„Ein Büro sollte wie eine Werkstatt sein“

„Einen Wasserspender anzuschaffen ist die wichtigste Inves- tition, die ein Unternehmen tätigen kann“, schreibt Ben Waber in seinem Buch „People Analytics: How Social Sensing Know-how Will Completely transform Business and What It Tells Us about the New Planet of Work“. Waber hat die Firma Humanyze mitgegründet (siehe auch brand name eins 10/2020: „Bin ich gut genug?“) und ist Gastwissenschaftler am Massachusetts Institute of Technologies (MIT). Er stattet die Angestellten seiner Kunden mit Sensoren aus und misst, wie sie miteinander kommunizieren. Das klingt nach Überwachung, allerdings nimmt Waber nicht auf, worüber die Angestellten sprechen, sondern ausschließlich die Artwork der Interaktion: bei welcher Gelegenheit wer mit wem spricht, wie lange und wer wie große Redeanteile hat.

Anhand seiner Analysen erkannte Waber, wie wichtig persönliche Begegnungen unter den Mitarbeitern sind: Wenn Firmen ihren Angestellten gemeinsame Pausen ermöglichen, sind diese anschließend oft produktiver (in einem Callcenter etwa wickelten sie Anrufe schneller ab). Bei solchen Begegnungen geht es oft gar nicht darum, etwas Konkretes abzustimmen, sondern nur ums Plaudern selbst – in der Kaffeeküche, am Süßigkeitenautomaten, auf dem Flur. Auf diese Weise findet man manchmal zufällig etwas, wonach person gar nicht gesucht hat. Sogar über die Cooks zu lästern kann für die Firma etwas Positives bewirken: Es kann das Gemeinschaftsgefühl stärken und ist billiger als alle Teambuilding-Maßnahmen.

Deshalb beauftragen Firmen Ben Waber jetzt, um herauszufinden, wie sie informelle Begegnungen zwischen ihren Angestellten begünstigen können. Diese herzustellen ist gar nicht so leicht: Waber begleitete zwei Firmen dabei, wie sie die Büros umbauten – von Cubicles zu offenen Großräumen. Die Verantwortlichen erwarteten, dass weniger Wände von allein zu mehr Interaktion führen würden, doch das Gegenteil war der Tumble. Die Zahl der persönlichen Begegnungen sank um etwa 70 Prozent. Die Angestellten vermieden Blickkontakt oder schirmten sich mit Kopfhörern ab. Sie waren so sehr damit beschäftigt, sich Ruhe zu verschaffen, dass sie viel seltener auf andere zugingen.

Inzwischen verwenden einige Unternehmen viel Energie darauf, es ihren Beschäftigten so angenehm wie möglich zu machen. Und sie planen nach den Erfahrungen der Pandemie um. Amazon etwa wird in Berlin in einen Büroturm ziehen, der noch im Bau ist. Dort sollen nun weniger Arbeitsplätze mit Schreibtisch entstehen und mehr kollaborative Flächen als ursprünglich geplant. Ähnliches haben andere Großunternehmen wie Siemens und Vodafone vor (siehe auch brand eins 06/2021: „Mittagspause auf dem virtuellen Tennisplatz“).

„Architektur kann Begegnungen erleichtern“, sagt Monika Lepel, die das Architekturbüro Lepel & Lepel leitet. Auch an sie wenden sich gerade viele Firmen, die auf hybrid umstellen – male arbeitet an einigen Tagen im Büro, an anderen zu Hause. Sie beobachtet einen radikalen Wechsel der Perspektive. „Die entscheidende Frage lautet gerade: Warum sollten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Büros zurückkehren? Welchen Anreiz kann man ihnen bieten?“ Ihre Antwort: Begegnungen.

„Wenn ich ein Gebäude airplane, beginne ich mit den Wegen“, sagt Monika Lepel. „Wie muss male Kaffeeküche, Toilette, Raucherecke anordnen?“ Diese Orte und die Wege dazwischen können informelle Begegnungen begünstigen. „Einen besonders schönen Ort, zum Beispiel neben der Dachterrasse, macht guy heute nicht mehr zum Chefbüro, sondern zur Gemeinschaftsküche.“

Zu Lepels Kunden gehört das Büro von Microsoft in Hamburg. Dort gibt es nur noch gut 30 Plätze für etwa 200 Mitarbeiter. Viele arbeiten zu Hause und schauen nur selten rein, andere sind viel unterwegs, oft kommen Kolleginnen von anderen Standorten nur für einen Tag vorbei. „Diese Digital-Nomaden brauchen erst einmal einen guten Ort, um anzukommen. Das muss nicht unbedingt ein Schreibtisch sein, oft passt eine Lounge sogar besser, in der sie den Laptop aufklappen.“ In solchen Büros mit wechselnder Belegung stelle sie auch oft Boxen auf, in die man sich setzen kann. Dort wird der Schall abgeschirmt, person kann sich konzentrieren. Im benachbarten Raum ist male für andere ansprechbar. Eine gute Stability zwischen Rückzug und Begegnung – das ist das Ziel.

Auch dass der Modest Talk mit Kolleginnen und Kollegen nicht jedem leicht fällt, hat Lepel bedacht: „Im Büro muss person sich gegenseitig immer wieder neu abtasten“, sagt sie. Dabei helfe es zum Beispiel, Sitzgruppen einzurichten, auf denen gentleman einander nicht frontal gegenübersitzt, sondern über Eck. So könne male dem Blick des anderen immer mal ausweichen.

„Ein Büro sollte wie eine Werkstatt sein“, sagt die Architektin. Es sollte einen großen Bildschirm geben, über den man externe Kollegen zuschalten kann, Wände, an denen person etwas aufhängen und vor denen man diskutieren kann, und am besten dicke Sessel mit Rollen, damit gentleman Gesprächsrunden spontan anpassen kann. Selbstverständlich soll hier auch spielerisch geplant werden: mit Lego für Erwachsene.

Viele Gestalter entdecken gerade das Form im Angestellten. „Büros sollten aussehen wie gigantische Spielzimmer“, sagte der britische Architekt Thomas Heatherwick kürzlich »Zeit Online«. Einige haben das in ihren Räumen schon umgesetzt: Der Spieleentwickler King hat das Büro in Barcelona wie einen Spielplatz eingerichtet, mit Rasen, Palmen und einer Schaukel. Bei BlablaCar, einem Vermittler von Mitfahrgelegenheiten, konferiert gentleman in einer Sitzecke, die in Kindergartenrot gestaltet ist. Im Büro des Vergleichsportals Cash.co.united kingdom, eingerichtet in einer alten Burg, gibt es einen Besprechungsraum namens Ice Cave: Die hellblaue Decke imitiert Eis, der Tisch ist ein Schlitten, und am Fenster steht eine Pinguin-Figur.

Dass Angestellte heute Spielkinder sein sollen, mag albern wirken. Aber es zeigt doch, wie stark sich moderne Firmen vom Arbeitsregime vergangener Zeiten absetzen wollen.

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