Die Rückkehr welcher Chemiewaffen – Spektrum welcher Wissenschaft

Wie ein zukünftiger Gaskrieg verhindert werden soll

Fachleute vermuten aus mehreren Gründen, dass chemische Waffen in Zukunft wieder häufiger eingesetzt werden. Zwischenstaatliche Kriege werden seltener, während Bürgerkriege und Rebellionen seit der Jahrtausendwende stark zugenommen haben. Dadurch steigt einerseits das Risiko, dass die vorhandenen chemischen Kampfstoffe in die Hände nichtstaatlicher Gruppen fallen.

Andererseits fallen in solchen Konflikten wichtige Faktoren weg, die chemische Kampfstoffe für moderne Armeen uninteressant machen. Milizen und meist auch die Armeen instabiler Staaten haben nicht das nötige Training und die Feuerkraft für effektive konventionelle Kriegsführung. Ihre Einheiten sind weniger beweglich, und sie sind für effektiven ABC-Schutz nicht ausreichend ausgebildet und ausgestattet.

Gleichzeitig machen es gleich mehrere Faktoren schwieriger, das in der Chemiewaffenkonvention festgeschriebene Verbot in der Praxis zu überwachen. Die Chemiewaffenkonvention sieht mehrere Instrumente vor, mit denen verhindert werden soll, dass Staaten heimlich chemische Kampfstoffe herstellen. Zum einen sind die Unterzeichnerstaaten verpflichtet, den Handel mit dazu geeigneten Chemikalien und Geräten zu überwachen. Zum anderen inspiziert die Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) Anlagen, die für Chemiewaffen nötige Chemikalien herstellen oder verwenden – oder im Verdacht stehen, chemische Kampfstoffe zu produzieren.

Es ist schlicht unmöglich, alle Geräte und Stoffe zu verbieten, die man für chemische Waffen braucht. Denn die meisten Anlagen und Chemikalien, mit denen man chemische Kampfstoffe herstellen kann, haben auch legitime Anwendungen. So ist zum Beispiel der Stoff DMMP Ausgangsstoff für die Herstellung der Nervengifte Sarin und Soman – daneben aber auch ein gebräuchliches Flammschutzmittel. Thiodiglycol, aus dem man direkt Senfgas herstellt, kommt auch beim Färben von Textilien zum Einsatz.

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Allerdings gibt es einige Schlüsselelemente, mit denen man mögliche Verstöße gegen das Verbot aufspüren kann. Man braucht besondere Reaktoren und spezialisierte Sicherheits- und Reinigungstechnik, um mit den aggressiven und hochgiftigen Chemikalien sicher zu arbeiten. So spezialisierte Industrieanlagen sind recht einfach nachzuverfolgen – ebenso wie eine Reihe von Chemikalien, die auch oder fast ausschließlich zur Herstellung von chemischen Kampfstoffen dienen.

Chemiewaffen werden immer schwieriger zu überwachen

Deswegen reichte es bisher, eine relativ begrenzte Liste von Stoffen und Geräten im Blick zu behalten. Außerdem kontrolliert die OPCW durch Inspektionen, ob die Vorgaben der Konvention eingehalten werden. Die Anlagen, die Chemiewaffen herstellen können, waren bisher sehr groß und aufwändig, und Fachleute der OPCW können sie an den spezialisierten Einrichtungen zum Umgang mit aggressiven und hochgiftigen Chemikalien erkennen.

Doch Fortschritte in Chemie und Technik machen diese Art der Kontrolle zunehmend schwieriger. »In den vergangenen Jahren sind politische Positionen und Strukturen in Frage gestellt worden, die uns seit Jahrzehnten gute Dienste geleistet haben«, schrieb 2018 der norwegische Chemiker Leiv K. Sydnes, Vorsitzender einer Internationalen Arbeitsgruppe, die die Auswirkungen des wissenschaftlichen Fortschritte auf die CWC bewerten sollte, in einem Kommentar in »Nature«.

»Wir brauchen eine neue Mentalität«(Leiv K. Sydnes, Universität Bergen)

So gibt es jetzt Verfahren, die weniger aufwändige Installationen erfordern – oder gar Synthesewege, die ohne kontrollierte Chemikalien auskommen. Gleichzeitig wird es durch die wirtschaftliche Entwicklung vieler Schwellenländer immer einfacher, Dual-Use-Produkte aus verschiedenen Ländern zu beziehen. »Viele tödliche Komponenten sind für professionelle Chemiker einfach herzustellen, wenn sie Zugang zu den Materialien haben«, schreibt Sydnes. Er fordert, den Handel damit genauer zu überwachen – und Chemikerinnen und Chemiker für die Gefahren zu sensibilisieren. »Wir brauchen eine neue Mentalität.«

Inzwischen gibt es neue Typen von Produktionsanlagen, die ohne große, spezialisierte Reaktoren und Schutztechnik auskommen. Gefährliche Abfälle und Nebenprodukte entstehen dank modernerer Verfahren nur in kleinen Mengen, so dass die Fabriken auf den ersten Blick aussehen wie normale Chemieanlagen.

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Neue Techniken erleichtern auch die Forschung an neuen chemischen Waffen. Im März 2022 demonstrierte eine Arbeitsgruppe, dass ein Maschinenlern-Algorithmus nicht nur potenzielle neue Medikamente finden kann, sondern auch extrem giftige neue Kampfstoffe. Screening-Methoden der Industrie könnten zum Beispiel eingesetzt werden, um Stoffe zu finden, die so tödlich sind wie Sarin, aber zu einer anderen Stoffklasse gehören. Solche Stoffe könnte man deswegen mit anderen, womöglich völlig unverdächtigen Chemikalien und Geräten herstellen.

Moderne Technik macht den Nachweis schwerer – und leichter

Nicht zuletzt besteht die Gefahr, dass sich neue Kampfstoffe nicht identifizieren lassen – und ihr Einsatz zum Beispiel als Terrorwaffe nicht nachweisbar ist. Wenn der Verdacht auf Einsatz einer chemischen Waffe besteht, nehmen idealerweise Fachleute der OPCW Proben vom Ort des Geschehens und – sofern möglich – von Blut und Gewebe möglicher Opfer. Der ursprüngliche Kampfstoff hat sich dann längst zersetzt, aber seine Abbauprodukte sind weiter in den Proben nachweisbar.

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Chemiewaffen nachweisen | Während der UN-Untersuchung der angeblichen Giftgasangriffe in Syrien nimmt ein Mitarbeiter Bodenproben in der Stadt Zamalka. Dank hochsensibler Analyseverfahren lassen sich auch lange nach einem Angriff mit chemischen Kampfstoffen verräterische Abbauprodukte in der Umwelt nachweisen.

Man konzentriert sich bei der Analyse auf die primären Abbauprodukte, also jene Stoffe, die direkt beim Zerfall des Kampfstoffs entstehen. Bei Sarin ist das zum Beispiel das Molekül Isopropylmethylphosphonat. Um diese Stoffe zu finden, reichert man sie aus den Proben an und analysiert sie per Massenspektrometrie. Die gewonnenen Daten vergleicht man mit denen bekannter Kampfstoffe.

Mit Hilfe dieses Verfahrens lassen sich die Nervengase nicht nur untereinander sicher unterscheiden, sondern auch von den vielen chemisch sehr ähnlichen Pestiziden. Komplizierter wird es allerdings, wenn man auf ein bisher unbekanntes Molekül stößt, zu dem es keine Vergleichsdaten gibt. Ein Angriff mit völlig neuen, bisher unbekannten Chemiewaffen ließe sich womöglich nicht sicher nachweisen – und damit auch nicht ahnden.

Andere technische Fortschritte wiederum kommen jedoch der Kontrolle chemischer Kampfstoffe entgegen. Moderne Detektoren sind kleiner und billiger geworden und Analyseverfahren empfindlicher. Dadurch kann man heute auch winzigste Spuren eines Stoffs in der Umwelt nachweisen und unbekannte Moleküle identifizieren. Dadurch lässt sich ein Chemiewaffeneinsatz möglicherweise belegen, selbst wenn der Tatort erst nach Wochen oder Monaten zugänglich ist oder der Kampfstoff bisher unbekannt war.

Die vielleicht wichtigste Veränderung aber sind moderne Kommunikationstechniken, die das Geschehen im Kriegsgebiet nahezu in Echtzeit dokumentieren. Satellitenfotos und Handybilder können handfeste Belege für Angriffe mit Chemiewaffen liefern, ohne dass man auf die Ergebnisse aufwändiger Analysen warten muss. Doch vor allem könnten solche über das Internet verbreiteten Aufnahmen das gleiche weltweite Entsetzen hervorrufen wie die Folgen der Gasangriffe im Ersten Weltkrieg – und damit auf den Angreifer zurückfallen.