Drama „Sonne“: Wie ein Kopftuch zum Streitobjekt wird

Aus einem spontanen Gag kann im Nu eine mediale Lawine werden. Das erleben drei Freundinnen, als sie eines Nachmittags in einer Wiener Neubauwohnung ein Handyvideo drehen. Yesmin hat kurdische Wurzeln, ist gläubige Muslima und trägt Kopftuch. Nati und Bella haben einen anderen kulturellen Hintergrund, werfen sich allerdings begeistert einen Hijab von Yesmins konservativer Mutter über. In diesem Dress begeben sie sich in laszive Posen und singen gemeinsam den R.E.M.-Hit „Losing My Religion“. Das Filmchen landet im Internet und geht viral.

Kalkulierte Provokation oder religiöser Affront? Die vielfältigen Reaktionen und der plötzliche Ruhm auf Social Media setzen den Schülerinnen zu. Und die Geschichte um kulturelle Schubladen, kulturelle Aneignung und webaffine Freundschaften im Zeitalter der „Generation Z“ nimmt einen ganz unerwarteten Verlauf.

Ausgezeichnet bei der Berlinale

„Egal wo man ist, in welchem Land, aus welcher Kultur, es ist eine Sonne, die auf uns runterschaut.“ So erklärte die österreichisch-irakische Regisseurin Kurdwin Ayub in einem Interview den Titel und die Essenz ihres Filmes, der bei der Berlinale als Bester Erstlingsfilm ausgezeichnet wurde.

„Sonne“ greift Aspekte auf, die die 1990 im Irak geborene und in Wien aufgewachsene Filmemacherin auch in vorherigen Arbeiten bereits thematisiert hat: die Erfahrung, nirgends dazuzugehören. Oder österreichische Freundinnen ohne Migrationsgeschichte zu haben, „die im Kurdisch-Unterricht besser waren als ich, im Kopftuch besser aussahen als ich und einen Fetisch hatten, sich immer in Flüchtlinge zu verlieben“.

Ein Weg voller Risiken

Ayubs Film über migrantische und postmigrantische Milieus geht in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Wege. Da wäre die Handlung, die mit gängigen Erwartungshaltungen und Rollenbildern bricht: Die Kopftuch-Nummer wird zum Selbstläufer. Yesmins eher liberal eingestellter Vater verschafft dem Trio Auftritte auf kurdischen Hochzeiten. Dort erntet die Performance gemischte Reaktionen. Auch die jungen Männer aus der kurdischen Community, die auf das Trio aufmerksam werden, haben Diskussionsbedarf.

Bella und Nati werden immer vernarrter in Kopftücher und alles, was sie mit Kurdistan verbinden. Ihre Begeisterung führt sie auf einen Weg voller Risiken. Yesmin fühlt sich zunehmend an den Rand gedrängt. Gleichzeitig empfindet sie es als Bürde, sich immer wieder gegen Klischees über Kopftuchträgerinnen zu wehren. „Mädchen mit Kopftuch können auch Spaß haben, singen und tanzen“, entfährt es ihr in einem Gespräch. Yesmin kommen Zweifel an ihrer Identität, doch stets behält sie die Dinge in der Hand.

Vor allem mit Laiendarsteller*innen gedreht

Aber auch die Form des Films bricht mit Sehgewohnheiten. Die Handlung folgt keinem klassischen Erzählmuster. „Sonne“ ist ein chaotisches Puzzle aus unruhigen Handkamera-Einstellungen, Smartphone-Videos und abgefilmten Chatverläufen. Die Einzelteile lassen sich nur mühsam zusammensetzen. Es ist, als würden wir mit den Augen der drei jungen Frauen durch einen Alltag zwischen Schule, Tik Tok und Clubnächten stolpern. Yesmin, Bella und Nati kennen sich mit den digitalen Kanälen und den entsprechenden popkulturellen Codes bestens aus. Zugleich fragt man sich immer wieder, ob sie in der Netzwelt als Subjekte oder Objekte agieren. Die Grenzen verschwimmen.

Letzteres gilt auch auf anderer Ebene. In dem Film über eine Wiener Stadtrandsiedlung als Schmelztiegel der Kulturen wirken vor allem Laiendarsteller*innen mit. Auch deren Alltagserlebnisse und wirre Spuren in virtuellen Sphären flossen in einen Film ein, der von weitgehend improvisierten Szenen lebt. Manchmal bleibt es unklar, ob wir realen oder fiktionalen Szenen folgen.

Vielleicht ist diese Unterscheidung auch gar nicht so wichtig. So oder so bringt uns „Sonne“ dazu, anders auf die Baustellen und blinden Flecke einer Einwanderungsgesellschaft zu schauen. Dafür sorgt nicht die zuletzt die Tatsache, dass Yesmins Blickwinkel die Richtung vorgibt. Aus der Innenperspektive verfolgen wir, wie sich bekannte Konfliktlinien durch eine Familie ziehen, die zugleich als komplexes Gebilde erscheint. Dabei ist „Sonne“ ein höchst subjektives und kraftvolles Porträt der Post-Millenials und ihrer Popkultur.

„Sonne“ (Österreich 2022), ein Film von Kurdwin Ayub, mit Melina Benli, Law Wallner, Maya Wopienka, Kerim Dogan u.a., 88 Minuten
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