Editorial: Sicherheit hinauf Dauer – Spektrum welcher Wissenschaft

Anfang Juni war es so weit: Ich bekam meine erste Impfdosis gegen Sars-CoV-2. Leichte Schmerzen im Arm und Müdigkeit am nächsten Tag zeigten mir, dass mein Immunsystem darauf wohl wie vorgesehen reagierte. Doch was geschieht eigentlich genau in unserem Körper bei einer solchen Impfung? Und vor allem: Wie können Vakzine eine oft jahrzehnte- bis lebenslange Immunität gegenüber einem Erreger bewirken, wo die meisten Körperzellen eher kurzlebig sind?

Solchen Fragen geht Marc Hellerstein von der University of California in Berkeley in der Titelgeschichte dieser Ausgabe ab S. 12 nach. Er entwickelte neue methodische Ansätze, um herauszufinden, wie sich nach einer Konfrontation mit Keimen das Gedächtnis unseres Immunsystems herausbildet. Denn dieses spielt eine zentrale Rolle für den künftigen Langzeitschutz vor der Erkrankung. Normalerweise leben die für die Immunabwehr entscheidenden Lymphozyten aber nur einige Tage bis Wochen. Geben sie womöglich nach einer Infektion oder Impfung Informationen über den jeweiligen Erreger an Nachfolgerzellen weiter, bevor sie das Zeitliche segnen? Es wäre aber auch denkbar, dass die zellulären Träger des Immungedächtnisses einfach ungewöhnlich ausdauernd sind. In einem Experiment konnte der Autor nachweisen, dass einige der spezifisch reagierenden Immunzellen, die sich nach einer Gelbfieberimpfung gebildet hatten, tatsächlich noch nach mehreren Jahren im Körper vorhanden waren. Derartige Langlebigkeit kennt man sonst nur noch von Nervenzellen im Gehirn – übrigens dem einzigen anderen System unseres Körpers, das ebenfalls über ein Gedächtnis verfügt.

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8/2021

Neben Einblicken in das Wunderwerk unserer Körperabwehr skizziert Hellersteins Artikel die Erfolgsgeschichte der Impfungen – wohl die größte Errungenschaft der Medizin und an Bedeutung mit technischen Entwicklungen wie Elektrizität oder Internet zu vergleichen. Man vergisst leicht, welches Leid früher etwa die Kinderlähmung, Diphtherie oder Pocken verbreiteten. Allein an Letzteren starben noch im 20. Jahrhundert laut Schätzungen an die 300 Millionen Menschen. Dank Impfungen haben diese Seuchen ihre Schrecken verloren.