Eine echte Wettbewerb zum Besten von Tinder und Cobalt.?

„Eigentlich ein cooles Design, die Bedienung und Einrichtung ist einfach“, fasst Noah Hermann (Name von der Redaktion geändert) aus Celle seinen ersten Eindruck von Facebook-Dating zusammen. Als es dann bei der Flirtfunktion von Facebook aber zur Sache ging, ist der 20-Jährige etwas irritiert. Bei der Partnersuche bekommt er Vorschläge aus dem von Celle aus mehr als 50 Kilometer entfernten Braunschweig und dem 150 Kilometer entfernten Göttingen. Zudem sind viele seiner potenziellen Flirtoptionen knapp zehn Jahre älter.

Zunächst denkt Noah, dass er das Problem erkannt hat: In seinen Präferenzen war der Entfernungs­radius der Datingvorschläge zu hoch eingestellt – und auch die Altersspanne war etwas zu groß. Das ließ sich ändern. Bei seinen anschließenden Vorschlägen sieht es zumindest etwas besser aus: Hannover ist mit 40 Kilometern Entfernung schon etwas näher dran und ohnehin die Stadt, in der er studiert. Auch ein paar Treffer von Frauen aus Celle bekommt er vorgeschlagen – auch wenn es nur wenige sind. Nach schätzungsweise mehr als 100 angezeigten Profilen hat Facebook-Dating allerdings keine Vorschläge mehr für ihn. Die Funktion bietet ihm jedoch an, seine Präferenzen zur Entfernung für 72 Stunden zu erweitern. Er willigt ein – und es folgen Vorschläge von Facebook-Dating-Nutzern aus dem Sauerland und den Niederlanden. Dass er kaum auf Nutzer in seiner Umgebung stößt, weist auf ein ganz anderes Problem hin: Offenbar nutzen zu wenige Menschen das Flirtportal.

Im Test sind nur wenige passende Dating­kandidaten für den 20-jährigen Studenten dabei

Seit Oktober 2020, mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung in den USA, können auch deutsche und europäische Nutzer mit der Funktion auf Partnersuche gehen. Zu offiziellen Nutzerzahlen hält sich Facebook auch anderthalb Jahre nach dem Launch in den USA bedeckt: Auf Nachfrage des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND) konnte Facebook dazu keine Daten vorlegen.

Noah, der vor seinem Test der Funktion noch nie von Facebook-Dating gehört hat, hatte trotz eines vollständig ausgefüllten Profils mit vielen Angaben zu Interessen, Hobbys und Tätigkeiten nur wenige für ihn passende Vorschläge bekommen. Ist Facebook-Dating vielleicht einfach nicht für seine Altersgruppe gedacht? Wie Facebook dem RND mitteilte, gibt es zumindest keine bestimmte Zielgruppe für Facebook-Dating – es eigne sich für alle User ab 18 Jahren. Das soziale Netzwerk wolle mit der Dating­funktion „Menschen eine sichere Plattform geben, die ein Date aufgrund gemeinsamer Interessen suchen“. Doch Noahs Chancen auf ein über Facebook-Dating arrangiertes Treffen sind nach seinem Test denkbar gering: Insgesamt gefielen ihm nur drei Vorschläge, wobei keine der Frauen aus Celle kommt. Und inmitten der dritten Corona-Welle weite Strecken für ein Date zu fahren kommt für ihn auch nicht infrage.

Mit Facebook-Datings „Secret Crush“-Funktion können Menschen ihren heimlichen Schwarm kennzeichnen. Mit ein wenig Glück wird das Interesse erwidert. © Quelle: Facebook

Trotz Onlinedating-Boom: Facebook-Dating kann sich nicht gegen Tinder und Co. behaupten

Dabei hat Facebook mit der Pandemie eigentlich den genau richtigen Startzeitpunkt für sein Flirtportal in Deutschland erwischt. Denn Onlinedating ist in der Corona-Pandemie auch aufgrund geschlossener Bars und Clubs stärker in den Fokus von Singles gerückt. Gut jeder dritte Deutsche loggt sich laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom in Pandemiezeiten häufiger auf den Seiten von Anbietern für Onlinedating ein als zuvor. Eine weitere Studie der Hochschule Fresenius in Köln zeigt, dass vor allem Dating-Apps wie Tinder oder Lovoo während der Pandemie häufiger genutzt wurden: 62 Prozent der Befragten gaben an, das jeweilige Angebot intensiver zu nutzen.

Trotz dieser viel­versprechenden Zahlen und einem günstigen Zeitpunkt für den Start in Deutschland konnte sich Facebook-Dating noch nicht gegen die Konkurrenz durchsetzen, berichtet auch Flirtcoach Horst Wenzel. Er hilft in seiner „Flirtuniversity“ Singles in Seminaren beim Daten. Unter anderem tüfteln er und die anderen Flirtcoaches an den Datingprofilen, um sie ansprechender zu gestalten. „Bei uns spielt Facebook-Dating kaum eine Rolle“, sagt er. Tinder, Lovoo, Okcupid und Parship seien bei seinen Kunden klar angesagter. „Der Markt für Dating-Apps ist einfach auch schon sehr übersättigt“, findet er.

Sinkende Nutzerzahlen, verstaubte Profile: Ist Facebook für Datingfunktion die falsche Plattform?

Doch das sei nicht der einzige Grund für die vergleichsweise wohl eher geringe Resonanz in Deutschland, betont Wenzel. Viele würden Facebook nicht mehr mit der beliebten Plattform verbinden, auf der einst gefühlt alle angemeldet waren. Die Jüngeren, für die Onlinedating besonders infrage kommt, kehren Facebook immer mehr den Rücken zu. Das zeigt auch die Entwicklung der Nutzerzahlen: Der repräsentativen Befragung „Social-Media-Atlas 2020″ zufolge nutzten nur noch 36 Prozent der 16- bis 19-Jährigen das soziale Netzwerk. Zwei Jahre zuvor waren es noch gut zwei Drittel (68 Prozent), wie aus den Daten der Beratungs­gesellschaft Faktenkontor und des Marktforschers Toluna hervorgeht. Im Vergleich zu 2018 sank die Nutzung aber auch in allen anderen Altersgruppen: Beispielsweise bei den 20- bis 29-Jährigen von 89 auf 73 Prozent, und auch bei den 40- bis 49-Jährigen von 73 auf 64 Prozent.

Was für viele Menschen noch übrig bleibt, sind also jahrelang liegen gelassene Profile mit veralteten Informationen und Bildern. „Allein die Tatsache, dass viele Leute bei der Datingfunktion an ihr verstaubtes Facebook-Profil denken, wirkt für sie erst mal abschreckend“, betont der Flirtexperte. Auch in Wenzels „Flirtuniversity“ haben erfahrungsgemäß viele Teilnehmer am angebotenen Onlinedating-Modul gegenüber dem Flirtportal Vorbehalte: Sie befürchteten, dass ihre Facebook-Kontakte von ihrem Datingprofil erfahren oder – noch schlimmer – dass sie ihnen bei der Partnersuche vorgeschlagen werden.

Für das Flirtportal ist ein Facebook-Account zwar nötig, die Plattform weist aber bereits im ersten Anmeldungsschritt darauf hin, dass keine der aktuellen Facebook-Freunde vorgeschlagen werden und diese auch nicht darüber benachrichtigt werden, dass man sich angemeldet habe. Der Name und das Alter werden vom Facebook-Profil übernommen, doch Nutzer von Facebook-Dating können in den anderen Angaben entscheiden, ob sie automatisch Informationen von ihrem Facebook-Profil beziehen wollen oder eine manuelle Einrichtung bevorzugen. Doch das wüssten laut Wenzel viele seiner Kunden nicht und vermieden die Datingfunktion daher.

Facebooks Jahre als Datingsite sind vorbei

Für Wenzel stellt sich vor allem eine Frage: Warum führte Facebook die Datingfunktion erst vor wenigen Monaten und nicht schon vor einigen Jahren ein? Denn noch vor gut sieben Jahren war Facebook so etwas wie eine inoffizielle Datingsite, erinnert sich Wenzel: Beispielsweise haben Leute über Facebook ihren Schwarm aus der Universität nach einem Date gefragt, den sie auf dem Campus vielleicht nicht angesprochen hätten. „Diese Datingfunktion kommt einfach zu spät. Das hätte Facebook besser während seiner Hochwelle einführen sollen“, betont Wenzel. 2014 hatten beispielsweise laut dem „Social Media Atlas 2020“ noch 92 Prozent der 16- bis 19-Jährigen Facebook benutzt. Unter allen Altersgruppen lag die höchste Nutzungsrate bei 76 Prozent im Jahr 2017.

Flirtcoach Wenzel: „Facebook-Dating könnte eine Totgeburt sein“

Diese Zeiten sind nun vorbei – und für die Funktion sieht es laut Horst Wenzel nicht gut aus: „Facebook-Dating könnte eine Totgeburt sein“, sagt der Flirtexperte. Es fehle laut Wenzel der Mut zur Innovation, die Bedienung erinnere zu sehr an Tinder. Wie bei der beliebten Dating-App lassen sich die Flirtvorschläge bei Facebook-Dating annehmen oder ablehnen, wenn auch nicht mit einem Wisch nach links oder rechts, sondern mit einem „X“ oder einem „Like“. Wenn ein Datingkandidat mit einem „Like“ versehen wird, so ist dies für den Profilinhaber in der App sichtbar. Geben sich beide ein „Like“, kommt es zu einem „Match“.

So richtig von der Konkurrenz abheben kann sich Facebook-Dating laut Wenzel also nicht. Dabei hatte das Zuckerberg-Unternehmen vor allem die Funktion „Secret Crush“ groß angekündigt: Hierbei können Facebook-Freunde aus der eigenen Liste als heimlicher Schwarm gekennzeichnet werden. Diese erhalten den Hinweis, dass sich jemand für sie interessiert – jedoch wird nicht preisgegeben, wer der Interessent ist. Erst wenn der Facebook-Freund ebenfalls Dating nutzt und man sich gegenseitig als „Crush“ gekennzeichnet hat, erhalten beide Seiten eine Benachrichtigung und erfahren von ihrem Schwarm. Wegen der anscheinend geringen Resonanz bei Facebook-Dating kann aber auch diese Funktion nicht überzeugen, sagt Wenzel: „Die Gefahr ist, dass das eher zu einer Enttäuschung führt. Entweder weil der ‚Secret Crush‘ nicht dasselbe empfindet oder weil er die Datingfunktion einfach nicht nutzt.“ Auch diese Funktion hätte Facebook viel früher – am besten schon vor vielen Jahren – einführen können, betont der Flirtexperte.

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