modell für besser, die eigenen Resultate für wichtiger zu halten als die der Konkurrenz. Dagegen hilft die Kultur der Wissenschaft: die Ausbildung, die Verpflichtung, auch mögliche Schwächen und Grenzen in den eigenen Studien zu diskutieren, und der Peer Review. Alles nicht perfekt und wasserdicht, aber doch die beste Art, möglichst zuverlässige Informationen zu erhalten.

Umso mehr, wenn es von Hunderten renommierten Experten gemeinsam über Jahre ausgearbeitete Berichte gibt, wie die des »Weltklimarats« IPCC. Dort wird der Wissensstand der umfangreichen Fachliteratur (derzeit erscheinen jährlich rund 20.000 Studien zum Stichwort »climate change«) verständlich aufbereitet und zusammengefasst. Der erste IPCC-Bericht erschien schon 1990. Niemand kann später sagen, er hätte nicht seit Jahrzehnten wissen können, was passiert.