Die sexistische Welt dieser Männer, die Frauen uff TikTok Dating-Tipps schenken

Drei Männer in Rottönen sind schemenhaft im Hintergrund erkennbar, im Vordergrund steht

Symbolfoto: IMAGO / Westend61 Collage: VICE

Ernst schaut er in die Kamera. Seine Worte klingen eindringlich: “Date einen Mann niemals beim ersten Date bei dir zu Hause oder bei ihm zu Hause. Das signalisiert ihm nur, dass du keine hohen Standards hast und das bei allen Männern auch so machen würdest. Das macht dich leicht zugänglich und unattraktiv.” Das TikTok-Video, in dem der User rasprince_ das sagt, hat fast 85.000 Aufrufe. Über 100.000 Menschen folgen ihm dort, auf Instagram sind es mehr als 48.000. Mit seinem Video will rasprince_ eine spezifische Zielgruppe ansprechen: Frauen, die Männer daten wollen.

Er ist nicht der einzige Typ, der es sich auf TikTok zu Aufgabe gemacht hat, Frauen zu erklären, wie sie Männern gefallen können. Unter dem Suchbegriff “Dating Tipps für Frauen” tummeln sich vereinzelt auch Userinnen, aber vor allem sind da Männer. Sie machen Videos mit Titeln wie “Die 3 größten Fehler, die Frauen beim Daten machen”, “Was wir Männer an Frauen sehen wollen” oder “5 Schritte – So eroberst du das Herz eines Mannes”. Die Welt der heteronormativen Dating-Tipps ist trostlos und voller Stereotype. Aber für einige ist sie eine Einnahmequelle geworden. TikTok bietet diesen Männern die Möglichkeit, sich eine Followerschaft aufzubauen und Coachings anzupreisen oder durch Livestreams Geld zu verdienen. Unter dem Suchbegriff findet sich vereinzelt auch Content, der weniger diskriminierend und eher langweilig ist (“Du weißt, dass er auf dich steht, wenn er dir oft schreibt”). Doch die User, die den Suchbegriff dominieren, kommen nur in einzelnen Videos ohne Geschlechterstereotype aus.

Auch bei VICE: Was kostet es, einen Vergewaltiger vor Gericht zu bringen?

Dahinter steht ein rückständiges Weltbild, das häufig die Grundlage für herabwürdigende Inhalte im Internet bildet. Das erklärt auch ein Bericht der Schweizer Plattform “Jugend und Medien”, die im Auftrag des Bundesrats die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen fördern soll. Darin gehen Lea Stahel und Nina Jakoby vom soziologischen Institut der Universität Zürich auf Online-Hassrede im Kontext von Kindern und Jugendlichen ein. Sie beschreiben, dass die häufigste Form von sexistischer Hassrede im Internet sich in Verbindung mit Geschlechterstereotypen äußert. Userinnen und User werden für Verhaltensweisen belohnt, die sich mit traditionellen Geschlechterrollen decken. Für abweichendes Verhalten werden sie bestraft. Das trifft auch auf die TikTok-Dating-Tipps zu. Wenn eine Frau Sex beim ersten Date hat – wie viele User das “zu Hause treffen” im Video von rasprince_ interpretieren –, ist das zu selbstbestimmt und demnach nicht weiblich. Die Frau ist unattraktiv.

Bedingungslose weibliche Hingabe für männliches Wohlbefinden

Auch andere Videos unter demselben Suchbegriff funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Der User sodenkteinmann oder Marc Sean Krajnyak, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, der sich in seinen Videos ebenfalls fast ausschließlich an Frauen richtet, rät seinem Publikum dazu, Männer immer zuerst schreiben zu lassen und auf keinen Fall einen schüchternen Mann zu daten. Mit gespielter Aufregung und hoher Stimme äfft er Frauen nach. Mit immer wieder eingeworfenen, fast schon väterlich klingenden “Verstehst du’s” versucht er Nähe zu seinen Followerinnen aufzubauen. Es scheint zu klappen. Auf der Kurzvideoplattform hat er über 96.000 Follower, auf Instagram sind es über 43.000.

Wenn eine Frau versucht, in einer Beziehung mit einem Mann zu klären, in welchem Rahmen sich die Beziehung bewegt und Respekt einfordert, erklärt der User sodenkteinmann seinem Publikum mit schriller Stimme, dass die Frau hysterisch sei. Aber auch auf Männer erstreckt sich sein zweifelhaftes Weltbild. Wenn die Frau nach einem Treffen fragen muss, dann sei ihr männliches Gegenüber kein richtiger Mann, teilt er mit.

In seinen Videos beantwortet er Fragen von Userinnen. Auf die Frage “Was ist einem Mann wichtiger, Gesicht oder Körper?” antwortet er, dass beides wichtig sei, wenn es um eine Beziehung geht. Er fährt fort: “Wenn es darum geht zu dippen, dann reicht es auch, wenn der Körper gut ist. Wenn einem das Gesicht nicht gefällt, kann man ja von hinten oder Tüte drüber passt auch.” Das Video ist mit dem Hashtag #sarkasmus versehen, damit wir wissen, dass es lustig ist.

Männer sollen ihren sexuellen Trieb ausleben und dabei Frauen als Objekte degradieren. Frauen hingegen sollen aufpassen, dass sie nicht als solche dastehen, denn, ob sie objektiviert werden oder nicht, scheint ganz in ihrer Verantwortung zu liegen.

Trotzdem wenden sich Frauen mit ihren Fragen an ihn. Eine Userin fragt: “Wie bringt man einen Mann dazu, sich in einen zu verlieben?” Sean antwortet: “Du musst herausfinden: Nach welcher Frau sucht dieser Mann. Und dann musst du sie verkörpern.” Frauen sollen sich also immer nach ihrem männlichen Gegenüber richten. Sean bringt ihnen bei, wie sie Männern das Dating besonders angenehm gestalten. Bedingungslose weibliche Hingabe für männliches Wohlbefinden.

Der Doktor hat #DateTipsforGirls

Ein weiterer User, der vorgibt, Frauen zum Dating-Glück verhelfen zu wollen und fast kompetent scheint, weil er sich immer vor einem Anatomie-Poster des menschlichen Herzens filmt, ist Emanuel Albert oder datedoktor. Seine Followerzahl liegt bei über 242.000. In seinen Videos verfestigt er die Stereotype von emotional nicht-verfügbaren Männern und von Frauen, die immer mehr wollen als ihr männliches Gegenüber. In einem Video, das er ganz oben in seinem Profil fixiert hat, erklärt er, wie man auf einen Mann am besten reagiert, wenn er “Ich vermisse dich” schreibt. 

“Achtung! Das ist eine fiese Falle”, warnt Albert und liefert drei Interpretationen. Erstens: Der Mann will sein Gegenüber nur warm halten. Zweitens: Er denkt nur kurz an die Person, die er angeschrieben hat, aber auch nicht mehr als das. Drittens: Er ist betrunken und will eigentlich nur Sex. Was sollen wir daraus lernen? Der Mann ist der unabhängige Charmeur, der die Frau nur um den Finger wickeln will. Die Frau dagegen ist unsicher, hysterisch und muss jede Nachricht hinterfragen. Dass sich hier zwei Menschen auf Augenhöhe austauschen, scheint nicht infrage zu kommen. Das Video hat vier Millionen Aufrufe.

In einem anderen Video, versehen mit dem Hashtag #datetipsforgirls, informiert Albert seine Followerschaft, was zu tun ist, wenn er nach Nacktbildern fragt. “Sag nicht mal Nein, sondern beende die Konversation sofort. Raus, löschen, blockieren! Ein Typ, der nach Nacktbildern fragt, hat deine Zeit nicht verdient.” Das Versenden von Nacktbildern kann im TikTok-Paralleluniversum von Emanuel Albert nicht auf einvernehmliche und sichere Weise passieren. Es involviert immer einen Aggressor, den triebgesteuerten Mann, und das Opfer, die Frau, der nichts ferner liegt, als ein eigenes sexuelles Verlangen zu haben. Über 29.000 Leuten gefällt das. Auch hier soll sich eine Frau gemäß veralteter Rollenbilder verhalten und sich sexuell fremdbestimmen und moralisieren lassen.

Geschäftsmodell: Geschlechterklischees

Die User, die die Dating-Hashtags dominieren, haben auch über ihr väterliches Auftreten hinaus etwas gemeinsam: Ihre Profile verlinken auf Webseiten, auf denen sie Coachings anbieten. Beim Datedoktor kostet ein 45-Minuten-Coaching 119 Euro. Zugang zu mehr Inhalten und Live-Coachings bekommt eine Kundin auf seiner Webseite für 118,88 Euro pro Monat. Auf der Webseite von rasprince_ ist der “60-Minuten Love Call” – eine persönliche Dating-Beratung – von 199,99 Euro auf 150,00 Euro heruntergesetzt.

Nicht nur in ihrem Auftreten haben die TikTok-Männer, die vorgeben, Frauen mit ihren Tipps zur Hilfe zu eilen, viele Gemeinsamkeiten mit Pick-Up Artists. Auch sie bedienen Geschlechterklischees und bauen ihr Geschäftsmodell darauf auf. Während die TikToker mit ihren Videos eine hyperfeminine, devote, unsichere Frau heraufbeschwören, kommunizieren Pick-Up Artists mit ihrem Content das Idealbild des hypermaskulinen Alpha-Mannes. In YouTube-Videos zeigen sie Abonnenten, wie sie Frauen anmachen sollten, um sie zum Sex zu verführen. Sie schwören auf ihre Methoden und beschreiben sie oft in PDFs. Verzweifelte Männer können sie auf den Webseiten der Pick-Up Artists für einen dreistelligen Betrag runterladen. In ihrem Buch Politische Männlichkeit schreibt die Autorin Susanne Kaiser über Pick-Up Artists: “PUA haben es sich zur Aufgabe gemacht, die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen gewissermaßen zu überlisten.” Diese Definition lässt sich auch auf die TikToker anwenden, die vermeintlich Videos für Frauen produzieren: In diesen Videos gilt weibliche sexuelle Selbstbestimmung als unanständig. Nacktbilder verschicken oder Sex beim ersten Date sind No-Gos. Verglichen mit den Videos, die sich explizit an Männer richten, nimmt die sexuelle Komponente des Datings eine eher zweitrangige Rolle ein. 

Unter dem Hashtag #Frauenklären zeigen Männer, wie sie Frauen ins Bett bekommen. Im Video “Eine Frau in unter 30min mit nach Hause nehmen” erklärt der User danielkarnatzcoaching, dass er Frauen auch rumkriege, wenn er Jogginghose trägt. Davon sind die Videos, die Frauen erklären, warum Sex beim ersten Date sie “unattraktiv” macht, nur ein Swipe entfernt. Eine positive Haltung zum eigenen sexuellen Verlangen ist in dieser Welt allein Männern vorbehalten. Männer sollen ihren sexuellen Trieb ausleben und dabei Frauen als Objekte degradieren. Frauen hingegen sollen aufpassen, dass sie nicht als solche dastehen, denn, ob sie objektiviert werden oder nicht, scheint ganz in ihrer Verantwortung zu liegen.

Von der Plattform TikTok, die vor allem bei der jungen und woken Gen-Z beliebt ist, würde man progressivere Inhalte erwarten als ein paar Männer, die Frauen die Welt erklären. Denn dass junge Menschen ihre Fragen zu Dating und Liebesleben auch bei TikTok stellen, ist erstmal nicht verwunderlich. Auch vor der Plattform gab es schon Dr. Sommer und die Dating-Ratschläge in Frauenzeitschriften. Doch Dating ist kein Alltagsthema. Dating kommt nicht ohne Machtstrukturen aus. Das bekommen Menschen mit einem weiblich gelesenen Körper unweigerlich zu spüren: durch Catcalling, Abtreibungsverbote, eine höhere Chance sexuell belästigt zu werden. Jährlich kommt es bundesweit  zu etwa 12.000 bis 13.000 Anzeigen wegen Vergewaltigung oder sexueller Nötigung. Die meisten Opfer sind Frauen.

Sobald man das Thema Dating also vom gesellschaftlichen Gesamtkontext ausklammert und nur auf individueller Ebene abhandelt, kann man ihm unmöglich gerecht werden. Diese selbsternannten Experten, deren Qualifikation völlig schleierhaft bleibt, verfestigen stattdessen sexistische Stereotype. Das ist kein Versehen. Alleine schon wegen ihres Businessmodells. Es basiert darauf, vermeintliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern herauszuarbeiten – darauf, diese Geschlechterklischees aufrecht zu erhalten. Dating-Tipps, die patriarchale Strukturen hinterfragen und Rape Culture durchbrechen, sehen anders aus.

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