Die Weihnachtsauslese: Last-Minute-Buchtipps aus welcher Wissenschaft – Wissen

Wärmer, hungriger, kleiner: Was der Klimawandel für Tiere und Pflanzen bedeutet 

Bramble-Cay ist eine baumlose Insel zwischen Australien und Papua-Neuguinea. An ihrer höchsten Stelle ragt sie drei Meter aus dem Wasser. Als einzige Säugetierart lebte dort – und nur dort – die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte. Als ihr karger Lebensraum im Zuge des Meeresspiegelanstiegs und klimabedingter Überschwemmungen schrumpfte, schwand die Population dahin. Schließlich konnte kein einziger nachtaktiver Nager mehr aufgespürt werden – trotz intensiver Suche mit Kameras und Lebendfallen. 

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Seit 2019 gilt die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte als erste Säugetierart, die allein infolge des Klimawandels ausstarb. Der Biologe Bernhard Kegel erzählt davon in seinem faszinierenden Buch „Die Natur der Zukunft“. In zwölf glänzend recherchierten Kapiteln schildert der Berliner Autor die Auswirkungen des Klimawandels auf Fauna und Flora. Mit Blick auf die einzelne Kreatur und ganze Artengemeinschaften durchstreift er Lebensräume von der Tiefsee bis zu den Berggipfeln, zeichnet nach, wie sich Verbreitungsgebiete verschieben, wo Populationen wachsen oder zusammenbrechen, neue Artengemeinschaften oder Todeszonen entstehen. Mit fortschreitender Lektüre wird man Zeuge eines gewaltigen Umbruchs.

Tiere und Pflanzen verändern durch die Erderwärmung ihr Verbreitungsgebiet. Die aus dem Süden stammende Tigermücke kommt nun in…Foto: picture alliance / James Gathany

Zwar ist das gegenwärtige Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten primär keine Folge der Klimaveränderungen, sondern des zerstörerischen Raubbaus an der Natur. Dennoch ist Kegels Buch augenöffnend und hochaktuell. Für die meisten Arten bedeutet die Erwärmung, salopp gesprochen, schon längst: beweg dich, pass dich an, halte durch – oder stirb.

Erstens: Bewegung. Bei steigenden Temperaturen sind die Vorzugsrichtungen polwärts und ins Gebirge hinauf. So zieht sich der antarktische Krill in südliche, kühlere Gewässer zurück, während in der Nordsee Tintenfische immer häufiger anzutreffen sind. 

In Großbritannien haben binnen Jahrzehnten 275 von 330 untersuchten Tierarten, ob Fische, Säugetiere, Vögel, Schmetterlinge oder Spinnen, ihre Verbreitungsgebiete um bis zu 60 Kilometer nach Norden verschoben. Sie stoßen dabei auf Hindernisse wie mit Bioziden behandelte Ackerflächen, Straßen und Ballungszentren. Für Amphibien sind sie oft kaum zu überwinden. Wo finden sie Korridore? Wo vernetzte Schutzgebiete? 

Zweitens: Anpassung. Algen blühen bei Erwärmung früher. Mit der Folge, dass natürliche Rhythmen nicht mehr zusammenpassen. Im Lake Washington, der sich in den letzten 40 Jahren um 1,4 Grad erwärmt hat, haben Kieselalgen ihre Vermehrung einen Monat vorverlegt. An die vorgezogene Algenblüte haben sich Algenfresser wie Rädertierchen anpassen können, Wasserflöhe jedoch nicht. Sie zählen dort zu den Verlierern des Klimawandels. 

Um derart pulsierende Veränderungen einzuordnen, schaut der renommierte Sachbuch- und Romanautor ein ums andere Mal zurück in die Erdgeschichte. Als sich die Erde vor 56 Millionen Jahren stark erwärmte, kam es zu massiven Wanderungsbewegungen und Algenblüten. Die Ozeane versauerten. 

Die wärmere Welt war zudem eine hungrigere. Insekten und Würmer büßten fast die Hälfte ihrer Körpergröße ein, die Urpferdchen schrumpften beträchtlich und wogen schließlich keine vier Kilo mehr. Diese Kleinwüchsigkeit war nicht etwa die Ausnahme, sondern eine in der Vergangenheit häufige evolutionäre Antwort auf Temperaturanstiege. Wird sie auch die Zukunft prägen?

Drittens: Durchhalten. Urpferdchen hielten Jahrzehntausende durch, bis die Erde wieder abkühlte. Und heutige Eisbären? Sie können vielerorts nicht mehr auf arktischem Eis auf Robbenjagd gehen, sondern müssen weite Strecken schwimmen. Nicht wenige ertrinken, andere begegnen den nach Norden vordringenden, kräftigeren Grizzly-Bären. 

Gelungene Meetings mögen selten sein, aber aus ihnen sind erste Grizzly-Eisbär-Hybride hervorgegangen: fertile Cappuccino-Bären. „Sieht so die Zukunft eines der größten Landraubtiere der Erde aus“, fragt Kegel. „Wird die Spezies Eisbär wieder mit Braunbären verschmelzen, von denen ihre Vorfahren sich vor 600 000 Jahren getrennt hatten?“

Viertens: Aussterben. Was also lehrt uns das Schicksal der Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte? 
Kegels vielschichtige Analyse wirft zahlreiche Fragen auf. Sein eigenes Biotop ist die Stadt. Der Graureiher, der durch den Teich neben der U-Bahnstation stakst, ist sein Bekannter. Beide leben in einer vom Menschen geprägten Kulturlandschaft. 

Umso eindringlicher mahnt der Autor die Ausweitung von Naturschutzgebieten an. Er malt keine Apokalypse an die Wand. Die Natur wird weiter neues Leben hervorbringen. Doch ein sich beispiellos rasch erwärmender Planet verlangt Pflanzen, Tieren und – mehr noch – der Menschheit enorme Anpassungsleistungen ab. Schon jetzt sind die Erkenntnisse der „Climate Change Biology“, die Kegel offenlegt, unverzichtbar. Thomas de Padova
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Bernhard Kegel: Die Natur der Zukunft. Tier- und Pflanzenwelt in Zeiten des Klimawandels. Dumont Verlag 2021, 384 Seiten, 24 Euro

Von einem, der früh Bescheid wusste, die Politik aber nicht überzeugen konnte

Es gibt inzwischen viele Bücher über die Pandemie. Und warum sollte man angesichts täglich neuer Corona-Meldungen überhaupt noch ein ganzes Buch über die ersten Infektionswellen lesen, wenn gerade die vierte rollt?

Wenn es sich dabei um die ganz persönliche Geschichte eines der wichtigsten Pandemieexperten weltweit handelt, des Infektionsmediziners Jeremy Farrar, Leiter der Stiftung Wellcome Trust und Mitglied des britischen Beratergremiums SAGE, dann lohnt sich die Lektüre unbedingt. 

Die Pandemie des Sars-Cov-2-Virus hält die Menschheit nun schon seit zwei Jahren in Atem. Foto: Alissa Eckert;Dan Higgins/CDC/dpa

Denn es lässt sich lernen, wie schwierig es selbst für solche global vernetzten Experten ist, ihr Wissen den politischen Entscheidungsträgern so nahezubringen, dass sie rechtzeitig die richtigen Maßnahmen ergreifen, um Menschenleben zu retten. 

Farrars Buch, geschrieben mit der Financial Times Wissenschaftskolumnistin Anjana Ahuja, liest sich teils wie ein Thriller oder das Drehbuch für die Neuauflage von „Outbreak“ – nur dass es sich hier um die Realität, gespeist aus Farrars E-Mails, Tweets, Blogs und Essays, handelt. Dabei fasziniert vor allem Farrars Blick für das große Ganze.

Obwohl er jedes Details des Virus kennt und bravourös erklärt, verliert er nie die „Public Health“-Perspektive aus den Augen: wie Gesellschaft und Virus interagieren. Unbedingt lesenswert, auch in Englisch. Sascha Karberg

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Jeremy Farrar mit Anjana Ahuja: Spike – The Virus vs the People. The Inside Story. In Englisch, 2021, Profile Books, London, 272 Seiten £14.99

Vielfalt als Mehrwert: 250 Jahre liberales Judentum in Deutschland

Die Aufklärung war für das deutsche Judentum einst eine große Chance: Sie ermöglichte gesellschaftliche Teilnahme, Emanzipation – und dem Assimilierungsdruck zu widerstehen. „Die eigene Identität sozusagen ,chrash-resistent’ zu machen“, schreibt Walter Homolka. 

Das aber ging mit einer veränderten Bewertung von Tradition und Lehren einher. „Hier liegt der Grund für das liberale Judentum wie auch für alle modernen Denominationen innerhalb des Judentums“, schreibt der Rabbiner, der zusammen mit Heinz-Peter Katlewski und Hartmut Bomhoff nun einen Band über 250 Jahre liberales Judentum vorgelegt hat.

Das Buch betrachtet einen wichtigen Teil der 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland, trägt zum Verständnis des liberalen Judentums bei, zeigt woher diese Strömung kam, wie sie sich entwickelte hat und wo sie heute steht.

Vor 250 Jahren ergriff Moses Mendelssohn die Chance zur Aufklärung. Die folgende bürgerliche Emanzipation der Juden in Europa im 19. Jahrhundert war eine Zäsur. Bis ins 20. Jahrhundert hinein ging es in Deutschland um die Frage, ob man der Tradition treu bleiben oder sich doch für die Moderne öffnen sollte.

Walter Homolka, Rabbiner in Potsdam, Hochschullehrer und Mit-Herausgeber Autor des Buches.Foto: privat

Die Antwort der drei Autoren ist zum Titel ihres Buches geworden: „Modern aus Tradition“. Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874) sah die religiöse Tradition eng verknüpft mit wissenschaftlicher Erkenntnis. Was heute der Ausbildungsstätte für liberale Rabbiner an der Universität Potsdam – dem Abraham Geiger Kolleg, dessen Spiritus Rector Walter Homolka ist – seine Grundierung gibt: „Durch Erforschung des Einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen, durch Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart, durch Wissen zum Glauben“, so der Wahlspruch des Kollegs. 

Das liberale Judentum hebt ethische Aspekte gegenüber zeremoniellen hervor und verknüpft den Glauben eng mit der menschlichen Vernunft und dem Intellekt.

Das Buch schildert die Anfänge des liberalen Judentums in Deutschland, seine Blütezeit vor der Shoa und schließlich die Aufbrüche nach 1945 und 1989. Es gibt Einblicke in die Vielfältigkeit des liberalen Judentums im Deutschland nach der Shoah, einer Strömung die ausgezeichnet ist durch Egalität, die zeitgemäß und vor allem auch offen für den Dialog ist. 

Rabbiner Homolka selbst lebt dies an seinem Lehrstuhl für interreligiöse Beziehungen an der Uni Potsdam, das Verbindende mit Christentum und Islam immerfort betonend. Gelte es doch, das Andere anzuerkennen und die eigene Position relativieren zu können.

Vielfalt ist ein Mehrwert, so Homolka auch mit Blick auf das neue jüdische Leben in Deutschland. Eine jüdische Welt zu schaffen, die mit der Vergangenheit verknüpft und trotzdem für eine noch unbekannte Zukunft offen ist: Darin liege die besondere und bleibende Kraft des liberalen Judentums. Jan Kixmüller

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Walter Homolka, Heinz-Peter Katlewski, Hartmut Bomhoff: Modern aus Tradition: 250 Jahre liberales Judentum.
Patmos Verlag, 2021. 254 Seiten, 26 Euro 

Mit den Augen auf Reisen gehen: Die abstrakte Schönheit der Erde

Der Blick aus dem Flugzeugfenster offenbart mitunter ebenso faszinierende wie rätselhafte Strukturen: Linien, Kreise, elegante Schwünge, Farbspiele. Was mag das wohl sein? Antworten auf den fragenden Blick „von oben“ auf die Erde finden sich in dem gleichnamigen Buch, einem wunderbaren Zeitvertreib. Zwar versammelt es Satellitenbilder, keine Aufnahmen aus Flugzeugen. Aber das Prinzip ist das gleiche: verblüffende Bilder und kundige Erklärungen.

Biologische Strukturen wie dieser Algenteppich im Meer entwickeln beim Blick von weit oben durchaus ästhetische Ansichten.Foto: LANCE/EOSDIS Rapid Response, Nasa

Da sind gewaltige grüne Schlieren in der Ostsee, die aussehen als habe man dem Meer den Stöpsel gezogen, tatsächlich aber von Cyanobakterien stammen, die sich bei warmem Wetter und guter Nährstoffversorgung – etwa durch Dünger und Abwasser – explosionsartig vermehren. Oder die Falschfarbendarstellung des Valsequillo-Sees an der mexikanischen Stadt Puebla.

Wie von den Rändern her zugefroren erscheint das Gewässer. In Wirklichkeit wird die Oberfläche von Wasserhyazinthen überwuchert. Es ist ein eindrückliches Beispiel einer invasiven Art. Sie stammt aus dem Amazonas und breitet sich schnell aus, zumal Tiere die grünen Teppiche nicht fressen. Die grüne Masse entzieht dem Wasser Sauerstoff, lässt kaum Licht hindurch, was Pflanzen und Tiere in tieferen Stockwerken des Sees dezimiert. Zusätzlich sinkt in manchen betroffenen Gewässern die Fließgeschwindigkeit, dadurch lagert sich mehr Schlamm am Grund ab und es kommt zur Verlandung.

So geht die Reise über Kontinente, einsame Eilande bis zu den Polarregionen. Einige der Stationen könnten den Lesern bekannt vorkommen, denn das Buch versammelt die Kolumnen „Satellitenbild der Woche“ auf „Spiegel.de“. Die Beiträge sind mit zusätzlichen Bildern versehen und es gibt zahlreiche Hintergründe zur satellitengestützten Erdbeobachtung. Ideal für weihnachtliche oder coronabedingte Erkundungen vom Sofa aus. Ralf Nestler

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Jörg Römer, Christoph Seidler: Von oben – Die schönsten Geschichten, die Satellitenbilder über die Erde und uns Menschen erzählen. Deutsche Verlags-Anstalt, 2021, 288 Seiten, 24 Euro

Gewissensfrage: Spionagethriller um einen deutschen Physiker

Der 20. November 1939, abends um acht. Die BBC eröffnet die Radio-Nachrichten mit „Hello Hello, this is London calling“. Als Hans Ferdinand Mayer das hört, ist er sehr erleichtert. Das zweite „Hello“ gehört nämlich nicht in die Begrüßung. Es ist nur auf seinen Wunsch hin für dieses eine Mal eingefügt worden – als Empfangsbestätigung für brisante Dokumente, die er der britischen Regierung unverlangt übermittelt hat: Sieben Seiten Text und einige Zeichnungen über die deutsche Radarforschung, Raketenentwicklung und weitere militärische Interna.

Aufgeschrieben in einem Hotel in Oslo und von dort an die britische Botschaft geschickt, die den „Oslo-Report“ sofort an ihren Geheimdienst übermittelt. 

Der Oslo-Report.Foto: Promo

Was klingt wie eine einfache Geschichte darüber, wie Hitlers Gegenspieler wichtige Informationen erhielten, ist in Wirklichkeit natürlich komplizierter. Was etwa bewog Mayer, den ehemaligen Musterstudenten und Assistenten von Philipp Lenard, dem Physiknobelpreisträger von 1905 und besessenem Nationalsozialisten, militärische Geheimnisse zu verraten? 

Was sollten wiederum die Briten von den Ausführungen Meyers, der mittlerweile bei Siemens & Halske in leitender Position arbeitete, halten? Schließlich könnten die „geheimen“ Informationen manipuliert sein, um sie in die Irre zu führen. 
Kenntnisreich erzählt David Rennert die große Geschichte des Oslo-Reports. Er nähert sich Mayer (1895 bis 1980) so gut es heute geht, erklärt die technischen Grundlagen der damals revolutionären Radartechnik und bettet das Geschehen in die europäische Geschichte ein.

Er zeichnet die Widersprüche nach, etwa dass Lenard sich für Mayer einsetzte, als dieser ins KZ kam und vom Tode bedroht war. Dies übrigens nicht wegen des Geheimnisverrats, sondern wegen Hörens von Feindsendern und Kritik am NS-Regime. Dass er den Oslo-Report verfasst hatte, behält er lange für sich. Erst in den Siebzigerjahren erzählt er seiner Familie davon. Die Öffentlichkeit soll es erst nach seinem Tod erfahren. 

Es ist Reginald Victor Jones, der als erster über Mayers Coup berichtet. Der Physiker hatte für das MI6 gearbeitet, stets an die Echtheit des Oslo-Reports geglaubt und diesen auch vor Churchill verteidigt. Anhand der Informationen konnte sich England besser der deutschen Angriffe erwehren. Viele der Städte im Landesinneren hätten es dem Dokument zu verdanken, dass sie in der letzten Phase der Luftschlacht um England bis Mai 1941 verschont geblieben sind, schreibt Jones in „Reflections on Intelligence“.

In diesem Buch enthüllt er die Identität Mayers als Autor des Oslo-Reports. Es erscheint zum 50. Jahrestag, im November 1989. Da blickt die Welt zwar auf Deutschland, aber wegen des Mauerfalls. Von der Veröffentlichung nimmt in diesen turbulenten Zeiten kaum jemand Notiz. Ralf Nestler

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David Rennert: Der Oslo-Report.  Wie ein deutscher Physiker die geheimen Pläne der Nazis verriet. Residenz-Verlag, Wien, 2021. Hardcover, 224 Seiten, 24 Euro