“Europa muss die Technologie-Kompetenz stärken”

Infineon baut aktuell die Fertigungskapazitäten am Standort in Villach aus und investiert 1,6 Milliarden Euro in eine neue High-Tech
Chipfabrik für Leistungselektronik („Energiesparchips“). Mit der Nachfrage nach Mikroelektroniklösungen steigt auch der Bedarf der in der Produktion benötigten Gase und Chemikalien – darunter hochreiner Wasserstoff als Prozessgas. Dieser Wasserstoff, der bisher per LKW aus Deutschland geliefert wurde, wird künftig direkt am Infineon-Produktionsstandort in Villach aus erneuerbaren Energien erzeugt.

Thomas Reisinger, Vorstand für Operations bei Infineon Technologies Austria, zu der gemeinsam mit dem Industriegas-Spezialisten Linde errichteten Anlage: „Eine ressourcenschonende Produktion ist ein wesentlicher Hebel auf dem Weg zur Klimaneutralität. Mit dem Produktionsstart unserer neuen Chipfabrik für Leistungselektronik Anfang August 2021 steigt auch der Bedarf an Wasserstoff für den Fertigungsprozess kontinuierlich. Mit der Umsetzung der Elektrolyse-Anlage am Infineon-Standort Villach sind wir für die Zukunft in zweierlei Hinsicht gerüstet: mit einem wichtigen Beitrag zum Klimaschutz wie auch der notwendigen Versorgungssicherheit.“

Im trend CEO-Podcast erzählt Infineon Austria Vorstandschefin Sabine Herlitschka, wie sie es inmitten dieser historischen Pandemie geschafft hat, Österreichs heikelstes Bauprojekt noch schneller als geplant durchzuziehen, wie angstfreie Virusbekämpfung aussieht, und welche großen Visionen sie mit ihren Mitarbeitern eigentlich verfolgt.

Im folgenden Interview mit dem trend spricht Herlitschka, die auch Vorsitzende des Rats für Forschung und Technologieentwicklung ist, über erfolgreiche Industriepolitik, Bildung, Forschung und Innovation.

Podcast

trend:
Der Wettbewerb zwischen den USA und China verschärft sich. Was muss Europa tun, um nicht zurückzufallen?

Sabine Herlitschka:
Zunächst müssen wir uns ehrlich eingestehen, dass wir in einigen Bereichen bereits merkbar zurückgefallen sind. In anderen Bereichen sind wir noch vorne mit dabei. Das Match wird letztlich über Forschung und die erfolgreiche Umsetzung von Innovationen entschieden werden. Wir sollten alle verstehen, dass auf lange Sicht unser Wohlstand, die soziale Stabilität und die Lösung der ökologischen Probleme davon abhängen werden, wie gut sich Europa in diesem Wettbewerb schlägt.

Was ist dafür konkret notwendig?

Bisher hat die Bundesregierung im Innovationsbereich richtige Schritte gesetzt. So war etwa der Beschluss der FTI-Strategie 2030 und des Forschungsfinanzierungsgesetzes 2020 sehr positiv, weil damit Planungssicherheit gegeben ist. Für die erfolgreiche Umsetzung dieser Schritte braucht es für die Zukunft passende Steigerungen des Budgets. Auch die Investitionsprämie ist ein wichtiges Instrument, da sie Anreize schafft, bereits geplante Investitionen vorzuziehen und damit das Wachstum anzuschieben. Wir wissen heute, dass ein Arbeitsplatz in der Industrie zumindest zu drei weiteren im Bereich von zuliefernden Betrieben führt.

Das Ziel muss die Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit sein.

Was bedeutet das für die Industriepolitik?

Eine künftige Industriepolitik muss zwei übergeordnete Ziele verfolgen: erstens die Sicherstellung von Technologiesouveränität und staatlicher Handlungsfähigkeit und zweitens die proaktive Unterstützung der österreichischen Industrie bei der Entwicklung der künftigen Wettbewerbsfähigkeit sowie ihres Beitrags zur Resilienz und Versorgungssicherheit. Wir arbeiten an einer Empfehlung für die neue Industriepolitik, die auf drei Säulen aufbaut: Säule eins ist eine Technologieoffensive, Säule zwei die Schaffung resilienter Wertschöpfungsketten und Säule drei die Herstellung eines fairen internationalen Wettbewerbs. Das Ziel muss die Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit sein.

Ist der Fokus auf Technologiesouveränität eine Lehre aus der Coronakrise?

Die Dringlichkeit dieses Themas, die durch die Covid-19-Pandemie noch weiter verschärft wurde, ist mehr als spürbar. Systemrelevante strategische Technologien erfüllen zentrale Funktionen wie etwa die Sicherung hoheitlicher Aufgaben und die Erfüllung gesellschaftlicher Bedürfnisse. Zudem spielen sie eine zentrale Rolle für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und stehen auch für die Werte einer Gesellschaft.

Und der kritische Erfolgsfaktor?

Ein Schlüsselkriterium für die Technologiesouveränität, Innovationsfähigkeit und Beherrschung des digitalen Wandels ist eine zeitgemäße Aus-und Weiterbildung. Die technische Basisausbildung in Europa ist zwar gut, muss aber noch stärker auf die Erfordernisse von Schlüsseltechnologien ausgerichtet werden. Das erfordert den Ausbau der MINT-Ausbildung und eine stärkere Integration der Digitalisierung auf allen Bildungsstufen.

Das Interview ist der trend. EDITION vom August 2021 entnommen.