Die Schnee von gestern Kirchenglocke steht jetzt uff dem Totenacker

Sie war bei Taufen zu hören, läutete zu Konfirmationen, zu Hochzeiten und zu Beerdigungen: Viele Jahrzehnte lang hat die alte Stahlglocke im Turm der St.-Pancratii-Kirche in Solschen treue Dienste geleistet und war weithin zu hören. Dann ist sie nach ihrem Ausbau im September 2011 und den Austausch gegen eine Nachfolgerin aus Bronze in Vergessenheit geraten. Genau zehn Jahre währte ihr Dornröschenschlaf, nun erstrahlt die Glocke aus der Nachkriegszeit in neuem Glanz und hat einen Platz für die Ewigkeit gefunden: Seit einigen Wochen steht sie neben der Kapelle auf dem gemeindeeigenen Friedhof in Solschen und wurde nun offiziell an den Kirchenvorstand, den Ort und die Gemeinde übergeben.

Die Glocke ist ein sichtbares Zeichen der örtlichen Geschichte

„Ich habe sie durch Zufall auf meinem weitläufigen Grundstück wiedergefunden und beschlossen, sie der Dorfgemeinschaft als sichtbares Zeichen der örtlichen Geschichte zur Verfügung zu stellen“, sagt Wolfgang Kuklik, in dessen Besitz sich die 2,5 Tonnen schwere Glocke befunden hat. Er hat sie im Frühjahr 2020 an eine Verzinkerei in Mehrum übergeben, wo sie aufgearbeitet wurde und eine farbliche Beschichtung erhalten hat.

Die alte Glocke wurde im Krieg eingezogen

Die alte Solschener Bronzeglocke teilte das Schicksal vieler anderer: Sie wurde 1942 während des Krieges eingezogen und für Waffen und Munition eingeschmolzen. Schon 1946, kurz nach dem Krieg, bekam die Kirche eine neue Glocke, allerdings war das Modell aus einfachem Stahlguss. Dennoch ist es den Solschenern ans Herz gewachsen: „Diese Glocke hat schon mich mein ganzes Leben begleitet, so wie das vieler anderer Solschener auch“, unterstreicht Kuklik.

Für viele hat sie zur Taufe geläutet, zur Konfirmation und zur Trauung – und für so manch einen auch als Sterbegeläut und zur Beerdigung. „Das ist schon sehr emotional“, sagt Kuklik, zumal das große Stahlstück im oberen Schriftzug die Namen der im Krieg gefallenen Solschener trägt und im unteren die der Kirchenvorsteher. Deren Gedenken solle erhalten bleiben, so Kukliks Wunsch. Daher habe er sich dazu entschlossen, die Glocke nicht der Verschrottung zu überlassen.

Kirchenvorsteher Karl-Gerhard Giffhorn bedankte sich im Namen der Kirche für die Geste von Kuklik, Ortsbürgermeister Berend Heinemann schloss sich dem Dank an die Helfer Jan Böker, Jörg Schwahn und Markus Kluge an, die immerhin vier Anläufe gebraucht hätten, um die Glocke dem jetzigen Standort zuzuführen.

Die Glocke hätte beim Läuten zerspringen können

Ausgemustert werden musste sie, weil sie marode war und beim Läuten hätte zerspringen können. Die Solschener haben seinerzeit einiges auf die Beine gestellt, um das Geld zusammenzubekommen. Vier Jahre lang haben sie gesammelt, dann war es geschafft: 2011 haben gleich zwei neue klangvolle Bronzeriesen – ihr neues Domizil hoch oben über Solschens Dächern bezogen – die zweite war eine Spende der Verkopplungsinteressentenschaft Klein Solschen. Geweiht wurden sie am Erntedank-Sonntag 2011.

Von Antje Ehlers

Berlin Ernachrichten