Eva Illouz’ und Dana Kaplans Buch „Welches ist sexuelles Kapital?“

Vor zwei Jahren fanden Ökonomen der Universität von Oregon heraus, dass Angestellte, die am Vorabend ehelichen Geschlechtsverkehr hatten, am folgenden Tag eine fünfprozentige Verbesserung ihrer Stimmung am Arbeitsplatz verspürten. Das ließe sich von einer ordentlichen Nachtruhe und einem reichhaltigen Frühstück sicher auch sagen, aber für Eva Illouz und Dana Kaplan ist das ein äußerst wichtiger Befund, weil es so ziemlich der einzige empirische Befund ist für die These ihres Buches. Was ist sexuelles Kapital, fragen die beiden Soziologinnen darin, und das Verständnis ihrer Antwort setzt beim Leser voraus, dass er zunächst versteht, was sexuelles Kapital alles nicht ist.

Es meint nicht, wie im üblichen soziologischen Sprachgebrauch, die sexuelle Attraktivität eines Menschen, die vielleicht auch noch durch kapitalintensive Investitionen etwa in plastische Chirurgie oder sportliche Aktivitäten als „Investitionen im sexuellen Konkurrenzkampf“ gesteigert werden kann. Natürlich sind manche Menschen in solchen Arenen wie dem Heiratsmarkt erfolgreicher als andere und verfügen damit über ein größeres sexuelles Kapital im geläufigen Sinne.

In einer Welt scheinbaren sexuellen Überflusses

Und umgekehrt steigert auch der Besitz tatsächlichen Kapitals die Chance auf sexuelle Erfüllung. Das ist alles hinreichend erforscht, insbesondere natürlich unter den Aspekten der sozialen Ungleichheit der Geschlechter. Illouz und Kaplan würdigen diese Forschung, kritisieren aber daran die implizite Verengung des Begriffs auf die Genderkritik. Sie wollen viel grundsätzlicher vorgehen und die von ihnen gemeinte Form von sexuellem Kapital auf Klassenzugehörigkeit und Klassenverhältnisse hin befragen.


Eva Illouz und Dana Kaplan: „Was ist sexuelles Kapital?“
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Bild: Suhrkamp Verlag

Die einschlägige Frage hier ist die nach der Reproduktion geschlechtsspezifischer Ungleichheit durch die Wirtschaftsordnung. Etwa schlechtere Aufstiegschancen von Frauen oder deren geringere Entlohnung. Doch Illouz und Kaplan drehen diese Frage um, wollen umgekehrt herausfinden, wie „die neoliberale Sexualität zur Reproduktion des Kapitalismus“ beiträgt. Könnte es sein, dass in einer Welt „scheinbaren sexuellen Überflusses, in der alle jede Menge guten, lustvollen Sex haben sollen“, manche ihren Sex dazu benutzen, ihren eigenen Wert zu steigern?

Alles eine Frage des Körpers

Die Autorinnen räumen ein, dass ihre Behauptung, man könne die eigentlich ganz private Erlebnisqualität von Sex für Erfolg am eigenen Arbeitsplatz nutzen, zunächst absurd erscheint. Schließlich geht es ihnen nicht um unprofessionelles Verhalten oder um Schlüpfrigkeiten und Anzüglichkeiten, und einen Ratgeber zum Einsatz des Beischlafs zwecks Aufstieg in der Betriebshierarchie haben sie schon gar nicht geschrieben. Aber worin besteht dann diese von ihnen unterstellte Verbindung zwischen der Privatsphäre der sexuellen Erfahrung und der öffentlichen Sphäre des Berufs?

Man tut Illouz und Kaplan sicher nicht unrecht, wenn man ihr Buch als eine Ergänzung zu einem Kapitel in Andreas Reckwitz’ „Die Gesellschaft der Singularitäten“ liest. Dort, wo Reckwitz über die Bausteine der „singularistischen Lebensführung“ schreibt, also über die Selbstwertsteigerungen der Subjekte jenseits der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, findet sich zwar ein Abschnitt über den Körper, aber vom Sex schweigt Reckwitz beharrlich. Dabei mache die Mittelklasse ihren Körper zu einem Gegenstand bewusster Gestaltung und Erfahrung und begebe sich mit ihm in die „unerbittlichen Prozesse der kulturellen Valorisierung“ – die gesunden und gewandten Körper stünden den ungesunden, übergewichtigen und unbeweglichen Körpern gegenüber, heißt es bei Reckwitz. Illouz und Kaplan ergänzen: Gegenüber stünden sich auch die Körper ohne und die mit Sex.

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